Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-08-21 · Heft 34 (21.8.1914) · p. Seite 407

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 34 (21.8.1914)
Date
1914-08-21
Page
Seite 407 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229158--70662-3283020
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Litrrsrilche Mittrilungm. — „Vom Ghetto ins Land der Verheißung." Von Mary Antin. Memoiren-Bibliothek V. Serie, Zweiter Band. Autorisierte Uebersetzung von M., und U. Steindorff. Verlag Robert Lutz, Stuttgart. Ich bin in der amerikanischen Literatur zu wenig bewandert, um Zu wissen, welchen Platz Mary Antin dort einnimmt. Ich kann daher dies Buch nur für sich allein besprechen, ohne Rücksicht auf die sonstige Tätigkeit der Schriftstellerin zu nehmen. Sieht man von einzelnen Absonderlichkeiten und Fehlern ab: D a i j a n statt Dajan, S ch o h a t statt Schochet, L ä m d e n statt Lamden, die Heber statt der oder das Cheder, die ebensowohl auf das Konto des Uebersetzers als auf das der Verfasserin gesetzt werden könnten, so bleibt jedenfalls eine höchst interessante Autobiographie, belehrende und unterhaltende Mitteilungen über den Entwickelungsgang einer russischen Jüdin übrig, die aus kleinen, ärmlichen, gedrückten Verhältnissen sich zu einer selbstbewußten, zielsicheren Amerikanerin aufschwingt, die, nachdem ihre Eltern auch noch lange im „Lande der Verheißung" sich recht ärmlich behelfen mußten, allmählich zu Wohlstand und literarischer Bedeutung gelangt. Befremdend, fast geradezu erkältend, wirkt nur, daß die Verfasserin, die über scharfe Beobachtung und glänzende Darstellung gebietet, so gar kein oder wenigstens herzlich wenig Gemüt hat. Die Art, wie sie über ihre Geschwister und über ihre Eltern spricht — den letzteren macht sie den allzu reichlichen Kindersegen Zum schweren Vorwurf, und unter den Geschwistern Zeigt sie eigentlich nur der älteren Schwester gegenüber wirkliche Zuneigung — ist höchst frostig. Das Befremdlichste an dem Buche ist aber, daß die eigentliche Entwicklung fehlt. Dieses fast gänzlich ungebildete Judenmädchen, das sich allerdings schon in seinen Kindheitstagen besonderen Verstandes und leichter Auffassung rühmt, wird, kaum, daß es den Boden Amerikas betreten hat, zur verständigen, bildungsfähigen, ihres Weges gewissen Amerikanerin. Das geschieht so plötzlich, sie versteht es, sich mit einer so wunderbaren Behendigkeit in alle Verhältnisse zu fügen, lernt blitzartig Englisch, ist imstande, sofort englische Aufsätze und Gedichte zu schreiben, die nicht bloß bei ihren Lehrern Anklang finden, sondern sogar gedruckt werden, daß der Leser eine solche Riesengeschwindigkeit unheimlich, ja unerklärlich findet. Denn das, was eigentlich an einem solchen Buche psychologisch reizen könnte, ist eben der allmähliche Uebergang, die schrittweise sich vollziehende Umwandlung — von dieser erfährt man aber durchaus nichts. Von solchen Mängeln abgesehen, bietet das Buch eine ungemein lehrreiche Lektüre. Sowohl die Streiflichter, die auf russische Zustände geworfen werden, als auch die ausführliche Beleuchtung amerikanischer Verhältnisse sind von hoher Bedeutung. Freilich darf man nicht vergessen, daß das Werk kein Buch über die russische oder amerikanische Judenheit sein soll, sondern, daß es eine Autobiographie ist, in der, wenn auch nicht ausschließlich, so doch in einem fast über Gebühr hohen Grade von der Verfasserin gesprochen wird. Die Uebersetzung liest sich angenehm; wieweit sie dem Originale entspricht, vermag ich nicht anzugeben. L. G. * Gideon der Arzt. Von Johannes Höffner. Roman. Zweite Auflage. Wismar, Hinstorffsche Verlagsbuchhandlung. 1914. All das Gute, was man von diesem Roman zu sagen hat, haben wir bei seinem ersten Erscheinen im Jahrgang 1912 Nr. 1 in einem größeren Artikel zum Ausdruck gebracht, zugleich den Wunsch ausgesprochen, daß das vortreffliche Buch die Verbreitung finden möchte, die es verdient. Unser Wunsch ist in Erfüllung gegangen, wie das Erscheinen einer zweiten Auflage beweist. Ob diese etwa in Einzelheiten verändert worden ist, wird nicht gesagt. Bei der flüchtigen Durchsicht ist mir jedenfalls von grundlegenden Veränderungen nichts aufgefallen. Ich erfülle daher nur die angenehme Pflicht, das Buch auch in seiner neuen Gestalt den Lesern dieses Blattes aufs wärmste zu empfehlen. L. G. * — Bernhard W ach stei n. Katalog der Salo Cohnschen Schenkungen an die Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Teil I: Bücher aus der Sammlung des Rabbiners Nachum Beer Friedmann-Sadagora, Wien 1911; Teil II: Bücher aus der Sammlung S. H. Halberstam-Bielitz, 1914. XVIII -j- 216, XVI -s- 178, gr. 8°. Es ist in diesen Blättern wiederholt rühmend erwähnt worden, wieviel die Israelitische Kultusgemeinde in Wien in den letzten Jahren geleistet hat, um ihren Kulturaufgaben gerecht zu werden, insbesondere wie sie die geschichtlichen Schätze einer bewegten Vergangenheit erforschen und in ausgezeichneten Publikationen verbreiten läßt. Sie hat sich neuerdings wiederum einen Anspruch auf unsere Dankbarkeit erworben, dadurch, daß sie begonnen hat, die reichen Bestände ihrer Blibliothek aufzunehmen und in glänzend ausgestatteten Katalogen den Fachmännern zur Kenntnis zu bringen. Der Anfang wurde mit der umfangreichen Sammlung gemacht, die aus den Schenkungen des aus der Verwaltung der Wiener Gemeinde und ihrer Chewra Kadischa, sowie auch sonst als Mäzen der Wissenschaft, rühmlichst bekannten Herrn Salo Cohn herrührt. Jede der beiden hier aufgenommenen Bibliotheken hat ihre Besonderheit, die eine aus der Familie des Rabbis von Sadagora zeichnet sich durch die Reichhaltigkeit an Druckwerken aus östlichen Druckereien und an Produkten der Chasidischen Literatur aus; beide Eigentümlichkeiten sind bisher bibliographisch noch niemals sorgfältig verzeichnet, der vorliegende Katalog, der im ganzen 923 Nummern auf^'^t, füllt daher eine in den Kreisen der Bibliographen häufig emps..n0ene Lücke aus. Die zweite Sammlung rührt von dem als Besitzer einer reichen Bibliothek und als Gelehrten weithin geschätzten Bielitzer Kaufmann S. H. Halberstam (1832-—1900) her, der nicht nur mit erlesenem Geschmack zu sammeln verstand, sondern auch durch die Benutzung der Bücher und die ihnen häufig beigefügten gelehrten Randbemerkungen ihren Wert noch erhöhte. Bon H.s gedruckten Büchern kamen nur 415 nach Wien — der weitaus größte Teil wanderte nach seinem Tode nach Amerika — es befinden sich darunter 30 Inkunabeln, von denen einige außerordentlich selten sind, ebenso 30 Werke aus der Zeit zwischen 1500 und 1520, die zum Teil von nicht geringerem Wert sind, ferner sehr seltene Bibelausgaben mit lateinischer Uebersetzung, darunter z. B. der berühmte achtsprachige Psalter von Genua 1516, der bekanntlich zu Psalm 19 der Entdeckungen des Columbus ausführlich gedenkt. Die Beschreibung der Bücher erfolgt nach der alphabetischen Ordnung der Namen der Verfasser, ein angehängtes Register gibt die alphabetische Reihenfolge der behandelten Titel, so daß die Bücher leicht zu finden sind. Bei der Beschreibung der Bücher wurde neben einer ausreichenden Charakteristik der betreffenden Schriften die gesamte Aufnahme des biographischen, genealogischen sowie des typographischen Materials angestrebt. Besonders bei solchen Werken, die anderweitig nicht genau oder nur mangelhaft verzeichnet sind, sind alle Angaben mit großer Sorgfalt und Ausführlichkeit gemacht; sonst ist auf verbreitete Kataloge wie Roest und Wiener verwiesen. Der zweite Band enthält 14 Abbildungen von verzierten Titel- oder Eingangsblättern sowie Schrift- und Jllustrationsproben aus den vielen in ihm genannten seltenen Werken. Als Beigabe zum ersten Teil bietet der Bearbeiter ein Verzeichnis der in der Sammlung vertretenen östlichen Drucker; er betritt damit Neuland, denn die meisten von ihnen sind bisher nirgends zu finden, geschweige denn in solcher Übersichtlichkeit verzeichnet. Jedem Band ist ein Register beigegeben, dem zweiten außerdem ein Verzeichnis sämtlicher in ihm genannten Drucker, Druckorte, Druckjahre (1477—1540) und Zensoren. Band II 177 f. enthält außerdem Berichtigungen und Ergänzungen zu Band I. Der Herausgeber hat mit außerordentlicher Sorgfalt und Umsicht gearbeitet, er verdient für seine Leistung unsere volle Anerkennung, nicht minder aber gebührt der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien wärmster Dank für die munifizente Ausstattung des Werkes. I. E l b o g e n. # — D i e Schädigung der Rasse durch soziales und Wirtschaftliches Aufsteigen, bewiesen an den Berliner Juden. Von Dr. Felix A. T h e i l h a b e r. Gekrönte Preisarbeit der Gesellschaft für Rassenhygiene. 1914. Louis Lamm, Berlin C 2. Preis 1 Mark. Die Untersuchungell, welche der Verfasser in dieser Schrift anstellt, die auf Grund eines Preisausschreibens der Gesellschaft für Rassenhygiene: „Bringt das materielle und soziale Aufsteigen der Familien Gefahren in rassenhygienischer Beziehung?" entstandell ist, sind ebellso eingehend und sorgfältig wie die in 'seinem Buche: „Der Untergang der deutschen Juden", das ihn bekanntgemacht hat. Das statistische Material entstammt im wesentlichen den Publikationen des Statistischen Amtes der Stadt Berlin (Prof. Dr. Silbergleit) und des Königreichs Preußen und ist von dem Verfasser in geschickter und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.