Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 mtr vorübergehende Unannehmlichkeiten. Direkt geschmälert wird ober das geistige Ansehen und die kulturelle Bedeutung Deutschlands. Aus diesen Gründen heraus ist es vollkommen national gedacht, wenn wir die Ausländer, deren politische Harmlosigkeit eben erst durch unsere Polizei festgestellt worden ist, gegen häßliche Angriffe und chauvinistische Ueberhebungen in Schutz nehmen. Dazu kommt noch als eine nicht allgemein bekannte Tatsache, daß die meisten hier lebenden Aussen - insbesondere die russischen Juden — die denkbar schärfsten Gegner der Gewaltpolitik ihres Heimatlandes sind und sich mit uns in dem Wunsche einer raschen Niederringuug des russischen Willkürregiments begegnen. Also ist eS unsere Pflicht, alle Ausländer zu schützen, die uns nicht herausforderu. VV. Posen, 9. August. Das Gemeindehaus, in welchem sich auch die Religionsschule befindet, hat seine vielen Räume der Militärverwaltung zur Verfügung gestellt. Der Unterricht muß deshalb ansfalleu. Wie in allen Gemeinden des Vaterlandes haben auch hier Männer und Jünglinge die Ihren verlassen, um dem Rufe ihres Kaisers zu folgen. Viele jüdische Mitbürger sind zu Reserveoffizieren befördert worden. Eine Familie hat zehn verheiratete Sohne ins geschickt, einer dieser ist der Kultnsbeamte Bauin von der Synagoge A. Vom .Kaufmann Bär kämpfen fünf Söhne für den Ruhm unseres Vaterlandes. - Au Liebesgaben beteiligen sich die jüdischen Bewohner in erheblichem Matze. Die Firma M. Rosenb e r g , Zigarrenfabriken, hat am 3. August dem fünften Armeekorps als erste Liebesgabe 100 000 Stück Zigarren zur Verfügung gestellt, ferner erhält das Korps 2500 Pfund Pfeifentabak. — Die Likörchbrik Hartwig Kantorowitsch, Aktiengesellschaft, hat lOOO Flaschen ihrer ,^ruchtsäfte zur Erfrischung der durch Posen fahrenden Truppen dem „Roten Kreuz' zur Verfügung gestellt. — 12 Waggons mit H"lz, eiuein Wert von 5000 Mart entsprechend, hat Herr Holzhändler Adolf Salomou der Heeresverwaltung zur Verfügung gestellt. - Die Anerbietungen wurden selbstverständlich mit Dank angenommen. --- Breslau, 7. August. Die hier erscheinende „Jüdische Voltszeitung" bringt unter der Ueberfchrift „Von der russischen Grenze folgenden Bericht: Unsere braven Soldaten, welche nach dem Einbruch des Feindes in unser Vaterland die russische Grenze überschritten, lvurden überall als Befreier vom Joche russischer Knechtschaft und Tyrannei mit Jubel empfangen. Die Bevölkerung atmete ordentlich auf. als nufere preußischen Inngens einrückteu. In der russischen Grenzstadt Modrzejow bei Myslowitz hielt der Bürgermeister eine Ansprache an unsere Offiziere. Nicht zum wenigsten fühlt sich die starte jüdische Eimvohnerschaft erleichtert. Die russische Soldateska hat den ohnedies durch die diesjährige Mißernte in arge Rot geratenen Bewohnern die letzten Vorräte an Lebensmitteln genommen. Vor ihrem Rückzüge haben sie noch die Vorräte vernichtet, die sie nicht mitschleppen konnten: in Kalisch haben sie über eine Million an Getreidewerten mit den Waggons verbrannt und den umfangreichen Bahnhof augezündet, so daß die Bewohner der Stadt in Todesangst schwebten. Die polnischen Inden hielten Sonntag einen Fasttag als Gedenktag um den Brand des Tempels von Jerusalem, als die Preußen in die Stadt einrückteu. Und der Tag der Trauer ist ihnen an diesem Tage nach der Verheißung des Propheten zum Frendentag geworden. In Wiernszow, gegenüber von Kempen, hatten die Russen ihre eigene Kaserne augezündet, die Preußen wurden dort Freitags schon freudig aufgenonnnen, dasselbe geschah weiter nördlich in Podgrabow, unserem Grabow gegenüber, von wo man einen ttebersall der russischen Kavallerie ans unser Schildberg befürchtet hatte, so das; unsere Soldaten noch Sonnabendabend ans Ehansseen und Wegen Verhaue und Drahthindernisse errichteten. Aber es mn überflüssige Arbeit. Die Russen haben in ihrem Plane, sich hinter die Weichsel zurückzuzieheu, um sich dort zu sammeln und zu einem großen Schlage auszuholcn. So ist bis Warschau das ganze Land von Militär entblößt, unfern Truppen fielen die größeren Grenzstädte, außer Kalisch noch Ezenstochau und Wielun fast ohne Schwertstreich iu die Hände. Das sind Städte von etwa (>()0oo Einwohnern, deren größter Teil ans Juden besteht. Die armen geplagten polnischen Juden, sie fühlten sich jetzt schon als Deutsche und wollen es bleiben. Es war alles schon der Verzweiflung nahe, und die Revolution wäre unter dem Volke ausgebrochen, untren nicht die Preußen als Retter erschienen. Daher ist es anch kein Wunder, daß Massendesertionen im russischen Heere stattfinden, wie es unsere Soldaten an den Grenzübergängen täglich und stündlich zu beobachten Gelegenheit haben. E. Z. Hamburg, 7. August. Der neunte Ab, seit zwei Jahrtausenden ein Tag der Trauer für die gesamte Indenheit, er ist zu einem Tage der Trauer geworden für die gesamte Knlturwelt. Denn gesiegt haben Roheit und Unverstand gegen die Intelligenz und gegen die allen Religionen gemeinsame Nächstenliebe. Dem deutschen Vaterlande ist ein Kamps ausgezwungen worden, wie ihn die Weltgeschichte nie gesehen hat, ein Kamps um die Existenz, freudig ziehen wir deutschen Juden oder wir Deutsche jüdischen Glaubens in diesen Kampf. Eingedenk der Heldentaten unserer Väter wollen wir jeder ein Makkabäer sein, wie ein Hammer dreinschlngend. Eingedenk deutscher Treue und deutscher Tapferkeit wollen wir kämpfen für unser Vaterland, für unser Deutschtum bis zum letzten Blutstropfen, und uns den letzten Rest der noch fehlenden Gleichberechtigung erkaufen mtf dem Felde der Ehre. Als am neunten Ab die Kriegserklärung bekannt wurde, da zog wie ein Blitzstrahl durch meine Seele der Vers: Unser Vater, unser König, räche vor unseren Ailgen das Blut, das unschuldig vergossene Blut deiner Knechte. Rache für Kischinew! Das sei der Kriegsruf unserer kämpfenden Brüder. Rache für Kischinew! Und darum, ihr polnischen und russischen Juden, ihr, die ihr seit Jahren und Jahrzehnten im deutschen Vaterlande friedlicher Arbeit nachgeht, jetzt ist es für euch an der Zeit, euch das Heimatrecht auf deutschem Boden zu erkaufen. Mit eurem Blute erkauft es, stellt euch freiwillig den deutschen Jahnen und kämpft wie die Löwen für eure neue Heimat, nehmt Rache für Kischinew. Dreifach sei eure Wut, dreifach euer Mut! Und dann wollen wir singen, wie einst unser großer Lehrer Moses Plein Sieg und Sang ist Iah! Und er wird mir zur Hilfe sein. Ihr aber, die ihr nicht kämpfen könnt fürs Vaterland, ihr Männer, Frauen und Kinder: Gebet Gold für Eisen! CAi Köln, 7. Juli. Der Verein „Israelitisches Lehrlingsheim Köln" versendet soeben den Bericht über das Vereinsjahr vom 1. April 1913 bis 31. März 1914. Der Bericht gedenkt Zunächst des im abgelaufenen Vereinsjahre verstorbenen Vorstandsmitgliedes Otto Rothschild, der seit 1888 bis zu seinem jähen Tode in der Leitung des Vereins wie bei der Errichtung des Hauses für das Wohl der Zöglinge segensreich gewirkt hat. Mit Genugtuung hebt der Bericht hervor, daß das Erziehungswerk auch im verflossenen Jahre seine Aufgabe erfüllt hat. Voraussetzung und Gewähr für die gesicherte Zukunft der Zöglinge ist neben körperlicher und sittlicher Gesundheit die Ausnutzung aller verfügbaren Mittel für die fachliche und allgemeine Ausbildung. Reben dem Besuch der gewerblichen Fachschulen dienen der Unterricht im Heim durch Herrn Lehrer Grünebaum und den Inspektor in geteilten Klassen sowie der Besuch der Abendkurse in der Plaschinenbauschule für die nicht mehr Fortbildungsschulpflichtigen der Weiterbildung, die Freitag-Abend-Vorträge des Vorstandsmitgliedes Herrn Rabbiner Tr. Earo der religiös-sittlichen Erhebung. Der körperlichen Ertüchtigung und dem Recht der Jugend auf Spiet und Freude wird Genüge geleistet durch den regelmäßigen Turnunterricht des Herrn K r a m p s und durch die sonntäglichen Wanderungen, zum Teil in Anschluß an andere Iugendvereine. Die Zahl der Zöglinge betrug 31, von denen drei wegen ungehörigen Betragens entlassen wurden. Drei eingetretene Knaben mußten wegen Untauglichkeit für den gewählten Beruf bereits in der Probezeit ausscheiden. Sechs Zöglinge bestanden die Gesellenprüfung, zwei von diesen haben sich für die Aufnahmeprüfung in die königliche Maschinenbauschule mit Erfolg vorbereitet und besuchen jetzt diese. Der Herr Regierungspräsident hat für einen dieser Jünglinge lein Pogromkind), der als Ausländer das fünffache jährliche Schulgeld mit 1090 Mark hätte entrichten müssen, dieses auf Vorstellung des Vorstandes aus den Normalsatz ermäßigt. Drei Zöglinge wurden wegen guter Leistung und Führung mit Prämien in der Fortbildungsschule bedacht. Ter Vorstand belohnte sie durch Anlage von Sparkassenbüchern aus dem Neckarsnlmer Fonds. In der ordentlichen Mitgliederversammlung am 31. Juli 1913 wurden die ausscheidenden Mitglieder, Herr Moritz L e v y jr. und Herr Engen Sternberg wiedergewählt, nengewählt lvurden in den Vorstand Herr Louis Goldberg und Herr Rabbiner Dr. Earo, der das Amt des Schriftführers für den wegen Ueberbürdung mit anderen Aemtern ausscheidenden Herrn Iustizrat Ludwig Eahen übernahm. Zu Revisoren wurden die Herren Herrn. Leubsdorf und Alfred Stierst a d t gewühlt. Der Bericht schließt mit herzlichen Dankesworten