Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- Seite 394 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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m „Das ist schon ihre Sache, die sind eben so reich, als klug und werden Mittel und Wege finden, den Wald so oder so vorteilhaft auszunutzen!" Die Dame mußte laut anflachen. Der Oberst fuhr aber ganz ernst fort: „Was sagen Sie nun, daß die Sache sich wirklich so zutrug, daß Loschak durch seinen Vetter Programmmäßig das Geschäft bewirkte, und daß der Wald tatsächlich in den Besitz der Zuckerfirma gelangtes Diese nützte nämlich ein zweites Gesetz aus, wonach das Ausholzen gestattet ist, sobald sich bei den örtlichen Bauern ein Bedürfnis an Ackerland einstellt. So wurde ich gleichsam noch indirekt zum Wohltäter der armen, landlosen Bauern, die Prächtigen Waldboden bekamen, und konnte mit dem reichen Erlös meine Schulden endlich los werden, Mein Retter, Berko Loschak, verdiente als Vermittler eine Snunne, wie er sie in dieser Höhe noch nie auf einmal in Händen hatte. Er triumphierte, daß der „starke jüdische Gott" ihm damit hatte helfen wollen. Die Hochzeit seiner Tochter „Fannpchen" wurde mit Sang und Klang gefeiert. Unter den zahlreichen Festgästen war der Vater der lustigste, und sang seinem „starken, jüdischen Gott" laut einen Lobgesang. Seitdem muß ich immer wieder an die .Kraft des unerschütterlichen Glaubens denken und an das Wunder, das unter all den alten Völkern, die von der Erdoberfläche verschwunden sind, gerade das jüdische Volk sich zu behaupten vermochte, trotz aller Leiden, Hetzen und Verfolgungen. Sollte die Lösung dieses Mysteriums nicht etwa darin zu finden sein, daß die Juden bei all ihrer Geschäftigkeit nie ihrer Seele vergessen? ..." Die Geopferten. Novell» von Oskar Baum, Prag (Schlup.) etzt wurde cs lauter und vvll Herzensangst. Der Vater « trat rasch hinein. „Ich sterbe." sagte sie ganz schwach ' nach der Anstrengung, „nimm ein Gebetbuch, Richard, mein Gebetbuch) Tu kannst beten, du darfst beten, ich weist es; nimm es und bet'! Ich halt' es nicht aus." .Vutrt zitterte und wagte nicht zn atmen. Und wie er sv ganz still dalag, um jedes Wort zu hören, zur Wand gekehrt, die Decke hvchgezogen, die Augen müde und schwer vom Weinen da schlief er ein. Aber nun sah er nur deutlicher die entsetzlichen Foltern -er Hölle, wie er sie aus den Wandgemälden in Kirchen und auf den Abbildungen in den frommen Büchern gesehen hatte. Er sah die Mutter zwischen den glühenden Zangen, auf den flammenden Holzscheiten, zwischen Mördern und Ketzern, Türken und Heiden, unter den Krallen der Teufel. Und er fuhr plötzlich aus dem Schlaf auf. Er hörte die Mutter schreien: „Kurt, Kurt!" Er sprang aus dem Bett. Sie schrie es wirklich! Ta, ganz nahe. „Mutter!" Er stürzte hinein. Mit aufgerissenen Augen starrte ihn die Mutter an, wie er sv im Hemd zur Tür hereinkanr. Aber sie schien ihn nicht zn sehen, sie schrie weiter: „Kurt! Ach, wenn mir er — nicht vergessen!" Ihr Atem flog. Ihre Lippen bewegten sich unaufhörlich, aber es kam nur dann und wann ein Laut, ein Wort immer schwächer. Ter Vater stand mit einein Brich in der Hand; unbeweglich. Er ivuhte wohl gar nicht inehr, -aß er es hielt. Er hatte den Mlmd fest zugeprestt und große Tränen flössen ihm zrim Kinn hinab. Das Weib stand abseits, wirtschaftete mechanisch zwischen Fläschchen mrd Geschirr umher und wischte sich auch die Wangen. „Wo ist der Pfarrer?" fragte Kurt angstvoll, ganz leise. Niemand schien ihn zn hören. Er faßte den Vater beim Rock: „So hol' doch den Pfarrer! Vater, warum holst du ihn denn nicht? Du kannst doch die Mutter nicht so sterben lassen!" Dem Vater zuckte es sonderbar in dem tränenfeuchten Gesicht und er strich mit unsicherer Hand dem Kind über Haar und Wangen, ohne ein Wort herauszubringen. „Aber Vater, den Pfarrer!" rief Kurt jetzt lauter, der nicht begriff, daß ihn der Vater nicht verstand. Da >vollte die Mutter den Kopf heben und starrte Kurt an: „Pfarrer? —" sagte sie und ihr Gesicht verzerrte sich, „Richard! —" Sie wollte etwas sagen. Eine furchtbare Aufregung prägte sich in ihrem Gesicht aus, weil sie es nicht herausbrachte. Sie zeigte in verzweifelter Ungeduld auf Kurt und verschiedene Dinge in der Luft. Angstvoll sah der Vater sie an: „Was soll ich?" Der Doktor, der jenseits des Bettes saß, machte ihm Zeichen. „So hol' doch!" Kurt schüttelte den Vater mit beiden Fäusten, „Vater, Vater! Sv hol ihn doch! Die Mutter will es ja, hörst du es nicht? Um Christi willen!" Da atmete die Mutter tief wie erschrocken auf und sank zurück. Der Vater fiel mit einem Schrei über das Bett hin. Der Arzt stand auf. Kurt sah >vie suchend um sich: „Ich werde es vor Gott bezeugen," flüsterte er inbrünstig, „sei ruhig, Mutter! Ich werde!" Er stand nun in seinem Zimmer. Ganz still war es weitum. Er hatte die Tür hinter sich geschlossen. Er klapperte mit den Zähnen. Ihn fror in dem ausgekühlten Zimmer so im bloßen Hemd, aber er bemerkte es nicht. Wie konnte er es bezeugen? Wann würde er vor Gottes Thron treten? Wer weiß, wie lange er noch leben würde? Und alle diese Zeit über sollte die Mutter wie jetzt, wie eben noch die Marter der Hölle — er wußte nicht mehr, daß er es geträumt hatte. Es war ihm, als sei er dabei gewesen. Er hörte noch, wie die Mutter nach ihm schrie, gellend! Nein, nein, er liest die Mutter nicht so! Es durfte nicht sein! Aber wie sollte er sterben? Jetzt, schnell, vor Gottes Thron treten? Wie nur, wie? Da fiel ihm ein, was die Mutter ihm so oft erzählt hatte, wenn er zum offenen Fenster hinaussah, daß ein Kind einmal, das sich zu weit hinaus gebeugt hatte, auf die Straße hinunter fiel und tot, ganz tot war. Und hastig, als fürchte er, es könnte jemand kommen, ihn zu hindern, lief er mit feinen nackten Füßchen über den bloßen Fußboden quer dnrch's Zimmer zum Fenster. Er mußte noch einmal zurück. Er reichte nicht hinauf, um den Fenstergriff umzudrehen. Als er dann auf den Sessel gestiegen war und das Fenster öffnete, wehte ihm plötzlich ein scharfer Windstoß entgegen, und peitschte ihm spitze Eiskörnchen ins Gesicht. Er fuhr zurück. Ihm graute vor der Finsternis und Kälte da draußen. Dann aber dachte er an die viel schlimmeren Dinge, die die arme gute Mutter vielleicht jetzt schon erduldete und wie der Pfarrer immer gesagt hatte: Die kurze Bitternis des Todes. Und ihm war, als reiche ihm die Mutter einen Löffel Medizin und sage: „Es ist ja gleich geschehen!" Und er stellte sich auf das Fensterbrett, schloß die Augen — und sprang. Lrlekrüchte. Zu „Voltaire und die Juden". 1. on der vortrefflichen Zeitschrift „Vevue d’histoire litteraire de hi France“ 1908, Bd. 15, 8. 888 f., richtet der berühmte Rousseau- Forscher E. Ritter eine Frage an die Leser. Sie betrifft folgendes: Voltaire hatte im 7. Band der Questions sur FEncyclopedie einen Artikel „JuiLs“ veröffentlicht. Dieser Artikel gibt sich aus als ein Brief an Jonas Ben Jonathan Matatai und D. Wieck. Das sind