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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-08-21 · Heft 34 (21.8.1914) · p. Seite 398

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 34 (21.8.1914)
Date
1914-08-21
Page
Seite 398 (sequence 2)
Language
German
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"— 398 - Volke. Wir nicht, denn wir kannten und kennen nur eine jüdische Glaubensgemeinschaft. Aber viele Juden haben, besonders in dem letzten Jahrzehnt, immer von dem nationalen, dem jüdischen, Volkstum gesprochen. Manche unserer christlichen Gegner haben einen doppelten Vorwurf gegen uns erhoben: den einen, wir seien ein Fremdkörper unter den ver-, sehiedenen Völkern, den anderen, wir Juden seien eine internationale Gemeinschaft, die ihre Sonderinteressen ausschließlich verfolgten, unter Vernachlässigung ihrer nationalen Pflichten. Wie nichtig alle diese Vorwürfe sind, Haben die letzten Wochen glänzend bewiesen. Dieselbe Partei, die sich als Angehörige eines jüdischen Volkes gerierte, hat in Deutschland, und gewiß ähnlich in Oesterreich und Frankreich — denn England kennt keine allgemeine Militärpflicht, sondern besitzt nur ein Söldnerheer — das sogenannte jüdische Volksbewußtsein zurückgedrängt zugunsten einer wahrhaft deutsch- (oder französisch-) nationalen Gesinnung. Es soll den Zionisten unvergessen bleiben, aber auch sie mögen es nicht vergessen, daß sie sich in den großen Tagen groß gezeigt haben. Unsere Gegner aber, außerhalb unserer Gemeinschaft, müssen schweigen. Diejenigen, die als Fremdkörper bezeichnet wurden, kannten, wie alle Landeskinder, nur eine Pflicht, die gegen das Vaterland. Alle Juden, nicht nur die Angehörigen des stehenden Heeres, der Reserve und Landwehr, sind dem Rufe zu den Waffen freudig gefolgt, aber auch viele Tausende haben sich freiwillig gestellt. Ohne Murren, mit einem Gefühl heroischer Freude, haben Eltern ihre Kinder, Hunderte alle ihre Söhne, Gattinnen ihre Gatten hergegeben. Die Begeisterung, die heldenmäßige Gesinnung hat, wie die Nationen überhaupt, so and) die Juden ergriffen. Und wo ist jene goldene Internationale, die in den Köpfen unserer Feinde spukte, geblieben? Der deutsche Jude, ebenso wie der französische, hat im Kriege nicht einen Augenblick daran gedacht, daß er etwa in erster Linie Jude sei, sondern er hat sich nur als Angehöriger seines Landes gefühlt. Wie er den Segen der Kultur, die Wohltaten des Geistes seines Vaterlandes in Friedenszeiten genossen hat, so will er im Kriege mit seinen Landesgenossen stehen, kämpfen und leiden für sein Vaterland. Wir Juden verlangen keine Sonderrechte für uns, keine Belohnung für die großartigen Spenden an Gut und Geld, für die Bereitwilligkeit, mit der wir unser Blut opfern. Wir kämpfen fürs Vaterland, aber wir erwarten von ihm, wie wir es immer gefordert, Gerechtigkeit. Der blutige Kampf hat erst begonnen. Es werden unzählige Opfer gefordert werden. Gar viele der Zurückgebliebenen sehen schon jetzt ihre Eristenz bedroht, sie ahnen das Schlimmste für den Lauf der Zeiten — aber nirgends zeigen sich Sonderwünsche und Sonderinteressen. Es gibt nur einen Wunsch: Heil und Segen dem Vaterlande. Und so vertrauen wir den Ausgang dem allwaltenden Geschick. Wir kennen die Zukunft nicht, aber das eine wissen wir: wir deutschen Juden werden uns würdig zeigen der Vergangenheit, wir werden uns bewähren als gute, treue Söhne unseres Vaterlandes. Sir Woche. Berlin, den 18. August 1914. Chronik. 12. A u g u st. Die letzten Tage brachten schöne Erfolge der d e u t s ch e n T r u p p e n. Am 10. fanden zwischen Mülhausen und B e l f o r t, am 11. in der Nähe von L unev i t l e blutige Zusammenstöße statt; bei dem ersten wurde das 7. französische Armeekorps und eine Infanteriedivision zurückgeworfen: bei dem letzteren wurden 700 Gefangene gemacht, eine französische Fahne wurde erbeutet, ein General ist gefallen. lieber die Verluste der Unfern weiß man noch nichts. Wir Deutsche dürfen zu der Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit dieser Berichte des Generalstabs das unbedingteste Vertrauen hegen und können die Lügenberichte französischer Zeitungen mit Verachtung straftn. Diese kurzum offenkundigen Tatsachen verkehren unsere Siege zu Niederlagen, stellen die Einnahme Lüttichs in Abrede, wollen die Welt an große französische Siege glauben machen. Demgegenüber darf man feststellen, daß Deutschland im Westen und Osten vollständig von den Feinden befreit und daß der Krieg in die feindlichen Länder getragen ist. Mögen die Waffen der Deutschen in diesem unsäglich traurigen blutigen Ringen gesegnet sein. # Als Nachtrag zu dem Artikel: „Der Bettag vom 5. August" (Nr. 33) folge hier ein nachträglich eingegangener Bericht: In der Synagoge K a i s e r st r a tz e sang Herr Kantor K a - l i s ch e r nach der Kolnidre-Melodie den 130. Psalm im Urtext und darauf der Chor die deutsche Uebertragung. Rabbiner Dr. Petuchowski schilderte alsdann den furchtbaren Ernst der Lage, der alle Herzen mit Sorge und Kümmernis erfülle mit den Bestand des Reiches und die Zukunft unseres Volkes. Wir dürften aber dennoch unser Herz dem Tröste und der Hoffnung nicht verschließen. Die Begeisterung habe alle, ohne Unterschied des Glaubens und des Standes, entflammt, und in dieser Uebereinstimmung zwischen Fürst und Volk, in dieser Verbrüderung aller deutschen Stämme liege eine große Beruhigung, eine Zuversicht, die fast schon den Sieg verbürge. Aber jeder wird in diesen schweren Stunden vor allem seinen Trost in Gott suchen, den Trost, den die Religion allein zu bieten vermag. Der Ruf, den Mose und Israel nach ihrer Rettung aus Feindeshand anstimmten, „Gott ist der Herr des Krieges, Ewiger ist sein Name", gewähre solchen Trost. Denn der Gott des Krieges, der zugleich der Richter der ganzen Erde ist, müßte die gerechte Sache zum glücklichen Ende führen. — Auch im Gotteshause, der Stätte, wo sonst nur Gottesfurcht und Menschenliebe gepredigt werde, dürfe und müsse jetzt vom Kriege gesprochen werden, da es sich um einen Krieg handle, der uns aufgezwungen sei, und der für eine hohe, sittliche Idee geführt werde, für das Recht eines großen Volkes, die Bedingungen seiner Existenz selbst zu bestimmen. So werde ja auch der „Gott des Krieges" von uns als „Stifter des Friedens" gepriesen; und so müsse auch unterschieden werden zwischen dem, der aus Ehrgeiz und Ruhmsucht kämpft, und dem, der da kämpft, um das Recht an die Stelle des Unrechts, die Gradheit und Offenheit an die Stelle der Doppelzüngigkeit zu setzen. Wir haben den Krieg nicht gewollt, unser Kaiser habe bis zur letzten Stunde für die Erhaltung des Friedens sich eingesetzt; das gebe ihm und uns ein reines Gewissen und eine gute Waffe. Der Gott des Krieges, der Hort der Gerechtigkeit werde unsere gerechte Sache schützen und zum Siege führen. — Auch in dem Begriff des „Ewigen", das ist des in allen Lagen Unwandelbaren, liege Trost und Zuversicht; der Gott, der uns bisher in jeder Not beigestanden, werde uns auch in dieser Not derzeit nicht verlassen. Diese Not sei eine allgemeine, keine Familie werde von ihr verschont, da die Gatten, Söhne und Brüder den häuslichen Herd verlassen, um für die Größe und die Freiheit des Vaterlandes zu kärnpfen. Aber jede deutsche Mutter wisse, was es heißt, für das Vaterland den Heldentod zu sterben, und werde zu Gott beten, daß er ihrem Sohne Mut und Ausdauer verleihe; und jede jüdische Mutter kenne in der Geschichte ihres eigenen Stammes Beispiele heldenmütiger Todesverachtung und opferfreudiger Hingebung und werde in ihrem Gotte, als dem Gotte der Liebe und Barmherzigkeit, ihren Trost und ihre Beruhigung finden; ihre Losung werde sein: „Gott ist mit mir, ich fürchte nichts!" Der Redner schloß mit dem Gebet für Kaiser und Reich und dem Wunsche, daß unsere tapferen Soldaten sieggekrönt zum häuslichen Herde zurückkehren mögen. — Mit dem Gesang des „Adaun aulom" schloß die erhebende Feier. # Auch in anderen Städten des Deutschen Reiches wurden am 5. August oder später feierliche Gottesdienste veranstaltet. So fand, laut einer Verfügung des badischen Oberrats in allen badischen Synagogen ein besonderer Gottesdienst statt. Es wurde ferner verfügt, daß bei Sabbatausgang bis auf weiteres nach dem Hauptgebet die Psalmen 3, 13, 27f 46, 91 gebetet werden sollen. Aus dem Gebet zum 8. August sei folgende Stelle hervorgehoben:

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