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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-08-21 · Heft 34 (21.8.1914) · p. Seite 402

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 34 (21.8.1914)
Date
1914-08-21
Page
Seite 402 (sequence 6)
Language
German
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sich über die Stellung der Religion in unserem Kulturleben, über die Entwicklung des Christentums, den Gegensatz von Judentum und Christentum und vor allem über die innere Bedeutung des Judentums. Unsere Zeitung verfügt leider nicht über den Raum, den ganzen Vortrag abzudrucken, aber meine Leser werden mir, wie ich hoffe, dankbar sein, wenn ich versuche, ihnen einen Auszug der Ausführungen zu geben. Ich verhehle mir nicht, daß ein solcher Auszug nur ein schwaches Bild des Ganzen zu geben vermag und möchte daher die Leser nachdrücklich auf den Vortrag selbst verweisen. Nachdem Cohen im allgemeinen über die Stellung der Menschheit zu Gott gehandelt, sagt er: „Wenn der christliche Forscher das Judentum berücksichtigt, so fühlt er sich nicht nur als christlicher Bekenner, sondern er wird dabei von der Ansicht mitbeherrscht, daß seine Religion, mehr oder weniger anerkannt und Präzisiert, die absolute Religion sei; und in dieser Ansicht verengt sich nicht nur sein philologischer Horizont für das zu durchforschende literarische Material, sondern auch sein philosophischer. Wir wollen das nicht nachmachen. Die Bekenntnistreue, die wir hegen, darf uns nicht in geistige Enge und Einseitigkeit hineinzwingen. Welchen Schutz gibt es denn aber gegen die Parteiische Befangenheit, die schier eine Psychologische Gebundenheit zu sein droht? Die einzige Sicherheit gegen die literarische Intoleranz in religiösen Dingen liegt in dem Grundmittel der Kunst: in der Idealisierung. In dieser Methodik besitzen wir ein großes Vorbild in dem Urheber unserer Religionsphilosophie. Saadja Gaon macht es sich selbst und anderen für die Beurteilung des Christentums zur Vorschrift: nicht nach den Ansichten der Menge, sondern allein nach der tieferen Deutung die Dogmen des Christentums aufzufafsen. Diesen Grundsatz hat Saadja in seinem Philosophischen Hauptwerke, das man die Philosophie der Glaubenslehren übersetzen darf, in bewunderungswürdiger Originalität und in rührender Gewissenhaftigkeit ausgesprochen und ausgesührt." Es wird dann weiter über die Entwicklung des Jesubegriffs gehandelt und dann folgendes gesagt: „Der zweite Jesaia hat daher aus dem Helden Messias den „Knecht Gottes" des Leidens gemacht. Die Bedeutung des Heros liegt in dem Vorbild und Musterbild, das er dem schwachen Menschen darstellen soll. Die reine Sittlichkeit verwirft aber jegliches Vorbild, das an sich für die Reinheit des Willens gefährlicher ist als jede Vorschrift und jedes Gesetz. Das Judentum kennt keinen gerechten Menschen, daher kann es auch nicht die Idee eines vollkommenen Menschen zulassen. Vollkommen ist die zweifelhafte Uebersetzung von tlwmim, das aber vielmehr die Unschuld und die volle Hingabe bedeutet. Vorbild hingegen ist uns allein das Urbild der Sittlichkeit, der Einzige Gott, der allein der Heilige ist. „Der Heilige, gelobt sei er," das ist von allen Gottesnamen derjenige, der in den täglichen Sprachgebrauch des Juden übergegangen ist. Die alleinige Heiligkeit des Einzigen Gottes ist das Urgesetz der jüdischen Frömmigkeit. „Heilig sollt ihr werden, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott." Nicht nach einem menschlichen Vorbild, sondern allein nach dem göttlichen Urbild wird hier die Sittlichkeit orientiert. Nichts fixiert daher das Mißverständnis des jüdischen Glaubens so kurz und bündig, wie der Satz eines neueren Religionsforschers: „So saßt sich der Glaube des Judentums in der Person des Moses zusammen." Das ist niemals der Fall. Das Gesetz Moses wird so benannt mit dem Nachwort: „und Israels". Nur im geschichtlichen Zusammenhänge ist Mose für uns vorhanden. Er heißt daher: „unser Lehrer Mose". Sein Leben ist sicherlich das eines Helden, aber dem Heroenkultus ist er entrückt worden. „Und es kennt niemand sein Grab bis auf diesen Tag." Mit diesem lapidaren Satze beschließt der Pentateuch das Leben des größten Helden der Weltgeschichte. Und dieser Satz wurde das Leitmotiv der jüdischen Sage, die ihre heiligsten Zauber um diesen Tod Mose gesponnen hat bis zu der ergreifenden Steigerung: daß Gott selbst ihn bestattet habe. Aber Gott hat es getan, damit der Jude nicht sein Grab erforschen oder gar verehren könne. Hier wird also die Idee der Menschheit, welche innerhalb des Prophetismus der Messias darstellt, scharf und klar geschieden von der Person eines Menschen, sei sie nun eine geschichtliche oder nur eine Person des Glaubens. Darin liegt der grundsätzliche Unterschied: der Glaube soll in keiner Weise einer menschlichen Person bedürfen. Diese müßte doch unvermeidlich zu einer göttlichen werden, oder an dem Wesen der Gottheit einen integrierenden Anteil gewinnen. Aller solcher Mischung widerspricht das Judentum. Sein Glaube kennt nur Gott, ausschließlich Gott, keinen irgendwelchen Anteil des Menschen an der zulänglichen Bedeutung Gottes." Nachdem dann über die verschiedenen Auffassungen seitens des Judentums und des Christentums, über den Begriff der Gotteskindschaft gehandelt worden, heißt es: „Unsere Propheten waren nicht Philosophen; aber die Geistigkeit Gottes mußte ihr Grundgedanke sein, wenn anders sie die Einheit im wahrhaften Unterschiede von der Vielheit durchführen wollten. Und was der Prophet Geist nennt, das liegt in der Richtung des Denkens, welches den Philosophen zur Idee führt. Was der Prophet von der Gestalt zu unterscheiden sucht — „Ihr habt keinerlei Gestalt gesehen" am Tage von Horeb, das bezeichnet der Philosoph auf Grund seiner Terminologie als jenseit, nicht schlechthin des Seins, sondern genau des naturwissenschaftlichen Seins. Und wenn der Philosoph in der Idee des Guten die „größte Erkenntnis", die der Ethik bezeichnet, so nennt in demselben Sinne der Prophet den Einzigen Gott den Heiligen, d. i. den Gott der Sittlichkeit. Und dieselbe Tendenz prägt sich in unserer Lehrverfassung in der Vorschrift aus: daß wir nur in seinen dreizehn Eigenschaften, nur in den Attributen der Sittlichkeit Gottes Wesen zu erkennen haben: daß er daher nur nach Art der Idee des Guten für uns zu denken sei. Das ist die schlichte, tiefe, wahrhafte Bedeutung der Transzendenz Gottes. Gott ist wahrhaft „über allen meinen Kräften"; denn er ist der Heilige, der das Urbild der menschlichen Sittlichkeit ist. Dieses Urbild ist nicht etwa nur Vorbild, sondern es bedeutet das Urgesetz; und eines solchen bedarf die Sittlichkeit ebenso, wie die Naturerkenntnis auf dem Gesetze beruht. Nur wer das Sittengesetz leugnet, kann Gott verleugnen. Wer aber ein Naturgesetz annimmt, kann nicht an dem Sittengesetze skeptisch irre werden." Der Schluß der bedeutsamen Ausführungen, der uns ganz besonders angeht, lautet so: „So ist denn die Zukunft des Judentums wissenschaftlich gesichert, und wir dürfen es getrost von dem unaufhaltsamen wissenschaftlichen Fortschritt der Zeiten erwarten, daß die Begriffe allmählich die Herrschaft gewinnen werden über Schlagworte, an denen die geistige Oberflächlichkeit von einem zum anderen hintaumelt, wo sie nicht gehemmt wird durch Ueberlegungen, die vom Gemüt herrühren, von den Kräften der Pietät, die mit dem geschichtlichen Bewußtsein verwachsen ist, und auch von den Naturgewälten, die abseits von dem Ziele der Menschheit in den Feindschaften und Kämpfen der Nationalitäten zur Besinnung gemahnen. Ueber das Recht und die Wahrheit unserer Sache kann für niemand Zweifel bestehen, der von einer höheren Warte aus die Kultur zu beobachten vermag. Aber für die Pflichten der Gegenwart sind unsere Sorgen keineswegs darum gering, weil es uns um die Zukunft nicht bange zu sein braucht. So darf der politisch-sittliche

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