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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-08-21 · Heft 34 (21.8.1914) · p. Seite 403

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 34 (21.8.1914)
Date
1914-08-21
Page
Seite 403 (sequence 7)
Language
German
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Mensch nicht denken, daß er der Zukunft getrost seine Sache anheimstellen könne. Ueber das Fundament unserer Religion hat es niemals Streit unter uns gegeben; ebensowenig auch heute. Wir streiten uns nur über den „Zaun um die Lehre". Was nun nach dem Apostel Paulus unseren „Fluch des Gesetzes", des sogenannten Zeremonialgesetzes betrifft, soweit es dem Hause und dem privaten Dienste angehört, so wird es nicht etwa lediglich verworfen, sondern über seine geschichtliche Beurteilung ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Man erkennt seinen geschichtlichen Wert immer nur vorwiegend in der nationalen Isolierung, denkt diese aber außer Zusammenhang mit der religiösen Existenz. Die tendenziöse Kritik des Apostels Paulus, sowie überhaupt die der Evangelien über die Pharisäer verhindern noch immer auch bei uns selbst die geschichtliche Umsicht. Man beachtet nicht, daß dieselben Schriftgelehrten, welche das Zeremonialgesetz zu beschwerlicher Strenge ausgestalteten, zugleich auch die Schöpfer der Haggada, und in deren Sittenlehre die gleichartigen Fortbildner des Prophetismus sind. Darum können sie sich freilich in ihrer anderen, ihrer zeremonialen Seele geirrt haben; aber es muß Seele, es kann nur die Absicht der Beseelung gewesen sein, welche sie in dieser Richtung geleitet hat, während sie in der anderen rein prophetisch dachten. Indessen wird über diese historische Frage fernerhin eine verbesserte Einsicht aufgehen, die sich in der protestantischen Wissenschaft schon in sicheren Spuren angebahnt hat. Nun aber stelle ich mich auch hier auf die ungünstigste Position und will annehmen, daß der Abbruch dieses Teils der Zeremonien unaufhaltsam weiterschreite. Um so dringlicher wird daher die Frage sein müssen: welchen anderen Schutz haben wir, um bei der allgemeinen, politischen, geistigen, ästhetischen Assimilation unser bleibendes Erbe, unseren einzigen Gott zu retten und für die fernere Verbreitung und Vertiefung sicherzustellen? Ich halte mich daher verpflichtet, auf eine Schwierigkeit in unseren liberalen Bewegungen hinzuweisen, die ich für sehr bedenklich halte, nämlich die Tendenz gegen die Erhaltung der hebräischen Gebete. Ich denke hierbei nicht an die quantitative Frage, an die Kürzung einerseits und die Vermehrung der deutschen Gebete andererseits; ich will nur ein Kriterium für diese Fragen der administrativen Praxis aufstellen, und um recht deutlich zu werden, scheue ich den paradoxen Ausdruck nicht. Angenommen, die religiöse Entwickelung würde dahin führen, daß die Gebetform überhaupt sich ändern würde, so würde ich denken, daß wir für die Einprägung unserer religiösen Grundgedanken des hebräischen Grundstoffs unserer Gebete fortdauernd bedürfen würden. Unsere Hauptgebete, die von den Männern der großen Synagoge verfaßt sind, haben den Stil unserer religiösen Klassizität, den Stil der Propheten und der Psalmen. Sie müssen daher in der Ursprache ein ästhetischer Besitz unseres Geistes bleiben. Je mehr die neuere Zeit von den ästhetischen Kräften des Geistes beherrscht wird, desto mehr müssen wir diese ästhetische Quelle der religiösen Begeisterung für uns fruchtbar machen. Und auch hier ist der Schutz doppelt notwendig; denn die christliche Religiosität zieht ihre besten Säfte aus dem Alten Testament, das durch Luther eine Sprachwurzel des deutschen Geistes geworden ist. Aber mit dem Alten ist das Neue Testament trotz aller inneren Ungleichartigkeit verbunden, und daher zur Verschmelzung und Auflösung der alten Säfte vereinigt. Als moderne Kulturmenschen sind wir diesem Verschmelzungsprozeß überliefert, der unser religiöses Eigenleben in feiner Urkraft angreift. Schon aus psychologischer Einsicht in die ästhetischen Verhältnisse des modernen Bewußtseins müssen wir daher die Notwendigkeit erkennen, die hebräische Spräche, in wie beschränktem Umfang immer, für die wichtigsten Teile der Hauptgebete unerschütterlich festzuhalten. Nur in dieser ursprünglichen Sprachkraft werden die Gefühle geweckt, werden auch die Gedanken alsdann erst unverkrümmt, in der eigenen Geradheit und Eindeutigkeit hervorgebracht, welche die religiöse Gesinnung befestigen. Wie wenige wissen heute unter uns, daß Hiob sagt: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt". Unsere Gebete aber Prägen den Gedanken nachdrücklich ein, daß Gott und er allein der Erlöser ist, der ewige Erlöser, dessen Wesen eben seine Macht der Erlösung bedeutet. Wir müssen in der Ursprache den Gedanken uns einwurzeln lasten: „Reinige unser Herz, und heilige »ns durch deine Gebote." Und ebenso den messianischen Grundgedanken: „Gib die Ehrfurcht vor dir über alle, die du erschaffen, auf daß sie allesamt sich zusammentun zu Einem Blinde". Was haben wir über das Alenu, das Schlußgebet jedes unserer Gottesdienste, leiden müssen: wie könnten wir diesen Urtext in seiner Urkraft aufgeben wollen. Freilich versteht man den Gedanken auch in dem Satze: „An jenem Tage lvird der Ewige Einzig sein, und sein Name einzig". Aber was das Wort Echad bedeutet, das gibt die Uebersetzung mit Einzig nicht mit hinlänglicher Prägnanz wieder. Denn in Echad bedeutet die Einzigkeit zugleich die Unvergleichbarkeit mit aller anderen Art eines Seins. Und sie bedeutet zugleich die Pflicht und die Kraft, diese Einheit zu bekennen, und zwar das eigene Herz zu dieser Einheit hindurchzuringen. So steht es auch mir dem Namen, der hierbei insbesondere hervorgehoben wird. Der Name macht diese Hervorhebung gar nicht verständlich. Aber Schern, das hat eine unerschöpfliche Sprachkraft im religiösen Gefühl des Juden. Der Name Gottes, das ist kein Zauberwort mehr, wenn es je eines war, aber es ist das Zauberwort der messianischen Zuversicht. Der Jude sagt von Gott nicht: Herr und Messias. Alle Eigenschaften scheinen eine Zersplitterung der Einheit zu sein. Ter Name selbst soll einstmals die Einzigkeit Gottes bekllnden: in allen Sprachen, in allen Völkern sie bezeugen. „Einstmals werde ich an den Völkern eine lautere Sprache verwandeln, so daß sie allesamt anrufen werden den Namen des Ewigen". Das ist der messianische Ursinn des Gottesnamens. Wenn die Zeremonien immer mehr schwinden, lvenn andererseits die politisch-nationale Verschmelzung und mit ihr die ästhetische Gleichartigkeit der Gefühlsweise immer mehr zunimmt: mit welchem psychologischen Mittel sollen wir denn die geistige Eigenart für unsere religiöse Eigenart bewahren können? Es gibt im letzten Grunde keine andere Möglichkeit als die Erhaltung des hebräischen Sprachgefühls für den Grundtext unserer religiösen Gedanken, der in unseren .Hauptgebeten ausgeprägt ist. Der hebräische Religionsunterricht bliebe der Unterricht in einer fremden Sprache und Literatur, wenn das Gebet nicht den persönlichen Zusammenhang lebendig erhielte zwischen dem religiösen Wissen, der religiösen Bildung und der religiösen Gesinnung, dem religiösen Gefühlsleben. Auch das Wissen selbst wird dadurch eigentlich erst zu einem religiösen Wissen. Der Protestant lernt nicht nur im Religionsunterricht die Bibel kennen, sondern sie wird ihm erst durch den Gottesdienst zu eigen. Und die Lieder des Gesangbuches verwandeln das Wissen in das ästhetische Gefühl. Aber dadurch wird bei dein Protestanten die Religiosität auch zu einem sehr lebendigen Interesse der Bildung. Seine Bildung bleibt daher nicht nur eine literarisch-ästhetische, sondern sie sucht sich in der religiösen Bildung zu vertiefen. Hier können wir von den gebildeten Protestanten sehr viel lernen. Wir müssen ihnen in diesem geistigen Streben nacheifern, daß wir unsere religiöse Bildung uns anzueignen suchen. Die religiöse Gelehrsamkeit, die einstmals unserer ganzen

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