Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1914)
- Date
- 1914-08-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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V 78 Nr 34 Der Gemeindebote. 8er,i”21 A“sus'1,14 Veiliige zur „Allgemeinen Leitung drK Judentums". korrksponden?rn und Kachnchten. Deutschland. Y. Berlin, 16. Allglist. Eine außerordentliche Sitzung war es, zu der heute die R e P r ä s e n t a n t e n v e r s a m m l it n g vollzählig Znsammengetreten war. Auch uni Vorstalldstische fehlte nienland. Eröffnet wurde die Sitzung mit einer Ansprache des Vorsitzenden, Herrn L o u i s S n ch s , der etwa folgendes ousführte: „Als die Versammlung in die Ferien ging, ahnte wohl niemand, daß wir heute in einem Kriege stehen, der fast alte Kulturvölker Europas ergriffen hat. Wir alle wissen, wie sehr unser Kaiser bemüht gewesen ist, bis Zum letzten Augenblicke den Frieden Zn wahren. Wir sind in den Krieg gedrängt worden und nun gilt es, unsere nationale Ehre Zn wahren und Zu verteidigein Es ist selbstverständlich, daß auch die jüdische Gemeinde Berlin bereit ist, große Opfer Zu bringen für das geliebte Vaterland, für Kaiser und Reich. Mit Stolz blicken wir! ans die große Schar unserer Glaubensgenossen, die gleich den! Andersgläubigen voll Begeisterung ins Feld gerückt sind Zur Ver-! teidignng des Vaterlandes und der Ehre Deutschlands." (Lebhaftes! Bravo!) Dann fuhr Herr Louis Sachs fort: Ich habe nun noch die! traurige Pflicht, der Versammlung Mitteilung Zu machen von denn j tun 1(5. vorigen Monats erfolgten plötzlichen Hinscheiden unseres Mit-! gliedes. Geh. Justizrats Dr. Herrmann V e i t S i m o n. (Die Versammlung erhebt sich von ihren Sitzen.) „15 Jahre gehörte der Verblichene, dessen Hinscheiden für uns ein großer Verlust ist, dieser Versammlung an. Veit Simon war ein scharfer Denker, ein begeisterter Redner, und bei seinen hohen geistigen Anlagen hatte er oft maßgebenden Einfluß auf unsere Versammlung und deren Beschlüsse. Er war allezeit ein treuer Jude, ein liebevoller Gatte und Vater, und ein selten treuer Freund. Eineil echten deutschen Mann und guten Inden haben wir verloren. Sein Andenken wird unter uns leben und unvergeßlich sein." Zum Schlüsse sprach der Herr Vorsitzende die Erwartung ans, daß die der Liebestätigkeit dienenden Vorlagen des Vorstandes debattetos und einmütig angenommen werden würden. Hierauf ergriff der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Kommerzienrat Ei 8 n er, das Wort: „Eine tiefernste, schicksalsschwere Zeit ist es, in der wir leben. Seit 26 Jahren hat sich unser geliebter Kaiser als Hort des Friedens betätigt, ein Friedensfürst wollte er auch vor der Geschichte sein. Auch jetzt hat er wie ein Vater sich bemüht, seinem Volke den Frieden zu erhalten. Allein es gelang nicht,' der Krieg wurde uns ausgedrängt. Unsere Feinde und Gegner glaubten, es sei für sie die Zeit gekommen, über uns herzufallen. So mußte ein Brand entfacht werden, wie er größer nicht gedacht werden kann nlld wie ihn die Weltgeschichte noch nie gesehen. Entsetzlich llnd grausam erscheint der Krieg. Mag aber and) der Feind die Uebermacht haben, wir fürchten uns nicht. Wir sind überzeugt von unserer gei rechten Sache und von unserem Siege. Wir haben lmsere Söhne und z Verwandten hineinziehen sehen in den Krieg mit glühender Vaterj landsliebe und fester Zuversicht ans den deutschen Sieg. Wir aber, die nur hier bleiben, haben die Pflicht, die Folgen, die Gräuel und Entsetzen des Krieges nach Möglichkeit zu lindern. Wir haben uns Zn betätigen in Liebeswerken für diejenigen, die Zur Verteidigung des Vaterlandes hinansgegang.en sind, für die Verwundeten und sonst durch den Krieg hart Getroffenen. Wir sind überzeugt, wir werden siegen, denn Recht muß Recht bleiben." Auch der Vorsitzende des Vorstandes bittet, die Vorlagen einstimmig und debattelos anznnehmeu. In der Vorlage des Vorstandes heißt es: „Die durch den Ausbruch des Krieges hervorgerufene Lage stellt auch an die Opferwilligkeit der jüdischen Gemeinde Zu Berlin hohe Anforderungen. Die erste Sorge gilt den im Kampfe für das Vaterland verwundeten oder erkrankten Kriegern. Die nächste nicht minder wichtige Aufgabe ist die Fürsorge für die bedürftigen Angehörigen der zur Fahne einbernfenen Mitbürger. Der Vorstand erachtet es für angemessen, für beide Zivecke erhebliche Beträge zu Händen derjenigen Organisationen Zn bewilligen, die sich diesen Aufgaben ohne Unterschied der Konfession nndinen, nämlich dem Roten Kreuz von Berlin und den Zum Bezirk der Berliner jüdischen Gemeinde gehörigen Ortsgemeinden, lieber den bezeichneten Kreis hinaus aber sind viele Familien durch den Allsbruch des Krieges iit Rot und Sorge versetzt worden. Zahlreiche Hilfsgesnche liegen dein Vorstande bereits vor. Rasche Hilfe tut auch hier not. Demgemäß wird beantragt: 25 000 Mark bcm Roten Kreuz vor: Berlin zur Pflege der tut Felde verwundeten und erkranktell Soldaten, 60 000 Mark tunt Kommunen Groß-Berlins für die bedürftigen Allgehörigen der zur Fahne Eillberufeuen ulld 20 000 Mart Zur Verfügung des Vorstandes der jüdischen Gemeinde für dringende Anforderungen Zll bewilligen, die mis Anlaß des Krieges an die Gemeinde herantreten." lieber die Vorlagen referierte Herr Direktor Dr. Ac i il d e n : „Ter Krieg, dessen furchtbare Grausamkeiten wir bereits jetzt erfahren haben, charakterisiert sich als ein Kampf für die höchsten geistigen Kulturgüter auf der einen Seite gegen Barbarei und Heuchelei ans der anderen Seite. Die jüdische Gemeinde Berlin wird selbstverständlich ihre Pflicht gegen das Vaterland in vollen Maße erfüllen; unsere Jugend ist ins Feld gerückt, ulld wir dürfen fest überzeugt sein, daß in ihnen der alte Makkabäergeist der Tapferkeit llnd Treue lebendig sein wird. Geschwunden sind alle konfessionellen Unterschiede. Hier zeigt es sich, daß es feinen Unterschied gibt in Vaterlandsliebe und Opferwilligkeit. Ans vollem Herzell empfehle er die einstimulige debattelose Annahme der Vorstandsvvrlagen. Er danke dem Vorsitzenden für die Ehre, daß er gerade ihll ausersehen habe, über diese Vorlagen Zu referieren. Voll Gottvertrauen sehen wir dem siegreichen Kampfe entgegen, und so sagen wir: wir Deutschen müssen siegen und werden siegen." Tie Vorlagen werden daraufhin einstimmig und debattelos angellomlnen. Herr Lollis Sachs nilnmt noch Anlaß, dem Vorstande Dank abznstatten für sein.energisches und schnelles Vorgehen, und schließt utit der Versicherung, daß die Versammlung bereit sein werde, auch noch mehr Opfer zu bringen, wenn es erforderlich fein wird. Punkt 2 der Tagesordnung betrifft gleichfalls Ausgaben, die durch die allgemeine Kriegslage und den Ausbruch des Krieges bedillgt silld. Es handelt sich mn Alisgaben für Armennnterstützungen nild Durchreisendenfürsorge. Herr Geheimrat B l u m e n t h n l referierte über diese Vorlage. Zur Beherbergung und Beköstigung von Durchreisenden müßten in jetziger Zeit besondere Allflvendllngell gemacht werdell. Bereits am 2. August habe der Vorstand vorbehaltlich der uachträglicherl Zustimmlulg der Repräsentanten beschtossell, der Armenkommission 11 000 Mark zllr Verfügung zu stellen, um denjenigen ausländischen Jllden, die infolge des Allsbruches des Krieges die Grenze nicht mehr passieren tonnten, Armennnterstützungen zu gewähren. Besondere Anforderungen lvürden zurzeit auch an den jüdischen Volksverein gestellt, der sowohl in seiner Herberge in der Augnststraße wie auch in anderen Ouartieren eine große Zahl fremdländischer Inden zil unterhalten hat. Der Vorstand beantragt dementsprechend, dem jüdischen Volksverein zur Beherbergung mld Beköstigung bedürftiger Durchreisender cin-c außerordentliche Beihilfe voll 4000 Mart lind der Armentommission zur Gewährung von Armenuilterstützungen an die gleiche Kategorie Armer 5000 Mark nachträglich Zll bewilligen. Auch diese Vorlage wurde einstimmig und debattelos angenommen. Schließlich erfolgte noch die Amtseinführung der neu respektive wiedergewählten Vorstandsmitglieder durch Herrn Lollis Sachs statt. Herr Sachs führte dabei ans: „Wir können die heutige außerordentliche Sitzung llicht besser beschließen, als mit der Einführung von vier solchen wackeren Herren. Mit Freude begrüße man die Herren S e l i g s o h n lind N etter, die scholl viel geleistet haben und voll denen inan recht viel erwarten könne. Außer den Herren Satomon Seligsohn und Kommerzienrat Netter werden noch die Herren Justizrat Dr. Julius Magnus und Dr. phil. Engen Hirschberg eingeführt. Herr Justizrat Magnlis lverde", so führte der Vorsitzende alls, „die reichen Erfahrungen, die er gesammelt, und da er auch schon früher im Dienste der Gemeinde gearbeitet, Zllm Nutzen der jüdischen Gesamtheit der Gemeinde leihen. Auch Herr Tr. Hirschberg sei bereits feit sieben Jahren tätig. Er hoffe, daß er neben seinen wissenschaftlichen Bestrebungen doch die erforderliche Zeit für den Dienst in der Gemeinde haben werde." Herr Sachs schließt: Ich hoffe. Sie werden Ihre Pflicht erfüllen lind in friedlicher Zusammenarbeit mit den i!