Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- Seite 395 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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395 die Namen, die Abbe Guenee in seinem kleinen Kommentar zu den Lettres de quelques juifs portugais et alleniands gebraucht hatte. In Voltaires Artikel kommt die Stelle vor: „Sie müssen wissen, das; ich Ihre Nation nie gehaßt habe. Im Gegenteil: ich habe sie immer beklagt; trotz gelegentlicher Herbigkeit besaß ich immer Gefühl genug für sie. So weinte ich im Alter von 16 Jahren, als man mir erzählte, man habe in Lissabon eine Mutter und ihre Tochter wegen eines geringfügigen Verbrechens verbrannt, und ich kann Sie versichern, daß die gerühmte, außerordentliche Schönheit der Tochter nicht die Quelle meiner Tränen war." Vielleicht wird ans dasselbe Ereignis so führt Ritter fort in Montesquiens Esprit des lois Buch 15, Kap. 13 augespielt, wo es heißt: „Eine 18jährige Jüdin, die in Lissabon bei dem letzten Autodafe verbrannt wurde, gab Gelegenheit zu diesem kleinen Werke." Gemeint ist „Tres humble remontrance aux inquisiteurs d’Espagne et du Portugal“, das kleine Werk ist der erste Entwurf des Esprit des lois. Da Voltaire 1694 geboren ist, so war er im Jahre 1710 16 Jahre alt. Montesquieu, 1689 geboren, könnte recht wohl in demselben Jahre oder kurz nachher die kleine angeführte Schrift geschrieben haben, so daß sich die Aenßerungen beider auf dasselbe Ereignis bezögen. Welches Ereignis ist es mm? Ans diese Frage hat der erwähnte Forscher in der Zeitschrift keine Antwort erhalten, denn der am angeführten Orte, Bd. 16, S. 212 f., erwähnte Hinweis ans das Buch Von Llorente: Histoire de Fiuquisition au inoyen age, ist keine Antwort, weil dieses Buch, wie man weiß, erst im Jahre 1817 erschienen ist, also ein Jahrhundert früher den beiden französischen Schriftstellern nicht als Quelle gebient haben kann. Das Ereignis selbst muß, wie aus den Stellen der beider: französischen Großen hervorgeht, ein ganz ungewöhnliches Aufsehen gemacht haben, und es lohnte sich wohl. Näheres darüber zu erfahren. Die jüdischen Quellen lassen uns hier im Stich. Wenigstens berichtet Graetz X, 275 ff., nur von Greueln der Inquisition in Portugal ans den Jahren 1670 bis 1680. 2. Ein e u nbek a n n t e Schrift V o l t a i r e s ü b e r I ubeit '! Die vorhin angeführte französische Zeitschrift veröffentlichte vor einigen Jahren interessante Briese des französischen Schriftstellers Thieriot an Voltaire. In einem dieser Briese (9. Juni 1761) kommen felgende Worte vor: J’ai lu avec un tres grand plaisir la lettre de Mr. Cloepitre a Mr. Eraton sur la question, si les juifs mangeaient de la chair humaiue. Vous etiez en belle humeiir quand vous Eavez l’aite. Es handelt sich also an dieser Stelle um eine Voltairesche Schrift; man weiß, daß der französische Aufklärer sich sehr häufig der seltsamsten Decknamen bei seinen Veröffentlichungen bediente. Alis unserer Stelle geht deutlich hervor, daß Voltaire, dem ein so vertrauter Freund wie Thieriot nichts zugeschrieben haben wird, was nicht wirklich von ihm herrührt, 1761 wirklich eine Schrift veröffentlicht haben muß, in der er sich vermutlich spöttisch gegen die Annahme wandte, daß die Inden Menschensleisch äßen (oder sollte es sich vielleicht um eine Aenßernng Voltaires über das sogenannte Ritualmordmürchen handeln, dann wäre die Notiz von noch größerem Werte). Bengesco in seiner Voltaire-Bibliographie, Bd. 2, S. 99, schreibt die Schrift dem Jahre 1764 zu; dies muß aber nach der Mitteilung in unserem Briefe ein Irrtum fern. Aber sowohl Bengesco als der Herausgeber unseres Briefes geben als sicher an, daß die fragliche Schrift nicht erhalten ist; vielleicht findet sie sich aber doch, und wenn wirklich Voltaire sich gegen das Blutmärchen ausgesprochen haben sollte, so wäre dies ein wichtiger Fund. L. G. Litrrarilche Mitteilungen. A l p h onse L e v h , Erlebt. Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben. Berlin. 8". 71 Seiten. Preis 1 Mark, geb. 1,80 Mark. Alphonse Levy, dessen Name auf anderem Gebiete rühmlichst bekannt ist, vereinigt' in dem vorliegenden Bande drei Novellen und eine Skizze. Die erste der drei Novellen ist eine Tendenzerzähtnng im guten Sinne des Wortes; an einer Erzählung aus der Geschichte seiner eigenen Familie sucht er einen Beweis für die Tatsache zu erbringen, daß der Jude seinem Vaterlande ein in Dankbarkeit und Treue ergebener Bürger ist, und „daß die Treue für das Volk, in dessen Mitte er seine Heimstätte gefunden, ein Grundzug des deutschen Inden ist". — Die zweite Novelle „Kontor und Werkstatt" bringt einen Abschnitt ans dem Leben der holländischen Inden. Interessant ist es, daß wir in dieser Novelle der gleichen Schilderung eines Freitagabends und der wortlosen Liebeserklärung eines Mädchens begegnen, wie in der meisterlichen Novelle Komperts „Wie man heiratete" (im 9. Bande der Ausgabe von Stefan Hock, S. 60). Zweifellos gehen Levy und Kompert auf ein und dieselbe Erzählung, die in Böhmen von Mund zu Mund ging, zurück. Tie Novelle „Die Jagd nach dem Golde" schildert das rätselhaste Geschick eines Mannes, der auszog, sein Glück zu finden. - In der Skizze „Ein witziger Sonderling" widmet der Verfasser den: Dresdener Privatlehrer Ledecer, dem er in seiner Jugendzeit in seiner Vaterstadt begegnet ist, Worte der Erinnerung. Lederer war der Verfasser mehrerer Lustspiele, von denen einige in Wien durch Heinrich Laube zur Ausführung gelaugten und eines, betitelt „Die weiblichen Studenten", längere Zeit an: Dresdener Hostheater gespielt wurde. Zn seinen persönlichen Bekannten, mit denen er im Hause des Dr. Bernhard Beer in Dresden znsammentras, gehörten u. a. auch Karl Gutzkow, Berthold Anerbach und Wilhelm Wvlsfsohn. N. M. N. * — P o m m e r n im Jahre 1813. Ein Beitrag zur Geschichte der Befreiungskriege in einzelnen Bildern von Pros. Dr. Hermann Klaje. 1. Teil. Kol borg 1914. Komm. Verlag von Dietz & Marerath. In dieser Schrift findet sich S. 89 bis 106 ein Abschnitt: Tie pommerschen Inden. Er zeigt an der Hand der Akten nnb der gedruckten Literatur, daß die Inden in Pommern 1813 als Freiwillige ihre Pflicht in vollem Maße getan haben. Vom Landsturm losznkommen, versuchten nur wenige Personen, besonders ein Rabbiner, der übrigens am Schlüsse seines Befreinngsgesnches sehr patriotische Worte braucht, S. 97 sg. Daß auch einige versuchten, sich zu drücken, soll nicht verschiviegen werden: ein Entrepreneur erbot sich sogar, eine größere Summe zu geben, um manche Inden zu befreien, ein Versuch, der teilweise auch Erfolg hatte. Zur Begründung dieses Versuches wurde namentlich „die Religion" angeführc, „welche beim Militärdienst gänzlich vernichtet werden würde". Bei Beantwortung des Gesuches schrieb der Präsident der Kommission die höchst bemerkenswerten Worte: „auch fürchten wir nicht, daß die Jude:: vorder Hand keine sonderlichen Soldaten werden würden; die öffentlichen Blätter haben schon in diesem Kriege mehrerer ausgezeichneter Krieger jüdischer Religion gedacht, und in den französischen und italienischen Armeekorps dienen viele tapfere Juden in allen Qffiziersgraden." Ter Verfasser unserer Schrift will diesen Schritt der Juden keineswegs verteidigen, aber er weist mit Recht darauf hin: „von jemand, der sich in besonders schwieriger, noch völlig ungewohnter Lage befindet, der noch ein ganz junger Anfänger in der Erfüllung neuer Pflichten ist, darf man nicht eine gleich korrekte Haltung erwarten, wie von einem, der schon lange fest und sicher ans seinem Platze steht". So bildet die Auseinandersetzung über die Beteiligung der pommerschen Inden an dem Befreiungskriege zwar kein Ruhmesblatt, aber sie beweist doch, daß die Juden im ganzen sich bestrebten, ihrer Pflicht zu genügen. E. G. * — A b r a h a in Gal a n t e. Don Joseph Nassi, Duc de Naxos d’apres de nouveaux doeuments. Conference faite a la Societe „Bene Berith“ le samedi 15 fevricr 1913 Constantinople-Etablissements J. & A. Fratelli Hahn, Bue Taflan, Galata. Prix: 5 Finstre (1 Franc). Der Name Don Joseph Nassi, Herzog von Naros, ist mir von früher Jugend her vertraut. Unser Freund Nt. A. Levy hatte ihm ein Büchlein oder einen Aufsatz gewidmet, das ich als Kind gern gelesen habe. Seitdem hat sich die Forschung vertieft, und mich der Ber fasser unserer Schrift verfügt über eine Reihe bisher unbekannter Dokumente. Es ist die Geschichte des Johann Miques imb feiner Cousine, späteren Frau, Reyna Grazia, die nach mannigfachen Abenteuern zum Judentum zurückgekehrt. Es ist außerordentlich interessant, diese Geschichte des ehemaligen Weinhändlers, der gegen den Papst auftrat, bei Christen sich Respekt zu verschaffen wußte, seine durch die Türkei unterstützten Bemühungen gegen Frankreich, seine Geschicke als Herrscher von Naros und seine Pläne, König von Chpern zn werden, kennen zn lernen. Freilich, die letzteren Pläne gelangten nicht zur Ausführung. Man wird freilich die Maßregeln des kühnen Unternehmers, seine Erlangung aller möglichen Monopole nicht immer billigen können, aber es ist von großem Interesse, die