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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-08-28 · Heft 35 (28.8.1914) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 35 (28.8.1914)
Date
1914-08-28
Page
Seite 410 (sequence 2)
Language
German
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41 ö Lazarette zur Verfügung gestellt worden, die jüdischen Krankenpflegcrinnenvereine haben einen Teil ihrer Schwestern dem Nuten Kreuz abgegeben, jüdische Erholungsheime stehen den Verwundeten zur Gesundung und Pflege offen, in allen Zweigen der freiwilligen Kriegsfürsorge sind jüdische Männer und Frauen und Kinder tätig. Wir glauben zu wissen, daß diese begeisterungsvolle Hingabe im allgemeinen Dienste des geliebten Vaterlandes bereits heute die ehrliche Anerkennung nicht nur unserer Mitbürger, sondern auch maßgebender Instanzen gesunden hat. Allein ebenso sicher ist es, daß nur nicht etwa aus solchen kühlen Erwägungen heraus, sondern spontan aus innerstem Drange und natürlichster Begeisterung einmütig, wie unsere andersgläubigen Mitbürger, uns in den Dienst des Paterlandes gestellt haben. Das zündende Wort des Kaisers, das so begeisterten Widerhall in allen Schichten des Volkes ohne Unterschied der Partei und der Konfession gefunden hat: Er kenne Nur- Deutsche in diesen ernsten Stunden, wird und soll in unserem Gedächtnis und im Gedächtnis der Geschichte nie schwinden. Wir Juden sind in allen vaterländischen Dingen immer Nur-Deutsche gewesen, und in diesen Tagen, da es sich um die Ehre, die Große und den Ruhm des Reiches handelt, um die Abwehr frevelhaften Angriffs auf unser Vaterland, um den Schuß der höchsten Kulturgüter der Menschheit, deren Hort unser Vaterland ist, um Recht und Gerechtigkeit gegenüber asiatischem Despotismus, um deutsche Treue und Gesittung gegen Lüge, Heuchelei und Barbarismus, um den Glanz und die Größe unseres erhabenen Kaiserhauses, dem mir Juden in Treue ergeben sind, wie die besten unserer nichtjüdischen Mitbürger, wollen nur, folgend dem Zuge unseres Herzens, jedes Opfer, und sei es das größte, freudig auf uns nehmen für Kaiser und Reich, für unser deutsches Vaterland! R u r Deutsche.! Me Mult des Wartens. Eine K r i e g s b e t r a eh t u n g. Von L n d w i g G e i g e r. (VI11* dem „Berliner Tigeölott". Mit einigen Zusätzen. Geschrieben am 1*. Anglist.) ost hat jeder von uns das Warten verflucht! Wenn man am Postschalter steht und erleben muß, daß eine Dame den Postbeamten hunderterlei zu fragen oder der Bote eines Geschäfts fünf Postanweisungen und sieben eingeschriebene Briefe buchen zu lassen hat, wenn man auf der Straße bei schönem lgeschweige bei schlechtem) Wetter steht und zur lieberzeugung kommt, daß alle anderen Linien der elektrischen Bahn vorbeifahren, nur gerade die nicht, die mau braucht, wenn man bei einer Verabredung Unpünktlichkeiten erfährt oder im Vorzimmer eines Arztes dem Aufrufen seines Namens eutgegenharrt: dann meint man, das Warten sei das größte Unglück. Der Krieg ist ein guter Erzieher. Er lehrt warten. Am Dienstag, den 11., abends, erfuhren wir die Nachricht von dem Siege bei Lagarde, seitdem sind acht Tage vergangen, ohne daß nur von dem westlichen Kriegsschauplatz etwas Wichtiges gehört haben. Acht volle Tage und keine Nachricht. In gewöhnlichen Zeiten, in denen Telegramme für Durchquerung des Erdballs nur Stunden brauchen, und Telephongefprüche, wenn die Strecke gerade frei ist, uns in Minuten mit Nachrichten aus fernen Städten und Ländern verbinden, würden wir vor Aufregung vergehen. Im Kriege lernt man Geduld. Gewiß, die Ungeduld meldet sich bei vielen. Den einen veranlaßt sie zu düsteren Kombinationen: der und jener fürchtet ungeheure Niederlagen, entsetzliche Verluste. Diesem Zweifler, dem man zwar nicht einreden darf, die deutschen Truppen würden immer und überall siegreich sein, muß man entgegen- > halten, daß die deutsche Heeresleitung unbedingte Wahrheitsliebe gelobt und —gehalten hat (scheut sie sich doch nicht, die Schlappe einzugestehen, die zwei Festungsbataillone im Bogesenpaß von Schirmeck durch französische Artillerie erlitten haben). Man muß von ihm verlangen, daß er sich in Geduld faßt, und nicht etwa in unangebrachter Nörgelei sich und andere mit der Betrachtung quält, daß, wenn die deutsche Heeresleitung eine kleine Schlappe eingestehe, größere Niederlagen gewiß erlitten feien. Wer also räsonniert, ist ein Dilettant, kein Künstler im Warten. Und ein nicht geringerer Dilettant ist der, welcher Geheimnisse zu enträtseln, große Ereignisse vorauszuverkünden sich unterfängt. Was hilft es ihm, wenn er seine und anderer Ungeduld zu beschwichtigen sucht, indem er verkündet, ein Fort von Namur sei gefallen und eine gewaltige Schlacht tobe um Nancy? Meint er wirklich, daß auf Grund seiner Weisheit die Festung eher gestürmt oder die Schlacht früher geschlagen sei? Solchen, die große Ereignisse nicht abwarten können, sich mit Zweifeln beunruhigen oder durch große Erfolge zu belügen suchen, muß man mit Ernst entgegentreten, wenn man sie nicht mit Sanftmut beschwichtigen kann. Gewiß mag manchem, namentlich denen, die 1870 mitgemacht haben, die absolute Geheimhaltung, die große Schweigsamkeit des Großen Generalstabs peinlich, selbst qualvoll sein, aber sie mögen bedenken, daß jede Mitteilung über Märsche, Stellungen, Operationen, sobald sie irgendwie bekanntgegeben werden, durch Franzoseu- oder Rnsfenfreunde den Feinden verraten werden können, daß also eine zu weit getriebene Offenheit gegenüber dem kleinen Nutzen, den sie durch Lösen der Spannung erzielt, viel größeren Schaden stiften kann. Also lernt warten! Und auch sonst müßte die Kunst des Wartens geübt werden. Es ist sehr schön, daß Sammlungen in großem Maße und Umfange getrieben werden, aber es wird überstürzt. Außer Stadt und Gemeinden, den großen Organisationen, die fast allumfassend sind, sammeln Vereine und Private. Ich möchte am liebsten nicht glauben, daß die Vertrauensseligkeit der Spender oft gröblich gemißbraucht wird, daß es Unselige gibt, die sich zu bereichern schamlos genug sind, während sie vorgeben, dem guten Zweck zu dienen -- aber leider werden ganz bestimmte Beispiele solcher Niederträchtigkeit erzählt, so daß man sie leider glauben muß. Aber selbst die Berechtigten treiben es zu arg. Fast jede Post — glücklicherweise kommen nicht mehr so viele, wie in ruhigen Zeiten - bringt Aufforderungen zu Beiträgen, alle so dringend, als wäre gerade diese Not die einzige, die zu befriedigen wäre. Man kann nicht ein paar Schritte auf der Straße gehen, ohne sammelnden Knaben und Mädchen zu begegnen; in der Stadt- und der elektrischen Bahn werden den Fahrenden stets neue Büchsen cntgegengehalten. Wartet, denn was wollt ihr erst tun, wenn das Elend größer wird und die Kraft der Gebenden erlahmt? Wartet auch mit Tienstanerbietungen und Einrichtung von Heimstätten aller Art. Bei vielen Stellen sind der Anerbietungen so viele, daß die wirklich Arbeitswilligen und vielleicht gerade die, die am besten gebraucht werden können, zurückgewiesen werden müssen. Auch hier geschieht im Uebereiser zu viel. Auch hier heißt es: wartet, denn wir stehen erst am Anfang, der Krieg kann lange dauern; wo bleiben dann die Kräfte, wenn alles sich in quälender Halbtätigkeit ermattet oder verzehrt hat? Nur zwei Kategorien könnten oder sollten nicht warten: die Angehörigen und die ganz Armen. Die Bäter und Mütter, die wissen oder ahnen, daß ihr Kind im Felde ist, haben den berechtigten Wunsch, schnellstens über das Schicksal ihrer Teuren unterrichtet zu werden. In solchen Fällen liegt, wie wir bescheidentlich meinen, kein Grund zur Geheimhaltung vor; Verluste werden den Kommandos der einzelnen Abteilungen sofort

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