Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1914)
- Date
- 1914-08-21
- Page
- Seite 406 (sequence 10)
- Language
- German
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2. „Allerdings. . . man könnte genaue Erkundigungen einzichen!" Für den Gymnasialleiter, Seine Exzellenz Ambrasurow, war der Fall sehr schwerwiegend. Er dachte Tag und Nacht daran, daß er einfach vor aller Welt blamiert und seiner Machtvollkommenheit beraubt sei. Ein Jüngling, dem er die höhere Bildung abschneiden wollte, weil er sich in das „Shftem" nicht schickte und weil er ein frecher Judenbengel ist, wird von einem anderen Gymnasium ausgenommen und findet somit gegen den Willen einer Exzellenz den Weg zur Universität! Welch eine russische Anstalt konnte sich nur eines solchen Disziplinarvergehens schuldig machen! .Aber das kommt davon," sagte er sich, „wenn man leutselig ist, und den unteren Schichten, selbst den Juden, Konzessionen macht!" Die Nachforschungen ergaben nur die Tatsache, daß Lipkin mit einem glänzenden Zeugnis.der Reife das deutsche Gymnasium in Jurjew absolviert hatte und als regelrechter Stuj dent die dortige Hochschule besuchte. An dem deutschen Gymnasium hatte man nichts von dem Steckbrief Seiner Erzellenz erfahren, der lediglich an die russischen Schulen gerichtet war. Lipkin gelangte nach einer mühseligen Wanderung (die teils zu Fuß zurückgelegt wurde) durch die russischen Städte endlich nach Jurjew, wo er durch einen besonderen Zufall bedingte Aufnahme im Gymnasium fand, bis sich etwa ein berechtigterer Schüler für seinen gerade freien Platz finden würde. Er lernte aber so schnell Deutsch, zeichnete sich in der Klasse so sehr durch Tüchtigkeit und Fleiß aus, daß der Ordinarius ihn nach wie vor gern duldete. 3. Jahre >varen inzwischen ins Land gegangen. Lipkin dachte häufig daran, welchen Demütigungen und Ungerechtigkeiten er in seinen Schuljahren ausgesetzt war. Der streng herablassende Ton des Direktors, der ihn wie einen Eindringling behandelte, konnte ihm auch jetzt noch nicht aus dem Gedächtnis kommen. Es lockte ihn, sich diesem Manne von Zeit zu Zeit in Erinnerung zu bringen. So schickte er ihm einmal die Abschrift der „Goldenen Medaille" zu, die die Universität Jurjew dem Kandidaten Lipkin verlieh mit einem Stipendium für eine Auslandsreise, um seine „schätzenswerten Kenntnisse zum Nutzen des Vaterlandes zu vervollkommnen". Ein andermal kam Seiner Erzellenz eine überaus günstige Kritik unter die Augen, die sich mit einer wissenschaftlichen Schrift von Lipkin befaßte. Allmählich mußte Ambrasurow sich schon an dergleichen Ueberraschungen gewöhnen, die ihm stets wieder die Galle! anfrührtcn.! 4. Eines Tages gingen dem Direktor zwei Eintrittskarten für einen Vortrag zu, der in der Kreisstadt Sensation machte, sowohl wegen des Themas, als wegen des Redners, der niemand anders war als der inzwischen schon berühmt gewordene Rechtsgelehrte und Schriftsteller Lipkin. „Wollen wir hingehen, ich bin schrecklich neugierig, und man muß einen Mann auch gehört haben, von dem alle Welt spricht!" sagte die Frau Direktor zu ihrem Gemahl. Er schämte sich Nein zu sagen und feige zu erscheinen. Beide begaben sich nach dem Stadtsaal, der dicht gefüllt war. Von rauschendem Beifall empfangen, trat der Redner auf das Podium. „Das ist er wirklich!" flüsterte der Direktor, und seine Frau konnte den Ausruf nicht unterdrücken: „Ein hübscher junger Mann, und ein Gentleman." Sie hörte dem Vortragenden mit wachsendem Interesse zu und bemerkte wiederholt: „Er spricht wirklich gut und mit geschultem, angenehmem Organ!" Die lebenslustige Dame achtete gar nicht darauf, daß der arme Direktor so stöhnte, als täte ihm etwas weh und leise flüsterte: „Es ist mir so, als blickten alle Gymnasiasten und alle Leute, die hier anwesend sind, schadenfroh und vorwurfsvoll nach mir hin!" Der Abend mit seinem großen Erfolge für den Redner machte einen solch tiefen Eindruck auf Ambrasurow, daß er sich, sogar ernstlich fragte, ob eine kleine Reform hinsichtlich der Zulassung jüdischer Schüler nicht etwa im Interesse der zu steigernden Kultur seines Bezirks beitragen könnte. „Aber die Frechheit dieses Buben, mir unter die Augen zu treten, ist doch im Grunde unglaublich!" schloß er mit erneuter Entrüstung seine stille Betrachtung. 5. Noch ein großer Aerger sollte der Exzellenz nicht erspart bleiben. Ans den Zeitungen ersah er, ohne zu wollen, daß ein wissenschaftliches Werk über See- und Völkerrecht, in dem Lipkin seine ausländischen Studien niedergelegt hatte, großes Aufsehen erregt hatte in der gebildeten Welt Rußlands. Der Direktor wollte endlich Ruhe haben und beschloß, das Werk völlig zu ignorieren, als der Postbote ein sorgfältig zusammengeschnürtes Paket brachte. Es enthielt das Buch von „Dr. Lipkin", der auch für dieses Werk den Titel eines Ehrendoktors im Auslande erhalten hatte, mit seiner eigenhändigen Widmung für Seine Erzellenz den Gymnasialdirektor Ambrasurow. An Deutschlands Juden. So greif' auch Israel zum Schwert, Die Truppen scharen sich. Jetzt zeig dich deiner Ahnen wert, Dein Kaiser rief auch dich! Denk, wie dein Ahne bis zum Tod Für seinen Herrgott stritt, Von Spott gehetzt, vom Kampf umloht. So tapfer trug und litt! Wer so zu seinem Gotte hält. Hält treu zu Fürst und Reich. Wenn Israel im Kampfe fällt. Es fällt und siegt zugleich: Von Felix Josky. Dir ist auch Tod der Sieg im Streit. Besiegst du alten Spott; Wer dich noch heut der Feigheit zeiht. Versündigt sich vor Gott! Sie haben Fremdling dich genannt, Mach' hent die Mär' zunicht; Nur Deutschland ist dein Vaterland Und deutsch sein hohe Pflicht! Nun tretet wider Deutschlands Feind Ihr alle ins Gewehr, Wenn's auch im Herze»» brennt uild weint. Gebt Mann und Söhne her! Gib deine»» Sohn, bit Mutterherz, Die Träne ist erlaubt. Doch neig' in heiligfronnnem Schmerz und gottersüllt dein Haupt. Reiß nicht a>» Gottes Herrlichkeit, Nicht an der Allmacht Thron, Ji» einer königlichen Zeit Lebt dir und stirbt dein Sohn! — So greif' auch Israel zmn Sch»»'ert, Die Truppen scharen sich, So zeig dich deiner Ahnen wert. De»»» Kaiser rief auch dich! —