Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1914)
- Date
- 1914-08-21
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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„Aber selbst in die Schrecknisse des Krieges hast du ein Gutes gelegt: die Offenbarung einer ungewohnten sittlichen Größe und Kraft unter uns schwachen Menschen. Was Behaglichkeit und Frieden nur selten vermochten. Drang und Not bringen es zuwege die innere Einkehr und die Abkehr von allem Oberflächlichen und Gemeinen, die Einigkeit und das Zusammenhalten statt kleinlichen Zanks und Haders, das Hintansetzen der eigenen Person und Meinung hinter das Wohl der Gesamtheit. Das ist deine heilige Macht, o Gott, die so in uns wirkt, und darum wollen wir, wie in sedem Leid, so auch in dieser großen Not dir danken und dich preisen. Wir wollen aber auch sesthalten an dem Vertrauen auf die Verheißungen deiner Propheten, daß einst alle Völker nicht bloß mit Worten, sondern durch ihre Taten sich zu dir, dem einzigen und allgütigen Gotte, bekennen, daß sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Sicheln schmieden werden, daß nicht mehr Volk gegen Volk das Schwert erhebt, und daß sie nicht fürder den Krieg lernen. Von diesem Glauben, der da entspringt dem Glauben an dich, an deine unendliche Güte und Barmherzigkeit, wollen wir nicht lassen. Er sei uns Stütze und Hoffnung in dieser unheilschwangeren Zeit." # Auch in Schwerin i.M. fand ein Bettag (9. August) statt. Die dabei gehaltene Predigt von Dr. S. S i l b e r st e i n : „Der Herr ist mein Licht" liegt gedruckt vor; ihr Reinertrag ist für das Kriegshilfswerk bestimmt, worauf wir unsere Leser hier Hinweisen wollen. # Die Spendefreudigkeit und die Lust zu helfen, zeigt sich auch bei den Juden in schönster Weise. Unter den 1 200 000 jungen Männern, die sich freiwillig zu den Fahnen gemeldet haben, befinden sich weit mehr Juden, als nach dem Prozentsatz der Bevölkerung angenommen werden könnten. Auch in den L i st e n der eingegangenen Spenden befinden sich sehr zahlreiche und sehr ansehnliche von Juden. * 12. August: Kriegserklärung Montenegros an das Deutsche Reich. Bekanntgabe deutsch-englischer Verhandlungen über Schutz der Kauffahrteischiffe. Deutsche Unterseeboote an der schottischen Küste. Der Durchbruch deutscher Kreuzer durch die englische Zecnierungsflotte bei Messina (6. August) bekanntgegeben. Beschießung Daressalams durch die Engländer. Der schwedische Reichstag bewilligt 50 Millionen Kronen für Rüstungen. Wie der „Frkf. Ztg." aus Lemberg gemeldet wird, erzählen Flüchtlinge aus Russisch-Polen, die in der galizischen Stadt Brody eingetroffen sind, daß in allen Städten Rußlands seit Wochenfrist eine Proklamation des Zaren an die jüdische Bevölkerung in russischer Sprache und im Jargon angeschlagen sei, die die Juden an die vielen Wohltaten erinnert, die sie in ganz Rußland und insbesondere vom Hause Romanow genossen hätten, und sie auffordert, sich freiwillig zum Militärdienst zu melden, da das Interesse der Juden mit dem des russischen Reiches eng verknüpft sei. Die Proklamation, die den Juden eine Erweiterung der Ansiedlungsbezirke verspricht, macht auf die Kreise, auf die sie berechnet ist, keinen Eindruck. Worte sind zu schwach, um das Ungeheuerliche dieser Proklamation zu charakterisieren. Die Wohltaten des Hauses Romanow sind in dieser Zeitung oft genug, zuletzt noch in dem Artikel „Der Zar und seine Juden" ausgezählt worden; daß das Interesse der Juden mit dem des russischen Reiches eng verknüpft sei, kann nur der sagen, der Entrechtung, Bedrückung, Hinschlachten als Interesse der Juden betrachtet. Daß aber der Zar als Belohnung für freiwillige Stellung statt wirklicher Befreiung oder menschenwürdiger Behandlung eine Erweiterung der Ansiedlungsbezirke, d. h. eine höchst geringe Lockerung der Sklavenkette verspricht, das setzt dieser Ungeheuern Groteske die Krone auf. * Der Bezirksverband der jüdischen Jugendvereine Westdeutschlands, Jugendverein Gabriel Riesser (Köln), erläßt folgenden Aufruf: Alle Mann an Bord! Heiligen Vaterlandes Ehre ruft gegen Ost und West zum Kampfe. Kostbares Heil ward uns zuteil: Der erste unter den .Tausenden, die freiwillig sich in Köln für Deutschlands Größe zu kämpfen meldeten, war unserer Wanderer-Mannschaft Führer. Hunderte von uns folgten seinem Beispiel. Ihr anderen aber, in Stadt und Land, die ihr noch zu jung, das Schwert zu gürten, ihr Mädchen auch insgesamt, kennet in dieser hohen Stunde nimmer vergänglichen Ruhmes nur ein mächtiges Zauberwort: fürs Vaterland! Wir erwarten, daß ein jeder von euch sich bei den Ortsbehörden — zu welchem Zweck es auch immer sein mag — unverzüglich zur Verfügung stellt. Als bezeichnend für die große Vaterlandsliebe unter den Juden teilt man der „K. Z." folgenden Fall mit: Ein junger Jude meldete sich bereits am Freitag, den 30. Juli, also vorder Mobilmachung, freiwillig bei dem Krefelder Hufarenregiment, wurde jedoch wegen Körperschwäche — er ist erst 18 Jahre alt — nicht angenommen. Am Montag, den 3. August, also unmittelbar nach der Mobilmachung, meldete er sich nochmals bei dem Regiment, jedoch aus diesmal vergebens, da Freiwillige nicht mehr angenommen werden konnten. Am gleichen Tage wandte sich der junge Mann an das 7. Füßartillerieregiment, 9. Fußartillerieregiment, Fliegertruppe und Luftschifferabteilung, aber alle diese Truppengattungen konnten der Bitte um Einstellung nicht entsprechen, da alles besetzt sei. Weitere Meldungen beim Felüartillerieregiment 59 und dem Telegraphenbataillon waren leider auch ergebnislos, alle Stellen waren besetzt. In dieser wahrhaft erhebenden Zeit, in der alle Parteigegensätze aufhören sollen, bringt es die „Deutsche Wacht" (Dresden) fertig, einen Artikel „Juden und Polen" (9. August) zu veröffentlichen. Im ganzen wendet sich der Artikel gegen Uebertreibungen französischer Blätter und macht zum Schluß den Vorschlag, man möge dafür sorgen, an Stelle der abwandernden Juden Deutsche statt Polen zu setzen — als mnn dies so einfach wäre. Der eine Passus des Artikels muß niedriger gehängt werden. Er lautet: Was nun Russisch-Polen anbelangt, so sieht der Pvlensreund in der „Action" "sehr trübe. Die alte Klage, daß Rußland das Königreich I Polen absichtlich zum Ghetto machen will, wird auch hier vorgebracht. Die Ausnahmegesetze im übrigen Rußland veranlassen Hunderb tausende von Juden, sich im alten Königreich anzusiedeln, und hier stellen die Juden geradezu ein im russischen Sinne wirkendes Element dar, das den Schutz der Regierung genießt und die nationalen Bestrebungen der Polen vernichtet. 85 v. H. des Handels sind in den Händen der Juden. Diese Zahl steigt im Getreidehandel auf 95 v. H. In der kleinen Industrie ist es dasselbe. 56 v. H. aller Schneider, 58 v. H. der Mineralwassersabrikanten, 75 v. H. der Tabatsabrikanten sind Inden. Unter diesen Umständen scheint es verständlich, wenn die Polen, an der Spitze die polnische Presse, in den letzten Jahren eilten heftigen Kampf gegen diese jüdische Ueberschwemmung führen und das polnische Publikum darauf auftnerksam machen, daß es die Annehmlichkeiten der jüdischen Händler (billige Preise und leichten Kredit) durch schlechte Ware und falsches Gewicht bezahlen muß. Es wird sogar behauptet, daß die Juden das polnische Volk entsittlichten, indem sie die Kinder dazu anhielten, ihre Eltern zu bestehlen und das gestohlene Gut bei den jüdischen Kausleuten zu verkaufen; ferner, daß Fälle von Judenverfolgungen von den Juden selbst inszeniert worden sind, nur um sich als Opfer der polnischen Rachsucht hinstellen zu können und das polnische Volk bei der russischen Regierung in Mißkredit zu bringen. Wie sich das auch verhalten mag, jedenfalls ist es dahin gekommen, daß sich auch in Rußland die Juden mehr und mehr der geschlossenen polnischen Nation gegenübersehen, die sie noch mehr als die russischen Eroberer haßt. Es ist geradezu schmachvoll, daß ein deutsches Blatt es wagt, in so allgemeiner Weife die Juden zu erniedrigen, empörende, durch nichts beglaubigte lind innerlich geradezu unmögliche Vorwürfe gegen die Mitglieder einer Glaubens-