Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- Seite 392 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nachdem in der Kopenhagener Ständeversammlung, 1838, beschlossen worden war, den Juden die Wählbarkeit sür die Ständeversammlung zuzugestehen, regten sich die holsteinischen Juden von neuem. Ludwig PhiliPPson unterstützte diese Bemühungen in einem Artikel unsererZeitung, 1838, S. 484. Es kam zu langen Verhandlungen in den Ständekammern und in einer zu diesem Zwecke eingesetzten Kommission, aber der Antrag, der. eine günstige Aenderung der Judenverhältnisse bezweckte, fiel mit 37 Stimmen gegen 3 durch. Steinheim gab der Entrüstung, die unter den Juden herrschte, in einer Broschüre Ausdruck, die im Jahre 1839 unter dem Titel „Meditationen über die Verhandlungen in der holsteinischen Ständekammer" erschien, einer glänzend geschriebenen mutigen Broschüre, aus der ejin Satz hervorgehoben werden mag: „Noch nie ist der Unterdrücker der eigenen Unterdrückung entgangen und nie der Herr der Sklaverei." Steinheim war es auch, der sich ein Jahr später mit offenem Freimut an den neuen König Christian VIII. wandte (1840), denn dieser plante nur eine halbe Emanzipation der Juden, z. B. die Ausschließung von politischen Rechten. Aber nicht einmal diese sehr mäßige Befreiung fand bei den Ständen Annahme. Einer der halben Freunde der Juden machte unter anderem den Vorschlag, den Juden nur dann Niederlassungsrecht und freie Ausübung ihres Gottesdienstes zu gewähren, wenn sie den Sabbat auf den Sonntag verlegten und sich im Gottesdienste der Landessprache bedienten. Der Gesetzentwurf selbst wurde wiederum abgelehnt. Aufs neue trat Steinheim, von Riesser sekundiert, auf den Plan. Er verfaßte ein offenes Sendschreiben an den Herrn Lbergerichtsadvokaten Löck, 1840, und schrieb eine neue Folge seiner Meditationen (1841). Als gegen diese Schrift Karl Gutzkow sich wandte (in seiner Zeitschrift: „Der Telegraph", 1841, Nr. 47 und 48), ergriff Steinheim, nachdem PhiliPPson und Riesser auf Gutzkows Kritik eingegangen waren, in einem größeren Aufsatz (Altona, Adreß-Komtoir-Nachrichten 1841, Nr. 58 und 59) das Wort. Er suchte Gutzkow, wenn auch nicht zu verteidigen, so doch rücksichtsvoll zu behandeln, und schloß seinen Artikel mit einer gewissen Resignation mit folgenden Worten: „Mag die rohe Masse nur im Verachten anderer sich einigen Selbstwert anzueignen versuchen, mag sie gelehrt und geistreich, oder borniert und verdumpft, mit glänzenden Sternen bedeckt, oder im Alltagsgewande der Werkstatt in ihrem Vorurteile gegen uns sich erhaben fühlen: ein Boden ist von uns erworben, und auf diesem ein Standpunkt, von dem man uns ohne unser unverzeihliches Verschulden nicht wieder verdrängen kann. Wir sind in diesem Jahrhundert Gleichberechtigte und Bürger worden in der Republik der Wissenschaften, im Reiche der Künste, anerkannte Bürger im höheren Staate des Geistes. Was wir in ihm errungen, hat uns dessen, das man uns versagt, würdig gemacht. Es ist nicht unsere Sache mehr, wenn es uns vorenthalten wird. Haben wir aber vor allem nach dem Himmelreiche der adelnden Wissenschaft gestrebt, so dürfen wir es mitRuhe undVertrauen auf eine gerechtere, wohlerzogene Zukunft abwarten, wie früh vder spät uns das übrige von selbst zufallen werde." Einzelne unbedeutende Erleichterungen wurden den Juden im Jahre 1844 gewährt. Nach mancherlei weiteren Bedrückungen, die während der Reaktionszeit eintraten, erfolgte 1863 ihre wirkliche Emanzipation. In 8 1 dieses Gesetzes wurde nicht allein den einheimischen Juden die Wahl des Aufenthaltsortes im Herzogtum Holstein, sondern auch den fremden Juden die Niederlassung und der zeitweilige Aufenthalt daselbst unter den allgemeinen gesetzlichen Bedingungen gestattet. Mannigfache Debatten wurden bei den Verhandlungen gepflogen; es fehlte auch nicht an Versuchen, in das Gesetz manche erschwerende Bestimmung zu bringen, schließlich aber gelangte das Gesetz zur Annahme. Die Stimmung, die in der Mehrheit der Versammlung herrschte, wurde durch eine Rede des Abgeordneten d'Aubert, der seit Beginn des Kampfes für die Juden eingetreten war, in folgender Weise charakterisiert: „Endlich scheint der Tag angebrochen, der nach dem auf den Landtagen der holsteinischen Ständeversammlung feit einem viertel Jahrhundert geführten Kampfe den Israeliten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen verspricht. Den Israeliten, die stets treu in Erfüllung ihrer staatsbürgerlichen Pflichten erfunden, sollen nunmehr mit den Christen gleiche bürgerliche Rechte erteilt werden. Ihr Glaube soll kein Grund der Bedrückung, der Zurücksetzung mehr sein. Dieser Zustand wird aushören, so hoffe ich, nach der heutigen Verhandlung ... der Christ reicht vergebend am heutigen Tage dem Israeliten die Hand ob jener Tat der Vergangenheit. Und zur Unwahrheit wird jetzt des Dichters Wort: „Das ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären". So ist denn der Tag für uns gekommen, daß dieser Fluch Versöhnung findet und wir den Israeliten diejenigen Rechte freudig gewähren, nach welchen sie sich so lange gesehnt haben." Das Gesetz trat am 14. Juli 1863 in Kraft; die allerletzten Schranken wurden durch das Bundesgesetz vom 3. Juli 1869 beseitigt. Bei diesem merkwürdigen Kampfe muß mit Anerkennung der liberalen christlichen Abgeordneten gedacht werden, die unentwegt der Sache der Freiheit dienten. Vor allem aber ist der unermüdliche Vorkämpfer, Stieinheim, dankbar zu erwähnen. Es ist uns daher eine Freude, diese Skizze mit seinem Bilde zieren zu dürfen^). Uus meiner Msndermsppe. Von Fanny C o h n. I (Nachdruck verboten.) Teplitz-Schönau, im Juli 1914. war bin ich zur „Kur" hier und weile demnach viel in Teplitz. Doch lasse ich es mir nicht nehmen, Abstecher nach den böhmischen Dörfern zu machen. Das ist erstens sehr instruktiv. Zwar bin ich weder Geologe, nicht mal Botaniker; das Linnesche Klassensystem fand ich weder anregend noch leicht zu lernen, etwa wie die deutsche Grammatik — beides schwere Klippen für meine Geduld und für meine Fassungsgabe. Schade, daß man nicht gleich mit 60jähriger Erfahrung in der Schule seine Kenntnisse einheimsen kann. Wie schön käme mir jetzt früher erworbenes geologisches Wissen zustatten! Sie reisen, frei von jedem Gewissenszwang — dahin, wohin Ihr Arzt Ihnen die Route vorgezeichnet hat. Im Tornister tragen Sie die beseeligende Hoffnung mit sich: als „Kerngesunder" zurückzukehren, als „Geheilter". Das wird ein Leben sein! Der Arzt hat die Verantwortung übernommen. Mündlich natürlich, denn er ist ein glaubwürdiger Mann! Und in den Thermalbädern ist es so schön, so glanzvoll, luxuriös, so amüsant — es ist geradezu eine Lust, mal krank zu sein. Karlsbad, Kissingen, Marienbad, Reichenhall, alles Namen von gutem Klang. Das sind die Patrizier unter den Bädern; Wiesbaden, ja gewiß, zählt mit — aber in Teplitz hat die Besucherzahl ständig abgenommen. Am verflossenen Samstag besuchte ich die im Jahre 1882 erbaute Synagoge in der Payer-—Elisabeth-—Lindenstraße. Sie steht, ungleich anderen Synagogen, frei, nach drei Straßen hin eine Front bildend. Sie ist groß, faßt etwa 2000 Personen, *) Das Bild befindet sich am Anfang der Schrift, der das Material zu obiger Skizze entnommen' ist. Herr Rabbiner Dr. Lucas in Glogau, der Eigentümer des Bildes, hat uns die Erlaubnis erteilt, es an dieser Stelle reproduzieren zu dürfen.