Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1914)
- Date
- 1914-08-28
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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bekannt, und die schleunigste Benachrichtigung der Nächsten, auch eine schnellere öffentliche Bekanntmachung, wäre ein Segen. Die ganz Armen aber können nicht warten. Es gibt viele Ausländer, die, scheinbar reich, durch ihre Entfernung von der Heimat im Augenblick alles eingebüßt haben; es gibt Leute genug, ganz kleine Leute, die durch Einberufung ihrer Versorger, die ihnen von Tag zu Tag das Allernötigste beschafft haben, der vollkommensten Not preisgegeben sind. Sie können nicht warten, aber — man kann hinzufügen - sie brauchen nicht zu warten. Tenn unsere Armenpflege ist an nnb für sich so vorbereitet und die Kriegshilfe ist derartig organisiert, daß für diese Aermsten gesorgt wird. Namentlich wirkt unsere jüdische Gemeinde hierin vorbildlich. Außer der Armenkommission, die ihre großartige Tätigkeit weiter übt, ist eine Kriegskommission eingesetzt worden, die allen billigen Ansprüchen gerecht zu werden sucht. Aber alle die, welche diese Hilfe, die ihnen gern gewährt wird, in Anspruch nehmen, müssen nicht glauben, daß alle ihre Forderungen befriedigt werden. Eine ungewöhnlicheZeit ist gekommen; um derNot zu steuern, reichere gewöhnliche, selbst außergewöhnliche Mittel nicht aus. In einem leicht begreiflichen Egoismus meint jeder, dem es schlecht geht, er käme zuerst daran, und denkt nicht an die Vielen, denen ein ähnliches Los beschjeden ist. Alle anderen aber müssen warten lernen. Der Handwerker muß sich mit Wenigem bescheiden, er muß lernen, seine freie Zeit in Bildungsvereinen, statt in Kneipen'zu verbringen. Der Kaufmann muß mit Geringem vorlieb nehmen; die gezwungene Muße soll er zu theoretischer Ausbildung verwenden. Der Schriftsteller und Gelehrte, der seine Erwerbsquellen ganz oder teilweise versiegt sieht, bereite Neues vor für die Zukunft. Es sage sich jeder: Deutschland kann nicht vernichtet werden, die Welt steht nicht vor ihrem Untergang. Aber gerade der, der das Schlimmste fürchtet, wähne nicht, daß das Heil in der Untätigkeit liege. Warten heißt nicht: die Hände in den Schoß legen. Es heißt: geduldig sein und vertrauen. Bertranen auf sich, vertrauen auf die Führer, vertrauen auf die Gerechtigkeit, die trotz allem und alledem die Wett lenkt. Es klingt ermutigend, wenigstens erbaulich, wenn von vielen Seiten der Ruf erklingt: „Wartet und betet." Wir sind die letzten, die die Gläubigen abhalten wollen, in die Gotteshäuser zu strömen und sich Tröstung und Erhebung zu verschaffen. Aber männlicher, ermutigender töne es: „W a r t e t u n b a r - beitet." Laßt die schwere Zeit nicht ungenützt verstreichen. Reinigt euch, damit ihr gereinigt und geheiligt werdet. Ein solches Warten ist eine Kunst und eine Tugend. Uebet sie! Dir Woche. Berlin, den 23. August. nsere Vermutung, daß die Jude n i n B e l g i e n bei dem Abzug der Flüchtlinge besonders gelitten hätten, wird durch folgende Notiz der „Germania" bestätigt: Dieser Tage passierten hunderte galizischer Inden, die ans Belgien geflüchtet sind, Prag, um in ihre Heimat weiterznreiseu. Die Flüchtlinge, die fast durchweg kein Gepäck und kein Geld haben, sind, wie die „Bohemia" berichtet, ia jämmerlichem Zustande. Biete weisen blutige Striemen und Verwundungen aus; auch Frauen und Kinder zeigen die Spuren von Mißhandlungen, denen sie in Belgien ausgesetzt waren; die Kleider sind zerrissen und beschmutzt, und die meisten haben seit zwei Tagen und mehr nur das Notdürftigste genossen. Die Flüchtlinge erzählen, daß in ganz Belgien blutige Judenverfolgungen ausgebrochen sind, daß der Pöbel, von französischen Agitatoren geführt, die Juden, auch solche, die belgische Bäder zum Sommerausenthalt ausgesucht hatten, in ihren Wohnungen überfallen, ans die Gasse gezerrt, ausgeraubt und mißhandelt hätte. Wer sich widersetzte, sei erstochen oder erschossen worden. Der Pöbel soll unerhörte Grausamkeiten verübt und auch Säuglinge und Greise nicht geschont haben. Ueber tausend Familien mußten ihr Hab und Gut znrücklassen und unter beit größten Mühseligkeiten flüchten. Die Flüchtlinge passieren Prag zum größten Teile ans den Vorortbahuhöfen. Sie werden dort, so weit die Mittel reichen, verköstigt. * lieber L o d z gibt Ernst v. Wolzogen in der „Franks. Zeitg." eine Schilderung, in der folgende Stelle vorkommt: Das ganz neue Palasthotel, in dem wir, von dem glänzenden Namen angelockt, abstiegen, gab uns eine höchst wunderliche Vorstellung von russisch-polnischen Begriffen von Sauberkeit itnd Pünktlichkeit. Der Eigentümer und fast alle Angestellten darin waren Inden. Der Portier nahm sich ganz besonders drollig ans: ein kleines mageres Männchen in einer viel zu weiten reich betreßten Livree, das uns i 11 unverfälschtem Jiddisch mit überhöflichem Wortschivall überschüttete und nach jedem Satz knickste wie ein kleines Mädchen. Kaum waren nur ans unserem Zimmer angekommen -- es war tiu zwischen Abend geworden - ging eine Schießerei ans der Straße los. Ein paar Kerle rannten um ihr Leben, Gorodowois (Schutzleute) hinterher und lote ans dem Boden gestampft erfüllte plötzlich ein wütend johlender Blob die ganze Straße. Noch in der Nacht empfingen, wir die Auskunft, daß eilt paar Spitzbuben, die die Polizei aufaegriffen, sich beim Transport mit Hilfe des Pöbels losgerissen hätten. Tie Polizei alarmierte durch ihre Pfiffe die Dworniks (Hausmeister), die in all diesen unsicheren Städten mit Revolvern bewaffnet und zur Hilfeleistung für die Gorodowois verpflichtet sind. Es hatte angeblich drei Tote und einige Verwundete gegeben. Aber das regt die guten Leute weiter nicht auf, denn solche Straßenscharmützel sind an der Tagesordnung. Während unten die Schüsse fielen und die Menge tobte, flammten überall die friedlichen Schäbbeskerzen in den Vvrhanglosen Wohnzimmern aller Stockwerke auf und die frommen Inden ließen sich durch den Lärm in ihrem Gebet nicht stören. * Ueber das Manifest des Zaren, von dem in der vorigen Chronik die Rede war, wird in der „Franks. Zeitg." folgendermaßen berichtet: Der Zar rtlst die Juden zur freiwilligen Hilfe auf! Die Nachricht, daß in allen Städten Rußlands Aufrufe angeschlagen werden, in denen Nikolaus II. die Inden an die Wohltaten erinnert, die sie vom Hause Romanow genossen, erscheint anf den ersten Blick so lächerlich, daß man einen Zweifel nicht unterdrücken kann. Sie kommt aber von mehreren Seiten und in so bestimmter Form, daß inan doch wohl glauben darf, das Land der „unbeschränkten Unmöglichkeiten" habe auch dieses Dokument geboren. Eine unverschämtere Lüge hat freilich auch dieser Zar noch nicht gelogen. Man weiß, daß die Juden in Rußland, seitdem die Einverleibung Polens mit seiner starken jüdischen Bevölkerung das vorher bestehende bedingungslose Verbot für jeden Nichtchristen, die „heiligen" Bezirke Rußlands auch nur zu betreten, durchbrochen hat, als Parias leben, notwendigerweise geduldet, weil man ihre Dienste nicht entbehren kann, unterdrückt und bedrängt von der Gesetzgebung, die einen riesigen Band von Hemmungen und Schikanen für die Inden enthält, ansgebentet von der Polizei, die in Rußland der Staat selber ist. Es ist schon in der Reichsduma offen ausgesprochen worden, daß die ganze Polizei, die vom Staate Hungergehälter bezieht, nur von den Juden lebt, die ihr die Duldung von Uebertretungen der sogenannten Gesetze regelrecht abkaufen müssen. Im Gouvernement Charkow haben die Juden diese Besteuerung sogar vertragsmäßig geregelt, indem sie selber die Lasten nach der Vermögenslage unter sich verteilen und die ganze Polizei fest besolden, bis hinaus zum Vizegouverneur, der jährlich 6000 Rubel bezieht. In anderen Gegenden ist der einzelne Jude schutzlos der Willkür des einzelnen Polizisten preisgegeben. Mit diesen Opfern an Geld und Würde erkaufen sich die russischen Inden die Wohltaten des Hauses Romanow: die Existenz in steter Furcht vor dem Büttel, der sie von Hans und Arbeit vertreiben, ihre Läden schließen, ihre Waren „beschlagnahmen" kann, das nackte Leben, das ihnen nur auf Widerruf geschenkt wird, bis ein Gouverneur den Pöbel gegen sie hetzt. Von der letzten Revolution haben alle Völkerschaften Rußlands wenigstens eine Kleinigkeit gewonnen, nur die Lage der Juden ist seither noch schwerer geworden. Man hat den Haß, der sich gegen das herrschende System aufhäufte, künstlich gegen sie gelenkt. Man hgt ihre Religion beschimpft und verdächtigt, alle Schranken, die sie behinderten, höher und fester auf-