Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1914)
- Date
- 1914-08-21
- Page
- Seite 405 (sequence 9)
- Language
- German
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von Kantor Rosenthal und mir entzifferten Grabschriften, die Wimpelverzeichnisse und ein Buch über den Eigentumswechsel an Häusern in der Judengasse aus dem Jahre 1754 zu durchsuchen, bemerkte aber gleichzeitig, daß mir der Name Ballin in den hiesigen alten Urkunden noch nicht begegnet sei. Doch kaum war das Schreiben abgegangen, als in mir der Gedanke aufstieg, ob der Name Ballin nicht identisch sei mit Blün, den heute noch mehrere hiesige jüdische Familien tragen. Da die Wörter in den alten Urkunden keine Vokale haben, so konnte man den häufig vorkommenden Namen ebenso gilt oder lesen. Wirklich fand ich auch im „grünen Buch" mehrmals den Namen Belin. Es hat mir viel Freude gemacht, als mir Tr. Ballin sofort mitteilte, daß eine Anzahl Gelehrter, mit denen er sich in dieser Angelegenheit in Verbindung gesetzt, ebenfalls diese Ansicht vertritt. Nun konnte ich um so sicherer dem Ziele zusteuern. Wirklich sand ich den Namen Elia Blin um die Mitte des 15. I a h r h u n d e r t s, der den Reigen des traditionellen Vornamens eröffnet und bis in die Gegenwart bei dem Geschlecht üblich geblieben ist. Da ich nun den Namen Blin aus alten Urkunden, bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts zurückreichend, feststellen konnte, ergab sich für mich von selbst die Frage: Woher kommt der Name Blin? Die Juden haben doch erst ums Jahr 1811 infolge Befehl Napoleons Familiennamen bekommen. Sehen wir von manchen Zufälligkeiten bei Namensnennung ab, auch davon, daß die jüdische Aristokratie, die Nachkommen vor: Ahron und Levi, in ihren Namen stets ihre vornehme Abstammung zum Ausdruck brachte, so wurden lange vor 1811 viele Personen nach ihrem Geburtsorte genannt. Wenn wir letztere Tatsache festhalten, müssen wir fragen: Woher stammt der Name Blin, Ballin, Belin? Dr. Groß will in seiner Callia judaica den Namen von belle vigne ableiten. Das scheint jedoch sehr unwahrscheinlich zu sein, denn helle vigne und Blin zeigen doch eigentlich nach keiner Seite einen Zusammenhang. Ich habe die Sache weiter verfolgt 'und da ergaben sich zwei Vermutungen, welche beide meines Erachtens nicht von der Hand zu weisen sind. Im Elsaß gibt es heute noch viele Familien mit dem Namen B l u m, und zwar vermutlich wegen einer Blume, die das Haus, welches sie bewohnt, geschmückt hat. Bekanntlich wurden auch hier in Worms viele Häuser nach dem Hauszeichen genannt: „Zu der Kronen, zur Pulverflasch". Wenn nun Familien Blum von Frankreich hierher verzogen, so nannten sie sich nach der f r a n z ösische n Aussprache des Wortes Blum-Blin (Bling), und auf diese Weise mag das Wort Blin entstanden sein. Eine andere Ansicht scheint noch einleuchtender zu sein. Wie mir auf Befragen Herr Rabbiner Dr. Ginzbirrger- K e b w e i l e r mitteilt, waren die Träger des Namens Blin früher Armeelieferanten der Könige von Frankreich, Belin ist aber ein Städtchen in der Nähe von Bordeaux. So liefert auch dieser Name den Beweis, daß die Juden in früheren Jahrhunderten sich nach ihrem Geburtsorte genannt haben. Ich stelle diese beiden Ansichten nebeneinander; ob sie richtig sind, vermag ich nicht zu entscheiden, aber eine gewisse Wahrscheinlichkeit wird man nicht absprechen können. Die Zeilen waren geschrieben, als mich Herr Dr. Ballin mit Uebersendung seiner Schrift „Die Familie Ballin" erfreute. Die Schrift enthält eine sehr interessante Einleitung, das Wormser Geschlecht, das Hamburger Geschlecht, das hannoverisch-braunschweigische Geschlecht, Quellen über das Geschlecht Ballin im königlichen Staatsarchiv zu Hannover, Bericht dos David Ballin aus Imshausen über seine Feldzugserlebnisse 18!3. Eine reichliche Fülle von gründlichen Studien, die uns zeigen, wie tief der Verfasser in die Familienforschung eingedrungen. Kurz: eine gründliche, hochinteressante, fesselnde Studie. Ijarmiofr kgchr. Nacherzählt von Marie Beßmertny. 1. Behr verstimmt trat der Gymnasialdirektor Ambrasurow in sein Arbeitszimmer, wo seine behäbige Gattin, die in der ganzen Kreisstadt als eine gemütliche Dame bekannt war, ihn schon erwartete. „Was hast du nur Kolja?" fragte sie ihn in aller Ruhe. „Was ich habe? . . . hm, der freche Judenbengel Lipkin schickt mir seine Visitenkarte!" „Und das wäre so aufregend?" „Aber unter dem Namen steht noch: Student der Universität Jurjew!" „Merkwürdig!" „Nein, gemein ist es! Wie kam denn der Mensch dazu, das Abiturium zu machen, nachdem ich ihm das Zeugnis so verpfefferte, daß ihn keine Anstalt wieder aufnehmen durste!" „Das war aber menschenfreundlich von dir, Kolja!" „Höre, Nadja, ich tue für unsere russische Jugend, was ich kann. Den armen Jungen nahm ich auf, obschon der Sohn eines Handwerkers nicht zu uns gehört. Er war aber wirklich recht begabt, und so dachte ich durch unser System ihn zu einem tüchtigen Staatsbürger heranbilden zu können. Bis zur fünften Klasse ging alles gut, dann aber wurde er unverschämt." „Inwiefern?" „Er ließ es sich nicht mehr gefallen, daß man ihm den „Jndenjnngen" unter die Nase rieb. Mehrmals ermahnte ich ihn, bescheiden zu sein und nicht zu vergessen, daß er eigentlich kein Recht habe, mit Söhnen von Erzellenzen gemeinsam eine Anstalt zu besuchen." „Bist bu aber naiv, mein Freund!" „Seitdem benahm er sich wie ein tollgewordenes Füllen, murmelte wiederholt von „der Gleichberechtigung der Schüler", von dem „vortrefflichen System" und forderte mehrfach meinen Zorn heraus!" „Und was sagten die anderen Lehrer?" „Sie erwähnten auch ein paarmal, daß er sich von seinen Mitschülern keine Beleidigung gefallen lasse, und daß man im übrigen ihm manches Nachsehen müsse wegen seiner ausgezeichneten Leistungen. Ich als Leiter mußte aber besonders ailf sein Benehmen achten und ihn herauswerfen, nachdem er gegen den Sohn eines wirklichen Staatsrats frech geworden war. Aus solchen Elementen setzen sich ja nachher die staatsvernichtenden Parteien zusammen!" Die Frau Direktor wollte noch eine ironische Bemerkung machen, als gerade ein Gymnasiallehrer eintrat, der sich gedrungen fühlte, Seine Erzellenz den Herrn Direktor zu beruhigen, nachdem er Zeuge gewesen, wie ihn der Empfang der Visitenkarte im Konferenzzimmer in Erregung versetzt hatte. „Es ist mir eingefallen," sagte er mit salbungsvoll bedächtigem Tone, „daß vielleicht eine Täuschung der Sache zngrunde liegt und wir sie erforschen sollten!" „Aber der Poststempel ist ja von Jurjew!" erwiderte der Direktor. „Und wenn auch! Er kann ja dort sein und nicht die Universität besuchen!"