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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-08-14 · Heft 33 (14.8.1914) · p. Seite 387

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 33 (14.8.1914)
Date
1914-08-14
Page
Seite 387 (sequence 3)
Language
German
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387 Lange vor Beginn des Gottesdienstes war die Synagoge in der L e v e tz 0 w st r a ß e bis ans den letzten Platz besetzt. Hunderte von Betern und Beterinnen standen dicht gedrängt in den Gängen des Gotteshauses. Die Gesichter waren ernst und die Herzen ergriffen wie am heiligsten Tage des Jahres. Mit dem Einleitungspsalm dieses Tages wurde auch der Gottesdienst eröffnet. Nabbiner Dr. Berg m a n n predigte über das Propheteuwort: „Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider und kehrt um zu dem Ewigen, denn er ist gnädig und hat Erbarmen und wendet Unheil ab." Der Redner hob hervor, wie die Not das deutsche Volk fester znsammengeschlniedet als das Glück. Das Vaterland ist in Gefahr, und seine Söhne sind einig. Der sittliche Ernst, der unseren Kaiser erfüllt, ist über sein Volk gekommen. Ein Kampf für Recht, Treue und Gesittung ist uns ausgezwungen. Auch wir Bekenner des Judentums wissen, was in dieser schweren Zeit unsere Pflicht ist. Unsere Väter vor 100 Jahren fragten nicht, wie viele Rechte ihnen das Vaterland gegeben und tute viele es ihnen verweigert hat. Der König ries, und sie folgten der Stimme ihres Herzens und zogen begeistert tit den Kampf. Wir werden das gleiche tun. Eine alte Chronik erzählt von einem jüdischen Vater, der das Gelübde getan, seinen einzigen Sohn Gott zu weihen. Ter Rabbiner der Gemeinde aber entschied: Gib deinen Sohn dem Kaiser und lehre ihn für das Vaterland kämpfen, und bir hast ihn Gott geloeiht. Innere Einkehr, Liebe, Gebet, bewahren nach einem frommen Worte — vor dem Unheil. Wir wollen jetzt alle unser Herz prüfen und Einkehr halten, in der großen Zeit jeden kleinlichen Sinn und jede Eigenliebe von uns abtun. Jeder soll seinem Feinde vergeben, der ihm wehgetan. Wir haben jetzt alle nur einen -Feind, ihn, der das Vaterland bedroht. Jeder soll des anderen Sorge mittragen, der Reiche dem Armen ein Helfer werden. Kein Haus in unserer Gemeinde ohne Opfersinn; kein Herz, das nicht an der gemeinsamen Rot teilnehme. Die Not soll uns tvieder beten lehren und auf Gott vertrauen, der Völker und Fürsten vor sein Gericht fordert und dem Recht zum Siege verhilft. Ein edler Fürst sprach in der Sterbestunde, als er den Wunden auf dein Schlachtfelde erlag, das Wort: „Gott wird kommen." Dieses Wort, das dein Volke als frohe Verheißung galt, soll uns aufrichten. „Gott wird kommen" und das Unrecht zerbrechen und Vergeltung üben. Mit wein das Recht ist, und wäre er einer in der Welt, er ist die Mehrheit und muß siegen. - Mit einem Gebet für den Kaiser, das Heer und das Vaterland, und mit der Nationalhymne, von der ganzen Gemeinde gesungen, schloß die Feier. In der Synagoge L ü h o w st r a ß e nahm Rabbiner Dr. W e i ß e zuerst Bezug ans Psalm 120, der auch auf das Verhalten von Deutschlands Feinden paßt, und legte seiner Rede als Tert die Ansprache des Priesters an das Volk Israel beim Ausbruch eines Krieges zugrunde i Denker. Kap. 20, Vers 1- 5). Rabbiner Tr. Weiße mußte den Gottesdienst ztoeimal hintereinander abhalten, da Tausende in die überfüllte Synagoge keinen Eintritt erhielten. „Unvergeßlich wird mir", so schreibt er, „bleiben, als beiin Schluß des Gottesdienstes viele einberufene junge Krieger, darunter eiue beträchtliche Anzahl meiner früheren Schüler, an mich herantraten und sich verabschiedeten." In der überfüllten Synagoge R y k e st r a ß e predigte Herr Rabbiner Tr. Stier. Er wies ans das Friedensbilb des Propheten hin. ,,Nicht erhebt Volk gegen Volk das Schwert, nicht lernen die Menschen mehr die Kriegskunst," selbst die Tiere des Vaterlandes lverden mit denen des Feldes einen Friedensbund schließen. Demgegenüber herrsche heute überall Zwietracht. Worin liegt der Grund des ewigen Friedens dort, der erbitterten Feindschaft hirr? Der Prophet gibt ihn an. Der Friede tritt ein, „wenn die Erde voll ist der Gotteserkenntnis", der Krieg, lvenn die Erde leer ist der Gotteserkenutnis. Der Redner sah den Grund der Zwietracht in der religiösen Veränderung, durch sie sei der Rassenhaß genährt. In jenem Reiche, in dein der Judenhaß am üppigsten wuchert, sei auch der Menschenhaß am größten. Tort im Nordreich wird schon seit langem das Schwert gegen Deutschland gewetzt, dort wtlrde die Kriegsfackel zuerst entzündet. Ruhm und Preis unserem erhabenen Monarchen, daß er den Haß nicht wünscht und will, daß er den Frieden wahrte, solange es die Ehre gestattete. Alan hat Deutschland das Schwert in die Hand gedrückt. In diesem ungezwungenen Kampf sehen wir uns nach Trost und Hilfe um. Wir finden den Trost im Patriotismus des deutschen Voltes, in der Tapferkeit unserer Armee, in der Weisheit, Einsicht und Erfahrung der leitenden Kreise. Unsere Hilfe suchen wir bei Gott dem Einzigen^ Er ist vor allem der Gott des Erbarmens und des Friedens, er ist aber auch, der Hartnäckigkeit der Metlschen gegenüber, der Gott der Heerscharen, der Herr des Krieges, lieber Sieg und Niederlage entscheidet er. Es folgte dann ein begeisterter Ausruf an die Zuhörer, mit Gut und Blut für das Vaterland einzustehen, eingedenk zu sein all des Guten, das wir dem Vaterlande und dem Hause Hvhenzollern verdanken, nicht zu vergessen, daß wir gegen einen Feind ziehen, der ebenso der Feind des Vaterlandes wie einer der bösesten Judenfeinde ist. So tut denn eure Pflicht daheim wie ans dem Felde der Ehre. Seid eingedenk des Wortes des Propheten: „Im Wöhle der Gesamtheit liegt euer Wohl, im Glücke des Vaterlandes euer Glück." Nach einem vom Nabbiner gesprochenen Gebet für Kaiser und Reich schloß die erhebende Feier. Ter gleichfalls erbetene Bericht des Herrn Nabbiner Petuchowski ist leider nicht rechtzeitig eingetrosfen. Außer in den Synagogen der Gemeinde wurde ein solcher Bitt¬ oder Bettagsgottesdienst in der Gemeinde A d a ß I i s r o e l, in d e u S y n n g o g e n s ä m t l i ch e r R e l i g i o n s v e r e i n e und in der I ü d i s ch e n R e s o r m g e m e i u d e veranstaltet. lieber den letztgenannten erhalten nur folgenden Bericht: Das Gotteshaus war schon vor Beginn des Gottesdienstes in allen Teilen gefüllt. Nach einem ernsten Präludium erklang der 130. Psalm tute am Vorabend des Versöhnnngstages. An die Vorlesung des 01. Psalm schloß sich als Choral Psalm 27. Es folgte die Predigt des Predigers Dr. Lehmann. Der Prediger erinnerte all die altisraelitische Sitte, bei einer Volksnot durch Posaunenton das ganze Volk znsainmenznrnfen. Er wählte als Tert das Wort aus dem Propheten Joel: „stoßet in die Posaune, veranstaltet einen heiligen Beklag, ruft alle Zlir Versammlung. Sammelt die Bürgerschaft, heiligt die Gemeinde, holt die Greise herbei, sammelt die Kinder, der Bräutigam komme aus seinem Gemache, die Braut ans ihrer Kammer!" Die Versammlung war bestimmt für die kriegerische Mannschaft, die hinausziehen sollte, wie für die Znrückbleibendeu, die sich mit' ihnen als Einheit empfinden sollten. Den Ausziehendeu ruft der Prophet zu: „Bereitet den heiligen Krieg, erwecket Helden, aufstehen sollen alle, die den Krieg führen können. Schmiedet euere Pflugscharen um zu Schwertern, euere Rebmesser zu Lanzen, der Schlvache spreche: ich will ein Held sein. Schwinget die Sichet, denn reif ist die Ernte, tretet die Kelter, zum Uebersließen voll sind die Kufen, denn groß ist ihre Bosheit." Wie der Rns des Propheten in der Stunde der Not, so erging der Ruf unseres Kaisers an sein ganzes Volk. Alldeutschland folgt willig dem Rns seines Führers, der als leuchtendes Vorbild allen vorangeht. Unsere Propheten tvollten den Krieg nicht, wollten die Zeit, in der mau die Schwerter um sch miedet zu Pflugscharen. Und doch muß der Prophet Joel rufen: „Schmiedet euere Pflugscharen um zu Schwertern!" Unsere Propheten erstrebten als hohes Ideal den Frieden der Völker. Und doch muß Joel rufen: „Bereitet den heiligen Krieg!" Auch wir tvollten den Frieden, und wir bestätigen alle die Friedensversicherung unseres Kaisers. Aber in dieser Stunde rufen wir: „Bereitet den heiligen Krieg!" Ein heiliger Krieg! Denn es gilt, die Heiligkeit des häuslichen Herdes zu schützen! Es gilt, die heiligen Güter des Vaterlandes zu wahren! Es gilt, die heiligsten Güter der Menschheit zu retten! Es gilt, ztl kämpfen für Recht und Wahrheit und Treue gegen Unrecht, Lüge und Verrat! Es gilt, zu käinpsen für die hohen Güter unserer geistigen Kultur, die in jahrhundertelanger Arbeit errungen sind, und die die Barbarei des Ostens bedroht! Ter Gott des Geistes tmd Herzens richtet ans seinem Weltenthron über die Völker der Erde, die mikbanten an unserer Kultur und die nun der Barbarei des Ostens die Hand reichen, sie zu zerstören. Der Geist der Geschichte wird mit dem Griffel der Wahrheit auf eherne Tafeln schreiben, daß die niedrigen Instinkte des Neides und der Gewinnsucht stärker waren als die Forderungen der Vernunft und des Herzens. Wir reißen das Gewand auf und zeigen die Wunden, die Rußland der Kultur der Menschheit geschlagen hat. Wir rufen die Geister derer wach, die in russischen Kerkern eines grausigen Todes starben, weil sie für die höchsten Ideale der Menschheit erglühten, die Geister derer, die auf Sibiriens Wüsten dahin-

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