Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-08-21 · Heft 34 (21.8.1914) · p. Seite 408

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 34 (21.8.1914)
Date
1914-08-21
Page
Seite 408 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229158--70663-3283021
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

scharfsinniger Weise zusannnengestellt und Verlvertet worden. Die Hauptergebnisse, zu denen er kommt, sind folgende: Nirgends in der Welt war bisher die Familie bei allen Gliedern der Rasse so gefestigt und die Erzeugung eines ordentlichen und ziffernmäßig starken Nachwuchses so sehr als Ideal festgelegt wie bei den Juden. Die Inden haben der Erhaltung ihrer Art außerordentliche Opfer gebracht, sie haben für die Ehe, für die Kinder und für ein Heim stets eitlen liebevollen Sinn besessen. Wenn daher die durch viele Jahrhllnderte hindurch nngeschwächte Zeugungsfähigkeit derselben so nr- Plötzlich zum Erlöschen lleigt, so kann es kailm in ihren biologischen Ounlitüten liegen. Tenn ihre körperliche Widerstandskraft spiegelt sich am besten in der günstigen Sterblichkeits- und Krankheitsstatistik wider, die nicht beweist, daß die Hauptmasse der jüdischen Bevölkermlg Physisch zur Entartung neigt. Das Nachlassen ihrer Fruchtbarkeit ist nicht in Zeugnngsnnfähigkeit, sondern in Unlust und berechnendem Willen begründet. Groß-Berlin zählt hellte 150 000 Juden: das ist mehr als ein Drittel der preußischen Inden überhaupt. Wenn die jüdische Bevölkerung Berlins in den letzten hundert Jahren so Mlgewöhnlich zngenommen hat, so rührt das zum allergrößten Teil ans der Einwanderung kleillstädtischer Inden des deutschen Ostens her; iit neuerer Zeit auch von außerhalb des Deutschen Reiches, ans Rußland Mld Galizien. Während nun zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die Geburten 27 Prozent betrugen, sank diese Ziffer in letzter auf 10 Prozent und noch darunter. Dabei haben sich die eheschließenden jüdischeil Personell mehr als um das Doppelte vermehrt. Das kann nur sozial-ökonomische Gründe haben, schon in den siebziger Jahren zeigte es sich, daß die Juden nicht nur viel später, sondern auch seltener heirateten, und jetzt liegen die Verhältnisse so, daß die Inden in der Zeit, wo sie die Höhe ihrer Eheschließnngszisser erreicheil, llvch über ein Viertel ihrer Bevölkerung Unverheiratet besitzeil. Blau hat festgestellt, daß unter hundert Juden ein Viertel ehelos und ein weiteres Viertel kinderlos bleibt. Von der knappen Hälfte der Bevölkerung, die sich vermehrt, hat fast zwei Drittel nur ein und zwei Kinder inld nur ein Drittel mehr als diese; das heißt, die Hälfte der gallzen jüdischeil BevölkeriNlg komnlt zeitlebens für die Vermehrung überhaupt llicht in Frage, sie ist gänzlich nnfrnchtbar; mehr als etit Viertel liefert einen viel zn geringen Zuwachs, ilild nur ein Viertel liefert die Kinderzaht, die einer gesunden Bevölkerungsvermehrnng entspricht. Ulld die Berliner Inden würden ein llvch viel traurigeres Bild ihres Zuwachses aufzeigen, wenn sie llicht die allsländische ZlNvaildernng besähen. Ohne die fruchtbaren ausländischen Inden wäre der Zuwachs an jüdischen Kindern noch geringer, als er ohnehin ist. Heute ist das reinste Zlveikilldersystem bei deil Juden dnrchgeführt. Unter den Heiratendell gibt es Akademiker knapp 10 Prozellt. Der einzige Akademiker, der mehr als sechs Kinder hatte, war llach beit Untersuchungen ans dem Jahre 1910 ein ans dem Auslande stammelider Rabbiner, wie überhaupt bei deil Rabbinern die Mehrgebnrten noch vielfach Vorkommen. Die Arbeiter, die unter beit Erschließenden dieselbe Zahl wie die Akademiker auflveisen n0 Prozellt), hatteil in 04 Prozent der Fälle vier ulld lnehr Kinder: es zeigte sich auch hier, daß das Proletariat die Art erhält. Die deutschen Juden besitzen aber nur eilt geringes Proletariat. Das soziale Anfsteigell der Jndeil wird llicht nnr dllrch die hohen Steuerzahlen, sondern auch durch die hervorragende Verbesserung der Sterblichkeit, namentlich der Säuglingssterblichkeit bei ihnen bezeugt. Ob es bei dem großstädtischen Nachivuchs ans deil modernen Ehen" so bleiben wird, ist abznwarten. Der Verfasser belegt seine Behauptungen lilit vielen Tabellen, und voll besonderem Interesse siild auch die statistischen Zahlen über die Bernfsstellung der heiratenden Juden, über das Alter der jüdischen Eheschließenden, über die Unfruchtbarkeit der jüdischen, oft sehr spät geschlossenen Ehen, der Mischehell ustv. Er konllllt zn dem Schluß, daß unter unfern heutigen sozialen Verhältnissen das materielle und soziale Aussteigen sowie der dringende Wunsch llach ökonomischen Mitteln und gesellschaftlicher Stellung deil beteiligten jüdischen Familien schwerste Gefahren in rassenhygienischer Beziehung bringt. Seine Untersuchungen und Schlußfolgerungen sind voll besonderer Bedeutung auch mit Rücksicht auf die allgemeine Abnahme der Geburteil im Delitschen Reiche und die voll fetten des Staates geplanten Maßnahmen dagegen. Die Broschüre verdient deshalb llicht nur in jüdischen Kreisen, sondern auch darüber hinaus größte Beachtung und weiteste Verbreitung zn findell. Sanitätsrat Dr. S ch e r b e l. * — Das k e i m ende Lebe n. Aus dein Nachlaß eines jungen jüdischeil Rechtsanwalts. Heransgegeben von einem Freunde. Kurt Wolfs. Verlag, Leipzig 1911. 8«. 79 Seiten. 1,50 Mark. Eill junger Anwalt hat Selbstmord begangen. In einer hinterlassellen Schrift gibt er in ausführlicher Darstellung die Gründe dieses schrittes der Verzweiflung an. Eine wegen Abtreibung zur Rechenschaft gezogene Frau hat ihn zum Verteidiger erwählt; die Angelegenheit wird ihm — ohne daß er sich zu sagen vermag wie — zu einer Herzenssache; was das Strafgesetzbuch Verbrechen neilnt, erkenllt er in unserer Zeit und unter unseren Begriffen von Moral und Ehrbarkeit als eine Wohltat und er macht es sich zur Aufgabe, durch eine eingehende Verteidigungsrede die Freisprechung der Angeklagten zlk erreichen und so Bresche in die fernere Geltung des betreffenden Strafparagraphen zu legen. Sein Versuch mißlingt, da der Vorsitzende des Gerichtshofes ihn hindert, die wohlvorbereitete Rede zu halten; die Geschworenen dringen auf ihn ein, da sie ihre eigene Bloßstellung befürchten — keiner ahnt, daß da ein Mensch für eine heilige Sache und für eine Ueberzeugung kämpft. Gebrochen verläßt er die Stätte seines Kampfes und seiner Niederlage; er schreibt nur noch ilieder, was ihn in den Tod treibt und nimmt dann das Gift, das ihm ein befreundeter Apotheker in blindem Vertrauen überlassen. Herbert Eulenberg hat die erschütternde Niederschrift als ein ungewolltes Vermächtnis eines Freundes dem Truck übergeben, lieber die Frage selbst, die hier zur Erörterung gestellt wird, haben Aerzte und Juristen, vielleicht auch die berufenen Vertreter der Volkswirtschaft, zu entscheiden. Vielleicht aber auch alle diese nicht, sondern allein das Frauengeschlecht und niemand anders. Hier haben wir es nnr mit der literarischen Würdigung der kleinen Schrift zu tun. Sie ist ein kleines Meisterwerk der Stilistik: die Niederschrift der beabsichtigten Verteidigungsrede vollendet künstlerisch; auch' die Worte, die der junge Anwalt in den Gerichtsaal hineinschleudert, da der Vorsitzende ihn am Sprechen hindern will, sind Zeugen einer großen Leidenschaft. Nebenher finden sich in der Schrift manche beißende Bemerkungen, die darum aber nicht minder treffend sind; namentlich die Schilderung der Vorgänge im Gerichtsgebäude an dem verhängnisvollen Tage - Gerechtigkeitsmühle nennt der unglückliche Anwalt die Verhandlungen des Gerichts — ist einem jeden aus der Seele gesprochen, der einmal denkend und empfindend einer Gerichtsverhandlung beigewohnt hat und sich nicht genug darüber wundern kann, mit welchem Ernst einerseits die gleichgültigsten Tinge von der Welt dort eifrig unb stundenlang verhandelt und mit welcher Gleichgültigkeit dort Eide geleistet unb Menschen mechanisch zu Gefängnis und Zuchthaus verurteilt werden. Die Schrift atmet auf jeder Seite, in jedem Worte jüdischen Geist und jüdisches Empfinden; vor allem aber ist der heilige, große Ernst, mit dem der Anwalt für die Sache seiner Klientin, die ihm unversehens die seine geworden war, eintritt, durch und durch jüdisch. Um so tragischer das Ende, und dies llm so mehr, als man nicht weiß, wo hier die Wahrheit liegt. Dr. N. Sprrchlasl. Berlin, 7. August 1914. An die Redaktion der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" Berlin. In bezug auf den Artikel „Uebereiser" in der Nr. 30 vom 24. v. M. gestatten wir uns nachstehende Entgegnung mit der Bitte um gefällige Ausnahme in der nächsten Nummer Ihres geschätzten Blattes zn übersenden. 1. Wir halten es vom Standpunkte des jüdischen Liberalismus nicht nur für zulässig, sondern sogar für geboten, aus die religiösen Empfindungen unserer traditionellgesinnten Glaubensgenossen hinsichtlich der rituellen Verpflegung ihrer Kinder in unseren Kolonien jede Rücksicht zn nehmen, da eine mehr als 30jährige Erfahrung uns gelehrt hat, daß diese unser-e Glaubensgenossen ihren Kindern lieber die Wohltat einer Ferienerholung versagen, als ihnen den Genuß nichtritueller Speisen erlauben würden. 2. Es erscheint uns mit unserm Deutschtum durchaus vereinbar, daß jüdische Kinder in den Ferienkolonien nicht im christlichen, sondern im jüdischen Geiste beaufsichtigt und angeleitet werden, was wir in spezifisch christlichen oder „interkonfessionellen" Ferienheimen be: der verhältnismäßig geringen Zahl der in diesen Kolonien nntergebrachten jüdischen Kinder weder verlangen noch erwarten können. Der B o r st n n d d e s Vereins für Ferienkoloni e n j ü d i s ch e r Kinder E. V. Dr. L. Bl u m e n thal, Vorsitzender. S. K o r a ch , Schriftführer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.