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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-08-28 · Heft 35 (28.8.1914) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 35 (28.8.1914)
Date
1914-08-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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78 Jahrgang Nr. 35 Berlin, 28. August 1914 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements«pre'ls: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin uns Vororten durch unsere verrriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32-t. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße <*M9, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. fTnflftft* Deutsche und ciH Juden. — Die Kunst des Wartens. Bon Ludwig G einer. — Die Wache. — Kriegsallerlei. — Die Flucbt der ausländischen Juden aus Norderney bei der Mobilmachnng. Lehrer Adolf Rothschild. — Professor Emanuel Leser. Bon L. G. — Feuilleton: Ferdinand Lassalle und seine Mutter. Bon Dr Adolf Kohut. —• L.terarische Mitteilungen. — Sprechsaal. — Druckfehlerderichtigung. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Danzig. Posen, Breslau, Dresden, Achim-Bremen, Hamburg. Hannover, Malmö, Sofia. — Von Nah und Fern. Als Drilliche und als Juden. ttentaten und Mörderhänden sind zahlreiche Mitglieder des Hauses Romanow — das lehrt die Geschichte des Zarenreiches — zu Opfern gefallen. Für die fluchwürdige Abscheulichkeit solcher Bluttaten, so sollte man meinen, dürfte der Herrscher aller Reußen ein besonders tiefes Verständnis haben. Das hinderte aber die russischen Machthaber nicht, die ganzen Machtmittel des Zarenreiches und sein Prestige nun cinzusctzen zum Schutze der Schuldigen und Mitschuldigen des feigen Meuchelmordes in Sergjewo, dem das österreichische Thronfolgerpaar zum Opfer gefallen ist. Mag sein, daß dem asiatischen Barbarentum, dessen Gegenwartsgeschichte das ungesühnte -Schandmal der zahlreichen blutigen Morde von Kischinew usw. anhaftet, das Bewußtsein der moralischen Verworfenheit, die sich in der Mordtat und in dem Schutze von Mördern dokumentiert, vielfach abgeht. Aber daß sich Kulturstaaten, lvie Frankreich und England zu Bundesgenossen des asiatischen Barbarentums herabwürdigen konnten, ist viel beschämender, ist eine Todsünde gegen Kultur und Moral, gegen die Menschheit überhaupt. Wir Juden, wo immer wir weilen mögen, sind durchdrungen von der festen Ueberzeugung, daß das Walten der Gerechtigkeit sich auch in der Weltgeschichte und der Geschichte der Völker manifestiert. Indem England und Frankreich sich zu Mitbeschützern der serbischen Mordbande auf die Seite Rußlands stellten, haben sie ihr Schicksal mit demjenigen des Halbasiatentums und der Barbarei verknüpft. Die Weltgeschichte wird ihnen die Sühne dieser schweren Schuld gewiß nicht erlassen. Was wiegen die Ponderabilien nationaler Diplomatik und Politik gegenüber den unwandelbaren ethisch-moralischen Werten, die, unbesiegbar und unbeugsam, ihre Siegerspur in die Geschichtsbücher der Menschheit eingetragen haben! So zeigt sich schon, frei von jeder nationalen Perspektive, auf welcher Seite in dem gewaltigen Weltkriege, dessen blutige Fackel sich an dem Wahnwitz einer kleinen Rotte serbischer Soldateska entzündete, Frevel und Schuld und auf welcher Seite Recht und Gerechtigkeit sich befinden. Unser geliebtes deutsches Vaterland, der Hort der höchsten Güter der Menschheit, der Gesittung und Ordnung, der Künste und Wissenschaften, ist im Bunde mit der habsburgischen Monarchie in dem blutigen Weltringen der Verteidiger und Schützer der europäischen Zivilisation und der höchsten Kulturgüter gegen finsteren Barbarismus und Unkultur. Gibt es für das Empfinden eines Kulturmenschen einen schrecklicheren Gedanken als denjenigen, es könnten die europäischen Völker unter die Knutenherrschaft des zarischen Despotismus, des Halbasiatentums geraten? Und dazu reichten Frankreich und England ihre Hand! Die helle Begeisterung und die selbstlose Opferwilligkeit, die die gesamte deutsche Nation ohne jeden Unterschied der Parteiungen und Konfessionen in so rührend erhebender Weise betätigt, bezeugt, wie alle Glieder des Volkes beseelt sind von der wurzelechten tiefsten Liebe zum Vaterland, zu dessen Schutz mit der Waffe in der Hand sich die kaum dem Knabenalter entwachsene Jugend und die an der Schwelle des Greisenalters stehenden Männer mit der Blüte der Manneskraft drängt. Und was uns Deutsche jüdischen Bekenntnisses zu ganz besonderer Genugtuung gereicht und mit hoher Freude erfüllt, ist die feststehende Tatsache, daß unsere deutschen Glaubensbrüder vom heiligen Eifer und dem schönen Willen sich beseelt zeigten, in der Hingabe von Blut und Gut für das geliebte Vaterland, für Kaiser und Reich allen anderen womöglich voranzugehen. Es bedurfte kaum der Aufrufe, die von verschiedenen jüdischen Organisationen ausgingen, um unsere waffenfähigen Glaubensgenossen zu veranlassen, in hellen Haufen unter die Fahnen zu eilen. Aber als historische Dokumente der patriotischen vollen Hingabe der deutschen Juden haben diese Aufrufe dennoch ihre Bedeutung. War doch der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" im Verein mit dem „Verband der deutschen Juden" vielleicht die erste, sicher aber eine der ersten Organisationen und Vereinigungen, die einen solchen Aufruf zum freiwilligen Eintritt in das Kriegsheer erlassen haben. Und sehr schnell folgten die gleichen Aufrufe vom Verband der jüdischen Jugendvereine, von der jüdischen studentischen Vereinigung der XLer, von den jüdischen Turnvereinen, von den zionistischen Vereinigungen. Und das Wertvollere gilt es festzustellen, daß die Deutschen jüdischen Bekenntnisses diesem Rufe folgten. Wir stehen erst am Beginne des gewaltigen Völkerringens, aber schon finden wir in den bisher veröffentlichten Verlustlisten Namen jüdischer Kämpfer, die ihr Leben oder ihre Gesundheit für das Vaterland hingegeben haben. Unsere religiösen Gemeinwesen, humanitären Vereine und sonstigen Institutionen entfalten den edelsten Wetteifer mit allen unseren Mitbürgern in der Liebesarbeit für unsere wackeren Soldaten im Felde, für die zurückgebliebenen Frauen und Kinder der in den Krieg Gezogenen, in der sozialen Fürsorge für die Notleidenden, in dem guten Beispiel, soweit Mittel und Möglichkeiten dies zulassen, über die drückenden Verhältnisse unseres nationalen Wirtschaftslebens den am schwersten davon betroffenen Erwerbsschichten hinwegzuhelfen. Der größte Teil der jüdischen Krankenhäuser ist den Militärbehörden als

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