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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-08-14 · Heft 33 (14.8.1914) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 33 (14.8.1914)
Date
1914-08-14
Page
– (sequence 13)
Language
German
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78. Jahrgang. Nr. 33 Berlin, 14. August 1914 Der Gemeindevote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung des Judentums". korrrlpondrnsrn und Nachrichten. SklttWsnd. Berlin, 11. August. Zu einem „Tage des Herrn" iw. vollsten Sinne des Wortes gestaltete sich der für den 5. d. M. angeordnete allgemeine Bettag. Aus allen Teilen des Reiches gehen uns ausführliche Berichte zu über die an diesem Tage veranstalteten Gottesdienste und die patriotischen Ansprachen der Rabbiner und Lehrer, deren Worte, ermahnend und tröstend, in die stürmisch erregten Gemüter drangen und mächtigen Widerhall fanden. Ueberall — das geht -aus den uns vorliegenden Berichten hervor — zeigte sich der Ernst des Tages, verklärt im Geiste der Religion, überall herrschte heiligste Stimmung, und überall ertönte inbrünstiges Flehen um die Hilfe des Allmächtigen für das bedrängte Vaterland, für das tapfere deutsche Heer und den obersten Kriegsherrn. Niemals hat Berlin und niemals hat das Deutschland der letzten dreiundvierzig Jahre einen solchen Gottesdienst erlebt. Erschütterndes erlebte man allerorten; der Schmerz um vielleicht bevorstehendes schweres Leid, in der Hast eines raschen Abschiedes mühsam zurückgedrüngt, brach nun ungehemmt hervor, und lautes Weinen klang in die tröstenden Worte des Predigers und stimmungsvollen Gesänge des Kantors und der Gemeinde. Ueberall aber fühlte man sich nun in Wahrheit als ein Volk von Brüdern, und tröstend wendete sich der Fremde zum Fremden, hielt ihm sein Leid entgegen, auf daß er sehe: du stehst nicht allein mit deinem Schmerz! Wir alle bringen dem Vaterland das Opfer, das du bringen mußt! Erschütterndes erlebte man; aber es versank im Erhebenden, in dem das ganze deutsche Volk beseligenden Bewußtsein: „Gott ist unsere Zuflucht und unsere Macht, ein Beistand in allen Nöten und immer gegenwärtig. Darum fürchten wir uns nicht, auch wenn die Erde wankt." Lieb Vaterland magst ruhig sein! S£2 Berlin, 11. August. Wie viele jüdische Lehrer, ist auch der Erziehungsinspektor der vom De u t s ch - i s r a e l i t i f ch e n Gemeindebund ressortierenden Fürsorgeerziehungsanstalt für israelitische Knaben zu Repzin bei Schivelbein, Herr Baronowitz, dem Ruse unter die Fahne gefolgt. Da anzunehmen war, daß auch der 2. Lehrer, Herr Friedrich L e v y, mit dem Landsturm einberufen werden würde, hat das Kuratorium der Fürsorgeerziehung einen Stellvertreter für die Kriegszeit gesucht. Das Kuratorium ist nicht in die Lage gekommen, einen Bewerber zu engagieren, da Herr Levy in der Anstalt bleibt. Das selbstlose Verhalten des Herrn Lehrers Max Vorsänger, Neuenkirchen, Kreis Wiedenbrück, der für die Dauer seiner Ferienzeit, d. i. bis zum 8. September, seine Dienste dem Kuratorium unentgeltlich zur Verfügung gestellt hatte, sei hiermit dankend hervorgehoben. Berlin, 11. August. Einem Bericht der „B. Z. am Mittag" über das Döberitzer Russenlager entnehmen wir folgende Schilderung: Draußen, an der Döberitzer Heerstraße, irn Barackenlager des großen Truppenübungsplatzes, wo sonst die Truppen untergebracht sind, die vor dem Manöver den letzten militärischen Schliss im größeren Verbände erhalten sollen, wo sonst die Berliner Garnison und das übrige Gardekorps sich im Scharfschießen übt, dort ist seit einigen Tagen eine recht unmilitärische Gesellschaft eingezogen. In einem Teil der riesigen Barackenstadt hat man die R u s s e n untergebracht, die sich hier aufhielten und die hier von der Polizei festgehalten wurden. Es sind zum größten Teil junge Männer, Militärpflichtige, die man auf diese Weise an der Ausübung ihres militärischen Dienstes hindern will, aber auch ältere Jahrgänge sind dabei, von denen man annehmen kann, daß sie noch Militärdienst tun werden oder sonst sich kriegerisch gegen das Deutsche Reich betätigen könnten. In einer Ecke der riesigen Barackenstadt ist ein Terrain abgeschlossen, auf dem etwa 2000 Russen interniert sind. Sie wohnen in den Baracken, die sonst mit unserem Militär belegt sind, können sich auf dem großen Terrain vollkommen frei bewegen und erhalten ausgiebige gute Verpflegung. Eine Kantine steht ihnen zur Verfügung, in der sie sich für ihr Geld Zigaretten, Wurst, Kaffee usw. kaufen können. Aber auch die Verpflegung, die ihnen gratis gewährt wird, ist so reichlich, daß man nur wünschen kann, jedem Berliner ginge es ebenso gut. Eine recht bunte Gesellschaft ist da zusammengewürfelt. Dre Land- und Feldarbeiter, die man hier sestgehalten hat, sind zum größten Teil auf umliegende Güter, so auch auf die großen städtischen Besitzungen zu Erntearbeiten abgegeben worden. In Döberitz befindet sich die Intelligenz der in Berlin wohnenden Russen: Künstler, Studenten, Aerzte, Privatgelehrte, Kaufleute stellen wohl den Hauptteil der 2000, aber auch russisch-polnische Handelsleute mit ungestutztem Rundbart und langem Kaftan sind interniert worden. Wen ich von den Russen auch sprach, sie alle waren darüber einig, daß der Aufenthalt und die Verpflegung in Döberitz nichts zu wünschen übrig lassen, und daß dort ihre Lage durchaus erträglich sei. Weniger erbaut waren sie von den Erlebnissen der vorhergehenden Tage. Die bei der Festnahme nicht zu vermeidenden Härten und die Stellungnahme des Berliner Publikums zu den Russen werden den meisten eine recht deprimierende Erinnerung bleiben. Der größte Teil der Besatzung dieses Russenlagers ist von Westeud aus nach Döberitz marschiert. Die 25 Kilometer stecken manchem der Herrchen noch in den Gliedern. Auch in sanitärer Hinsicht ist bestens gesorgt. Die ärztliche Leitung des Barackenlagers hat in Verbindung mit dem unter den Russen befindlichen approbierten Aerzten eine genaue Untersuchung des Gesundheitszustandes vorgenommen. Die Kranken sind abgesondert und werden ärztlich behandelt. Strengste Sauberkeit ist allen zur Pflicht gemacht worden. Aufschriften in deutscher Sprache, denen Uebersetzungen in russischer Schrift und Sprache beigefügt sind, weisen darauf hin. In langen Reihen sitzen die Leute vor den Baracken auf den Holzschemeln, unterhalten sich im Schatten der schönen hohen Bäume, an deren Aeften eine Menge frisch unter der Wasserleitung gewaschener Taschentücher zum Trocknen hängen, oder gehen auf dem weiten Terrain spazieren. Innerhalb des Rayons ist volle Bewegungsfreiheit gestattet. Besuche können sich die Russen gegenseitig machen, so viel sie wollen. Die Frage nach der Verpflegung wurde allgemein lobend beantwortet. Ich hatte den Eindruck, als wenn ein großer Teil der Internierten, namentlich der jüngeren Leute, sich eine so reichliche Kost im gewöhnlichen Leben kaum zu leisten imstande sein dürften. Aber auch die Aelteren waren durchaus zufrieden. Unter ihnen befinden sich, wie der Berliner zu sagen pflegt, „ganz große Tiere". Am Abend zwischen 6 und 7 Uhr ist allgemeine Besuchsstunde. Wer sich legitimieren kann und einen Bekannten oder Verwandten besuchen will, erhält in der Kommandantur einen Erlaubnisschein. Bedingung ist, daß nur deutsch gesprochen wird. Wäsche, Nahrungsmittel können den Internierten mitgebracht werden. Die Erlaubniszeit war abgelaufen, wir bestiegen unseren Wagen wieder und fuhren nach Berlin. Mein Besuch im ersten Kriegsgefangenenlager, denn so etwas ist ja eigentlich das Internat in Döberitz, gab mir viel zu denken. Die Fürsorge der deutschen Regierung für die festgenommenen Russen ist ein glänzendes Zeichen deutscher Humanität. Wenn man nur hoffen könnte, daß es unseren deutschen Landsleuten im Auslande ebenso ginge, dann könnte man mit Beruhigung an sie denken. — Hinzufügen wollen wir, daß unter den Internierten auch viele Juden sich befinden, zum großen Teile auch solche, die mit ihren Familien aus den Bädern kommend, infolge der Mobilmachung an der Heimreise verhindert waren. Die jüdische Gemeinde tut ihr möglichstes, um das harte Los der nun in Berlin zurückgebliebenen und der Unterstützung bedürftigen Angehörigen der Internierten zu erleichtern. V. Z. Berlin, 11. August. Wie wir soeben erfahren, ist inzwischen der größte Teil der in Döberitz inhaftierten Russen wieder in Freiheit gesetzt worden, und da erscheint es an der Zeit, gegen die sehr überflüssige Belästigung der in Berlin lebenden Russen und anderer Ausländer Einspruch zu erheben. Es ist ganz selbstverständlich, daß sich jeder Deutsche für die Zeit des Krieges hüten wird, im Gespräch mit Ausländern militärische Fragen auch noch so flüchtig zu berühren. Auf der anderen Seite liegt bei einem Kulturvolk nicht der geringste Anlaß vor, plötzlich Beziehungen zu Menschen abzubrechen, die wir Jahre hindurch aufrechterhalten haben und sie für die Sünden ihrer Regierungen verantwortlich zu machen. Kriege werden auf den Schlachtfeldern geführt, nicht in Kaffeehäusern und Restaurants, die der Ausländer ja schon seiner leiblichen Notdurft wegen aufsuchen muß. Wenn Volk gegen Volk kämpft, so ist dabei nach dem heutigen ethischen Empfinden die Privatperson ebenso zu achten wie das private Eigentum. Bei einer anderen Haltung der Bevölkerung erwachsen dem Ausländer selbst

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