Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- Seite 393 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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393 in maurischem Stil errichtet. Die Teplitzer Gemeinde hat über 1000 jüdische, hier ansässige Familien. Alle Einwohner sind zum Teil gut situiert, zum Teil finden sie ihr Auskommen. Wirklich Bedürftige und Bettler sind nicht vorhanden. Herr Rabbiner Profeffor Dr. Kurrein, ein auch in Berlin sehr bekannter agitatorischer Redner, dessen Gattin eine Tochter von Dr. Löwe, dem Privatsekretär von Sir Montefiore ist, macht einen recht angenehmen Eindruck. Der Herr Professor ist Rabbiner der Teplitzer jüdischen Gemeinde und erteilt auch den Religionsunterricht im Gymnasium, der Realschule, den Lyzeen usw. Er rühmte mir das gute Einvernehmen mit seinen „Kollegen" an den Schulen. Neben dem Seume-Park, in welchem sich der Sarkophag des hier im Februar 1810 gestorbenen Dichters, des „Wanderers nach Syrakus", befindet, stehen in der Lindenstraße mit der Front nach dem Park das Militärkurhaus, in welchem gegenwärtig viele reichsdeutsche Mannschaften zur Kur anwesend sind, und dem daneben befindlichen Hospital für Stadt und Land noch das jüdische Kurhaus. Ich sah mir letzteres an. Ein Saal hat 28 bis 30 Betten, ein kleinerer 12 Betten. Zu ebener Erde ist ein Zimmer mit vier Betten für gelähmte oder sonstige sich schwer bewegende Personen. Eine blinde Dame und eine andere, die nur mit Stöcken sich bewegen konnte, wohnten darin. Das Zimmer war das freundlichste in dem sonst ein wenig düsteren Hause. Die Insassinnen hatten mit Handarbeiten, Decken usw. es recht wohnlich ausgestattet. Die Hausdame nannte mir auf meinen Wunsch einige Menüs. Ich muß sagen, es schien bürgerliche, gut mundende Küche zu sein. Die Mittel zur Einführung von Verbesserungen, Neuerungen sind nicht vorhanden, Die Anforderungen an die Anstalt sind im Steigen begriffen. Es ist eben, wie bei allen Wohlfahrtsgründungen. Die Mittel reichen nicht. Im „Goldenen Schiss", einem gut besuchten jüdischen Restaurant, befinden sich zwei Marniortafeln an der Fassade; sie besagen, daß Goethe 1812 und Seume 1809 in dem Hause gewohnt haben. Das „Goldene Schiff" liegt dem Kurpark gegenüber. Nicht weit davon liegt die Badegasse, die aber mit noch einigen anderen winkeligen engen Gäßchen ehemals zum Ghetto gehörte und durch Tore abgesperrt war. Jetzt wohnen Juden und Christenfriedlich beisammen. Die Läden und Hauseingänge haben noch eiserne Türen mit kleinem Guckloch oben; vom Rost zerfressen, zeugen sie von früheren gefährlichen Situationen, wo die Ghettobewohner sich vor feindlichen Anrempelungen, vor Raubgesindel schützen mußten. Die Bezeichnung Pogrom kannte man noch nicht. (Ein zweiter Brief folgt.) Drr ltarke Gott. Erzählung von D. Eismann. Deutsch von Marie Beßmertny. etzt huste und pruste ich wie eine Lokomotive, bald % machen sich die Beine, bald das Herz bemerkbar, und aus dein strammen Kavalleristen und Schwerenöter ist eine Klinik geworden. Aber hol's der Kuckuck, ich lebe doch noch leidlich, und das verdanke ich meinem alten Freunde Berko Loschak, der über alles nachzudenken und jedem gern eine hilfreiche Hand hinzuhalten pflegte!" Während der Kavallerieoberst sprach, lachte die Dame, die ihm in einem eleganten Restaurant gegenübersaß und ermunternd zunickte, damit er zu erzählen fortfahren möge. Und er Hub wieder an: „Der kleine Jude Loschak galt als Allerweltshelfer, ganz gleich, ob es sich darum handelte, mitten im Winter einen Magnolienstrauß aufzutreiben, ein passendes Lokal für die Stadtverwaltung rasch zu finden oder einen Trunkenbold von Offizier wieder auf die Beine zu bringen. Zudem war er immer-heiter, obgleich er sein Lebelang ein armer Teufel blieb, aber seine Philosophie überwand alle Fährnisse seines Daseins. Einst sagte ich zu ihm: „Du siehst heute wie ein verhungerter Esel aus und hast sicher kein Mittag gegessen!" Lächelnd erwiderte er: „Zum Glück hat der Senat noch kein Gesetz erlassen, daß jeder Jude unbedingt zu Mittag essen muß. Nach ein paar Stunden haben Sie vergessen, daß Sie ein gutes Beefsteak, eine Flasche Champagner, einen Nachtisch usw. eingenommen haben, und dann sind Sie ebenso hungrig, wie ich, zu dessen Ernährung nicht viel gehört!" „Aber wozu hast du dir noch so viele kleine Loschats angeschafft, die alle gefüttert werden müssen?" fragte ich weiter, und er antwortete: „Gott gibt Kinder und gibt auch die Nahrung für sic!" „Und er gibt auch Krankheit und Not, was tust du dann?" „Allerdings, die Zeiten ivechseln, aber wir haben dennoch einen starken Gott, und wenn ganz besondere Umstände eiutreten, io verläßt er uns nicht und hilft uns unbedingt. Sehen Sie, Herr Oberst, meine älteste Tochter, Fannychen, soll sich jetzt verheiraten. Sie hat noch keinen Faden zur Aussteuer und ich keinen Groschen dafür, aber ich mach' mir gar keine Sorge und denke — unser starker Gott wird uns schon beistehen!" „Was hätte er auch wichtigeres zu tun?" „Warum nicht, ich bin doch ebenso ein Kind Gottes, >vie jeder andere Mensch!" Mich ärgerte geradezu diese kecke Zuversicht, die ich, ein Edelmann mit altem Stammbaum und mit dem Erbteil eines großen Waldes, nicht haben konnte. Was sollte ich mit uieinem Wald -anfangen, den ich, einem weisen Gesetz zufolge, zum Ausholzen nicht verkaufen durfte und aus andere Weise kein Geld aufzutreiben vermochte. Ich schrie ihn förmlich an: „Warte nur, du Narr, auf deinen Gott, daß er dir die Aussteuer besorge, ich bin Besitzer eines mächtigen Waldes nnd zerbreche mir vergebens den Kopf, wie ich etwas Geld bekommen könnte!" „Ein Besitz muß doch irgendwie zu Geld gemacht werden können!" sagte er, und nickte siegesgewiß, während ich ihm erklärte, daß kein Waldkäufer zu finden sei, der nicht gleich ans Ausroden des Forstgebietes, dicht an der Eisenbahn gelegen, denken würde. „Hatte ich nun nicht recht, als ich sagte, daß wir einen starken Gott haben, und daß er uns bei wichtigen Wendepunkten unbedingt beisteht?" rief er ans. „Nun, rede einmal vernünftig, Loschak, und schwatze nicht verworrenes Zeug!" „Ich hoffe -doch, daß Gott mir die Aussteller für mein Kind schicken wird, und er hat es schon getan!" „Du bist verrückt!" „Aber er hat mir doch den Wald geschickt, den Sie verkaufen wollen. Da steckt die Aussteuer drin!" Ich sehe ihn wütend und kopfschüttelnd an, er achtet aber gar nicht auf mich, sondern glättet die Falten seiner Stirn und spricht: „Ich habe einen Vetter, der in der Zuckerfabrik angestellt ist. Er wird es dem Vizedirektor sagen, dieser dein Direktor, der anspannen läßt und gleich nach dem Walde fährt, um ihn anzusehen. Ist das geschehen, so schlägt er seinem Kompagnon den Ankauf des gut gelegenen Waldes vor, und der Handel kommt zustande!" „Aber, Kamel, der Wald darf doch nicht ausgerodct werden, was tun die Leute also damit?"