Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1914)
- Date
- 1914-08-21
- Page
- Seite 404 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229158--70659-3283017- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
(Gemeinde eigen unn\ haben wir den großen Pflichten der Kultur opfern muffen: suchen nur jetzt wenigstens das Surrogat zu retten, welches die Bildung für die Gelehrsamkeit bietet. Tie echte Bildung, die ein echtes ästhetisches Bewußtsein schafft, fordert daher auch ein echtes, kräftiges und wahrhaftes religiöses Gefühl für die religiöse Bildung. Auch hier werden Nur nicht in der Isolierung den letzten Zweck sehen müssen, sondern, wie überall, wird die Pflege der Eigenkraft zur universellen Bildung, Gesittung und Religiosität unersetzliche Beiträge zustonern. Unser Separatismus fördert immer nur den wahrhaften, den mefsianischen Universalismus. Beachten Nur immer, daß die Fragen der Religion nicht für Jahrzehnte g: bedenken sind, sondern daß das Problem unserer Religion das ewige Problem der Menschheit bildet. Wir glauben an die Zukunft des mefsianischen Zeitalters, und tn ihm an den Einzigen Gott der Menschheit. Aber wir kämpfen und leiden nicht nur in dieser Hoffnung, sondern Nur denken und arbeiten auch mit der Nüchternheit geschichtlicher Betrachtung hierbei. Wenn man so oft gesagt hat, es sei ein Mangel unserer Religion, nicht eifrig die'Mission zu betreiben, so ist dies der richtige Kern in dem übrigens falschen Gedanken: daß wir den Monotheismus für den tiefst innerlichen Gedanken des Menschengeistes, und seine Durchführung daher für die schwerste Aufgabe des Menschengeschlechts halten. Daher haben wir geschichtliche Geduld. Und so erwarten oder gar fördern wir nicht etwa die Aufhebung und Auslösung des Christentums, sondern wir wünschen und befördern alte die tiefsten Bestrebungen, welche zu seiner Idealisierung angestrengt werden. Wir sind überzeugt, daß sie alle zur Ehre des Einzigen Gottes beitragen werden. So bleiben Nur vom Eigendünkel und von der selbstsüchtigen Ueberhebung frei in unserem glühenden Enthusiasmus für unseren einzigen Gott, den in dieser genauen Bestimmtheit nur unsere Religion als Urbild hat. Daher schöpfen wir auch wahrhafte Nächstenliebe, wahrhaftige Humanität aus unserer Religion. Unsere Weisen haben uns „die Frommen der Bokker der Welt" ehren gelehrt, indem sie auch ihnen die Seligkeit zusprachen. Diese dogmatisierte Humanität hat keine andere Religion; und daher dürfen wir auch selbst religiöse Wahrheiten aus der fremden Religion erwarten, und nach dem alten talmudischen Spruche müssen wir „die Wahrheit annehmen von jedem, der sie ausgesprochen". Religiöse Aufklärung und Toleranz bedeutet Anerkennung einer fremden religiösen Wahrheit. So lvird der geistige, der humane Horizont in alte Tiefen durch die messianische Religiosität geweitet und erhellt. Bon alten religiösen Bewegungen können und sollen lvir lernen. Aber wahrhaftes Lernen hat überall zur Boraussetznng den festen Mittelpunkt, von dem die Anziehung ausgeht. Und so werden wir auch allen den vielseitigen Assoziationstendenzen, denen wir jetzt in der allgemeinen Kultur ansgesetzt sind, Stand bieten, ohne daß wir gegen sie uns versperren müßten. Unsere Eigenkraft ist ursprünglich, und die wahrhafte Originalität ist unzerstörbar und unvergänglich." Ich wiederhole am Schluß, daß dieser Auszug eben nur einige Grundgedanken des Vortrags wiedergibt, glaube aber doch, daß selbst in diesem Auszuge die große Bedeutung der Ausführungen Cohens erkennbar ist. Ich spreche dem Verfasser meinen Tank aus, daß er mir gestattet hat, seine Schrift auszugsweise meinen Lesern vorlegen zu dürfen. Unbekannte Vkrle Lörnes. Von L n d w i g G e i g e r. udwig Börne war kein Dichter. Was wir bisher von . seinen Versen kennen, zeigt eine gröbliche Verkennung aller Gesetze des Metrums. Manche Verse bekllnderl ein ernstes Gefühl, andere das Ringen nach poetischem Ausdruck, gelegentlich bemerkt man wohl auch Poetischen Schwung, aber keines seiner erhaltenen Gedichte ist ein Gedicht im wahren Sinne des Wortes. Ob Börne diesen Mangel selbst erkannt hat, steht dahin, — sein oft wiederholter, noch in seiner letzten Lebenszeit immer wieder unternommener Versuch, Verse zu machen, spricht gegen seine Selbsterkenntnis. Und doch, trotz dieses Mangels, trotz seiner poetischen Unfähigkeit, verdienen seine Versuche, sich in Versen zu üben, öffentliche Bekanntmachung. Tie im nachstehenden mitgeteilten Verse waren bisher völlig unbekannt. Sie entstammen der reichen Handschriftensammlung des Herrn Geheimen Banrats Tobe in Breslau. M ä x z. Das Mädchen, das im rauhen März Des Lebens Stürme augeweht. Frühe, frühe ward der Schmerz Tief in ihre Brust gesät. Das Geschick war gegen sie verschworen, Roch ehe sie ins Leben kam, Zum Unglück nur ist sie geboren, Denn die Sterne sind ihr gram. April. Ein Mädchen, int April geboren. Wünsch' ich keinem Freund zur Frau, Hat sie den Mann sich kaum erkoren, Wird ihre Liebe wieder lau. Ihre Launen ohne Zahl Wechseln täglich mit dem Wetter, Täglich wechselt seine Qual, Und kein Engel ist sein Retter. Die vorstehenden Verse zeigen die Mängel aller anderen Poetischen Versuche Börnes und sind doch von mannigfachem Interesse. Besonders für Frankfurt. Denn sie stammen, wie man ans der zierlichen deutlichen Handschrift, aus. den lateinischen Buchstaben schließen kann, gewiß aus seiner Frankfurter Frühzeit. Sie gehören gewiß zu einem Zyklus; ich denke mir, daß sie, zu einer Neujahrsgabe bestimmt, als Begleitung eines Kalenders gedacht waren, und daß sie ursprünglich alle Monate des Jahres umfaßten; leider haben sich nur die für den Monat März und April gedichteten erhalten. Wer die Adressatin der Verse ist, — denn an eine solche wird man atls dem Inhalt schließen müssen, — läßt sich nur vermutungsweise feststellen. Am liebsten denkt man bei solchen zierlichen Spielereien wie ja bei den meisten Produktionen Börnes an seine Freundin Jeanette Wohl, aber in den so zahlreich erhaltenen Briefen an die genannte Freundin findet sich keinerlei Anspielung auf diese Gabe. Man könnte auch ein weibliches Mitglied der Familie Ochs vermuten, mit der Jeanette Wohl verwandtschaftlich verbunden war und der auch Börne nahe stand. Bit Familie flkllin. Von S. Rothschild — Worms a. Rh. n den letzten Jahren wurde in Verbindung mit dem \ deutschen Kaiser der Name des Generaldirektors Ball in öfters genannt. Wie Untersuchungen in der letzten Zeit ergeben haben, weist der Stammbaum der Familie Ballin in seinen ersten Anfängen auf Worms hin. Die Anregung hierzu hat Herr Rechtsanwalt Dr. Oskar Ball in in Brauns ch w e i g gegeben, der sich vor mehreren Monaten an den Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde mit der Bitte gewandt, ihm Archivalien behufs Durchsicht zu überlassen, da er sicher annehme, daß die Anfänge seines Stammbaumes in Worms zu finden seien. Der Vorstand übergab mir das Schreiben zur Erledigung. Ich versprach Herrn Rechtsanwalt Ballin, das „grüne Buch", znrückreichend bis 1561, die ca. 1200