Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- Seite 388 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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888 sanken für Freiheit, für Menschenrecht, die Geister unserer Glaubensbrüder, die in Kischinew und aus den Scheiterhaufen russischer Barbarei ein qualvolles Ende fanden. Für dieses Rußland treten Frankreich und England als Helfer gegen uns auf. Sinke in den Staub, du stolze Trikolore Frankreichs, die einst über den Menschenrechten lochte, senke beschämt dein Haupt, tut stolzes Albiou, das du als Hort der Freiheit galtest und nun den Henkersknechten des Zarismus die Hand reichst. Ter Gott des Geistes und Herzens richtet über euch. Der Geist der Geschichte wird euch schlagen, wenn unsere Hand längst vermodert ist. Den Zurückbleibenden ruft der Prophet zu: „Versammelt alle in das Haus des Ewigen, eueres Gottes, und flehet zu dem Herrn." Flehet nicht nur mit Mund und Hand, flehet mit dem Herzen. Ter Gott, zu dem ihr fleht, ist der Gott der Tat. So ergeht an euch das Wort, das an einem solchen Bettag ein Prophet dem Volke zurief, das mit Fasten und Weinen und Beten seiner Pflicht genügen wollte. „Ist das ein Fasten, ein Bettag, wie ich ihn verstehe, daß man wie Schilf sein Haupt beugt, in Sack und Asche sich hüllt? Nein! Folgendes ist der Bettag, wie ich ihn will: Oeffnen die Schlingen des Frevels, lösen die Bande der Unterjochung, in die Freiheit entlassen Unterdrückte, zerschmettern jegliches Joch. Brich dem Hungrigen dein Brot, umherirrende Arme führe in dein Haus, siehst du einen Nackten, so kleide ihn und entziehe dich nicht dem, der deines Fleisches ist." Jeder unter euch, Mann wie Weib, Greis wie Kind, kann und sott dieses Wort beherzigen, soll den Platz suchen, wo er seine Kraft dem Vaterlande weihen kann. Ter Prophet fordert noch mehr: „Wenn du dem Darbenden dein Herz gibst!" Unser Kaiser ist auch in Erfüllung dieser Forderungen vorangegangen. Er gab sein Herz seinem ganze Volke. Er reichte den Vertretern des Volkes ohne Unterschied der Partei und des Glaubens die Hand, damit sie den Schlag seines Herzens hörten. Dem wollen wir folgen. Lasset uns vergessen, wer und was uns gekränkt. Lasset uns begraben Groll und Hader untereinander. Lasset uns vergessen Unterschiede der Partei, des Standes und Glaubens, lasset uns sein ein einig Volk von Brüdern. Tie Gegensätze in unserer Glaubensgemeinschaft sollen jetzt verschwinden. In dieser Stunde wissen nur uns eins, daß jeder von uns als guter Jude ein guter Deutscher sein muß und sein wird. Vor allem das Herz dem Darbenden. Helfet und heilet und rettet, stärket und tröstet. Tann wird die Verheißung des Propheten sich erfüllen: „Es wird wie der Morgen dein Licht anbrechen, und deine Heilung wird schnell gedeihen. Von dir her zieht deine Gerechtigkeit, und die Herrlichkeit des Ewigen beschließt deinen Zug." Amen. An die Predigt schloß sich das Gebet, ausgehend von den Worten des Psalm 24: „Wer darf hinaufsteigen den Berg des Herrn, wer kann bestehen an seiner heiligen Stätte? Wer reiner Hände, lautern Herzens ist, wer nicht zum Falschen seine Seele wendet und nicht zum Truge schwört." Das Gebet klang aus in einen Segenswunsch für den Kaiser, als Schirmherrn im Krieg, die Kaiserin als Vorbild der Liebestätigkeit, für das ausziehende Heer, für die Zurückbleibenden, die ihr Liebstes dem Vaterlande hiugeben, für das gesamte geliebte teuere deutsche Vaterland. Ter Ehorgesang des 46. Psalms schloß die Feier. Ich sage den Herren, die meiner Bitte so freundlich nnchgekommm sind, herzlichen Tank. Der Leser wird aus dieser Schilderung den Eindruck einer allgemeinen herzerhebenden Feier empfangen. Tie ganze Berliner Gemeinde ist erfüllt von hingebendem Patriotisnuis, voll Ruhe und Vertrauens und voll Hoffnung auf den Sieg der qutctt und gerechten Sache. Diese Blätter aber sollen ein kulturhistorisches Tenkmal einmütiger Gesinnung und edelster Begeisterung bleiben. Sie Woche. Berlin, den 11. Augnst 11)14. Chronik. 4. August. Der Kaiser eröffnete den Reichstag mit einer Thronrede, in der es hieß: U n s treibt nicht E r o b e r u n g s l u ft, uns beseelt der unbeugsame Wille, den Platz zu bewahren, auf den Gott uns gestellt hat, für uns und alle kommenden Geschlechter. Aus den Schriftstücken, die Ihnen zugegangen sind, werden Sie ersehen, wie Meine Negierung und vor allent Mein Kanzler bis zum letzten Augenblick bemüht waren, das Aeußerste abzuwenden. I n au f g e d r u n g e n e r Notwehr mit reinem G e w i s s e n und reiner Hand ergreifen wir das S ch w e r t. An die Völker und Stämme des Deutschen Reiches ergeht Mein Ruf, mit gesamter Kraft, in brüderlichem Zusammenstehen mit unseren Bundesgenossen, zu verteidigen, was wir in friedlicher Arbeit geschaffen haben. Nach dem Beispiel unserer Väter fest und getreu, ernst und ritterlich, demütig vor Gott mW kampfesfroh vor dem Feind, so vertrauen wir der ewigen Allmacht, die unsere Abwehr stärken und zu gutem Ende lenken »v olle! Der Thronrede fügte der Kaiser folgende Worte hinzu: „Sie haben gelesen, meine Herren, was Ich zu Meinem Volke vom Balkon des Schlosses aus gesagt habe. Ich wiederhole. Ich kenne k e i n e P a r t e i m e h r , I ch k e n n e n urDe u tsche (Stürmisches Bravo), und zum Zeugen dessen, daß Sie fest entschlossen sind, o h n e P a r t e i u n t e r s ch i e d e, ohne S t a n d e s - it it b Kaufe s s i o n s n rr t e r s ch i e d e zusammenzuhalten mit Mir durch dick und dünn, durch Not und Tod, fordere Ich die Vorstände der Parteien auf, v o r z u t r e t e n und mir dies in d i e H a n d z u gelobe n. In zwei kurz allfeinander folgenden Sitzungen des Reichstages wurden sämtliche Kriegsvorlagen einstimmig angenommen. An erster Stelle der Nachtragsetat, der den Reichskanzler ermächtigt, zur Bestreitung der Kriegsausgaben die Summe von 5 Milliarden im Wege des Kredits flüssig zu machen und aus den Gold- und Silberbeständen des Reiches 300 Millionen Mark. Ferner liegen vor das Gesetz zur Aenderung des Gesetzes über die Unterstützung von Familien in den Dienst eingetretener Mannschaften, das Gesetz, betreffend Ausnahmen von Beschästigungsbeschrünkungen gewerblicher Arbeiter, die Vorlage über die Verlängerung der Fristen des Wechselnnd Scheckrechts, eine Ergänzung der Reichsschuldenordnung, eine Vorlage über die Aenderung des Münzgesetzes, ein Gesetz über die Reichskassenscheine und die Banknoten, das Darlehnskassengesetz, eine Abänderung zum Bankgesetz, ein Gesetz betreffend den Schutz der infolge des Krieges an Wahrnehmung ihrer Rechte behinderten Personen, eine Vorlage zur Abwicklung von börsenmäßigen Zeitgeschäften in Waren, die Vorlage betreffend Erhaltung von Anwartschaften aus der Krankenversicherung, ein Gesetz, betreffend Höchstpreise, eine Vorlage betreffend die Sicherung der Leistungsfähigkeit der Krankenkassen, ein Gesetz, betreffend die Wahlen nach der Reichsversicherungsordnung, ein Gesetz über die Kriegsversorgung von Zivilbeamten und eine Vorlage, betreffend vorübergehende Einfuhrerleichterungen. Schließlich wird der Reichstag noch um die Zustimmung zur Abführung des Reichskriegsschatzes im Juliusturm in Höhe von 120 Millionen Mark an die Reichsbank gebeten. Eine Debatte fand nicht statt; nur der Vertreter der Sozialdemokraten, Abg. Haase, verlas eine Erklärung, in der es hieß: Unsere heißen Wünsche begleiten unsere zu den Fahnen gerufenen Brüder ohne Unterschied der Partei. (Lebhafter Beifall.) Wir denken auch an die Mütter, die ihre Sohne hergeben müssen, an die Frauen und Kinder, die ihres Ernährers beraubt sind, denen zu der Augst um ihre Lieben die Schrecken des Hungers drohen. Zu ihnen werden sich bald Zehntausende verwundeter und verstümmelter Kämpfer gesellen. Ihnen allen beizustehen, ihr Schicksal zu erleichtern, diese unermeßliche Not zu lindern, erachten wir als Zwingende Pflicht. (Lebhafter Beifall.) Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Siege des russischen Despotismus, der sich mit dem Blute der Besten des eigenen Volkes befleckt hat, viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. (Stürmischer Beifall.) Es gilt, diese Gefahr abzuwehren, die Kultur und die Unabhängigkeit unseres eigenen Landes sicherzustellen. (Lebhafter Beifall.) Da machen wir wahr, was wir innner betont haben: wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich! (Lebhafte Beifallskundgebungen.) Von dem „Verband der Deutschen Juden" geht uns folgende Zuschrift zu: Berlin, im August 1914. Das deutsche Heer i st unter die Fahnen gerufen; zahlreiche Glaubensgenossen gehören ihm an. Zahlreiche werden sich freiwillig zum Dienst melden.