Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1914)
- Date
- 1914-08-07
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Mitglieder und namentlich der Bielefelder Herren aus. Die Arbeit der letzten Jahre sei in Bielefeld geleistet Warden. An die Verhandlungen schloß sich ein Festmahl, bei dem Herr Oberlandesgerichtsrat Grünebaum den Kaisertoast ausbrachte. Kassel, 31. Juli. Am 8. August kann unsere Synagogengemeinde das 75jährige Bestehen ihres Gotteshauses in der Unteren Königsstrahe festlich begehen. An diesem Tage fand im Jahre 1839 die Einweihung des neuen Bethauses statt, zu dem der Architekt Albrecht Rosengarten den Entwurf geliefert hatte; auch die Leitung des Baues, dessen Ausführung mit Unterbrechung etwa zwölf Jahre währte, lag in seinen Händen. Für das Baugrundstück, den Wolfsschen, später Neuberschen Garten, waren 7250 Taler bezahlt worden. Tie Kosten des Baues, die anfangs auf 30 700 Taler veranschlagt waren, sich später aber auf 42 743 Taler erhöhten, waren größtenteils durch opferwillige Gaben jüdischer Familien aufgebracht worden; auch christliche Familien lieferten namhafte Beitrüge. Von auswärtigen Israeliten waren ebenfalls beträchtliche Spenden eingegangen; so steuerte unter anderen der bekannte Finanzier Meyer Anselm Rothschild in Frankfurt a. M. 300 Louisdors bei. Beachtenswert erscheint, daß zahlreiche Familien der Kasseler Israeliten sich anfangs wegen der allzu großen Schuldenlast gegen einen Synagogenneubau sträubten, wie man anderseits einen dom Kurfürsten' angebrtenen, in der Schützenstraße gelegenen Bauplatz wegen der ungünstigen Lage abgelehnt hatte. Auch vorher war häufig der Plan zum Neubau eines Gotteshauses erwogen, aber nicht zur Ausführung gebracht worden. Mit der durch Zuzug auswärtiger Familien zunehmenden Zahl der hiesigen Israeliten ergab sich die Notwendigkeit der Errichtung eines Filialgottesdienstes in einem dem Verwaltungsgebäude der Synagogengemeinde angegliederten Betsaale; auch wurde vor etwa sieben Jahren die Hauptsynagoge einer umfassenden Renovierung und einem Neubau tm Innern unterzogen, durch den nrehr Raum gewonnen werden konnte. 22 Frankfurt er. M., 30. Juli. Dem Internationalen Pro- F a l a s ch a k o m i t e e, welches im März d. I. seinen Sitz von Florenz nach Frankfurt a. M. verlegte, ist es in der kurzen Zeit, welche seither verflossen ist, gelungen, in der ganzen Welt Sympathien für unsere Brüder in Abessinien zu erwecken. Vor allem galt es, die Organisation weiter auszubauen, damit das Unternehmen durch regelmäßige Beiträge gesichert wird. Zu diesem Zwecke unternahm Herr 'Dr. Faitlowitsch im Aufträge des Komitees Propagandareisen nach Belgien, Holland und England. In diesen Ländern bestehen jetzt Landeskomitees, welche eine energische Tätigkeit für die Sache der Falaschas entwickeln. In London fand im Hause des Herrn David S. Sassoon eine Versammlung der angesehensten Persönlichkeiten Londons unter dem Vorsitze des Chiesrabbi Dr. Hertz statt; außerdem hielt Herr Dr. Faitlowitsch einen gut besuchten Vortrag im Norden Londons. Aber nicht nur hier fanden seine Ausführungen Beifall, sondern auch die angesehene Tagespresse, wie Times und Standard, begrüßte seine Anwesenheit mit sympathischen Artikeln über die Falaschas. Einzelne Rabbiner benutzten auch die Predigten an den Pessachfeiertagen, um ihre Gemeindemitglieder für die Sache der Falaschas zu begeistern. In Holland steht der Oberrabbiner der Portugiesischen Gemeinde Pallacche an der Spitze des Landeskomitees, das zusammen mit dem Amsterdamer und Rotterdamer Komitee die Agitation in Holland mit gutem Erfolge schon in die Wege geleitet hat. In Italien, von wo die ganze Bewegung ursprünglich ausging, wird sich das Landeskomitee weiter ausgestalten. In Deutschland bestanden Ortsgruppen in Frankfurt a. M., Breslau, Kattowitz, Beuthen, Köln, St u t t g a r t, Berlin und anderen Plätzen. Hier ist das Interesse nach wie vor rege, jedoch kann eine praktische Arbeit erst zum Herbst entsetzen. Immerhin gelang es Herrn Dr. Faitlowitsch auf Reisen, die er zum Teil gemeinschaftlich mit dem Generalsekretär unternahm, neue Ortskomitces in Hamburg, Altona, Posen, München, Eschwege und so weiter zu gründen, während die Konstituierung solcher Komitees in Hannover, Thorn, Kassel, Mainz, Darmstadt und Chemnitz nahe bevorsteht. Ueberall stellten sich die Rabbiner ohne Unterschied ihrer religiösen Richtung zusammmen mit den angesehensten Gemeindemitgliedern voller Begeisterung in den Dienst der Sache. Aber auch aus entfernten Ländern gehen dem Komitee ständig Zustimmungserklärungen zu, so daß das Komitee zu seiner Genugtuung eine Sache vertritt, welche die gesamte Judenheit in gemeinschaftlicher Arbeit eint. So hat z. B. trotz der gedrückten materiellen Lage in den Balkanländern der Chachäm Baschi von Saloniki, Rabbi Jakob Meir, die Agitation in de^ dortigen Gegend übernommen; auch der Bukarester Rabbiner Dr. Beck und der aschkenasische Oberrabbiner von Konstantinopel, Dr. Markus, werden jetzt mit der Propaganda beginnen. In Nordwie in Südafrika findet die Tätigkeit des Komitees Interesse, in den skandinavischen Ländern, wie in Rußland. Allerdings erfordert das Endziel auch große finanzielle Mittel. Die Gründung eines Seminars zur Ausbildung junger Falaschas als Lehrer ihrer Brüder, sowie das gesamte Schulwerk kann erst in Angriff genommen werden, wenn eine gesicherte materielle Grundlage vorhanden ist. Dieser Gründung wird auch voraussichtlich eine neue Expedition nach Abessinien vorangehen müssen. Einstweilen ist Herr Dr. Faitlowitsch im Aufträge des Komitees mit der Uebersetzung des Psalters in das Amharische, die Sprache der Falaschas beschäftigt, der dann im Druck in vielen Exemplaren im Lande verbreitet werden soll. Die Falaschas verlangen nämlich' nach nichts mehr, als nach religiöser Unterweisung, und da sie die Bibel bisher nur in der von Missiousanstalten verfertigten Uebersetzung erhielten, so wird eine von Juden verfaßte Uebersetzung wesentlich dazu dienen, sie tut Judentume zu erhalten. Von den drei Falaschajünglingen, welche Herr Dr. Faitlowitsch auf einer seiner Reisen mit nach Europa brachte, befindet sich der eine in Jerusalem, der andere im rabbinischen Seminar in Florenz, während der dritte Herrn Dr. Faitlowitsch auf fetncr letzten Reise wieder nach Abessinien begleitete, wo ihm eine kleine Schule eingerichtet wurde. Es ist daher zu hoffen, daß dem Internationalen Pro-Falaschakomitee zu Händen seines Kassierers, Herrn Salomon Epstein, Frankfurt a. M., Uhlandstr. 39, (Postscheckkonto Frankfurt nm Main, Nr. 8438) reichliche Gaben sowohl als Jahresbeiträge wie als Spenden zum Bausonds und Organisationsfonds zusließen. Das Generalsekretariat in Frankfurt a. M., Pntmstr. 11, ist zu weiteren Auskünften gern bereit. — Tübingen, 31. Juli. Als Nachfolger für den nach Göttingen cm die Stelle von Rudolf A m e n d berufenen Prof. Tr. B e r t h o l e r wurde zum ordentlichen Professor für alttestamentliche Exegese au der hiesigen Universität der bisherige ..außerordentliche Professor Tr. Paul Bolz ernannt. Dr. Bolz ist 1871 in Lichtenstern, württemb. Oberamt Weinsberg, geboren, studierte in Tübingen und Berlin, wurde Repetent am evangelisch-theologischen Stift in Tübingen und Stadtpfarrer in Leonberg. 1903 erwarb er sich den Grad des Lizentiaten der Theologie, habilitierte sich 1907 in Tübingen und erhielt daselbst 1909 eine außerordentliche Professur für alttestamentliche Exegese. Eine Studienreise führte ihn in den letzten Jahren nach Palästina. Seine Interessen liegen weniger aus linguistischem als auf religionsgeschichtlichem Gebiete. Bon seinen Arbeiten, die auch jüdische Leser interessieren dürften, seien genannt: „Die vorexilische Jahweprophetie und der Missias" (1897); „Jüdische Eschatologie von Daniel bis Gottes und die verwandten Erscheinungen im Alten Testament und Judentum" (1910); „Das Neujahrsfest Jahwes" (1912); für die Jahrgänge 1903 bis 1908 bearbeitete er für den Theologischen Jahresbericht das Alte Testament und für „Die Schriften des Alten Testaments in Auswahl" das Buch Weisheit (1911). * Gestrrmch-Angarn. K Wien, 30. Juli. Bor einigen Tagen beging in aller Stille der Prager Rechtsanwalt, Herr Dr. Arnold Rosenbacher, sein fünsundzwanzigjähriges Jubiläum als Präsident der Prager israelitischen Kultusgemeinderepräsentanz, der er seit dem Jahre 1873 ununterbrochen als Mitglied angehört. ,,Was Tr. Rosenbacher", so schreibt das „Prager Tageblatt", vom 22. d. M., „in diesen vier Jahrzehnten für die Prager israelitische Gemeinde getan hat, ist bleibend für die Geschichte dieser berühmten Judengemeinde. Schon im Jahre 1884 wurde Dr. Rosenbacher zum Bizepräsidenten und fünf Jahre später zum Präsidenten der Kultusgemeinde in Prag gewühlt. Neben der Durchführung des neuen Statuts für die jüdischen Gemeinden der österreichischen Monarchie, an dessen Ausarbeitung er im Aufträge des Kultusministeriums mitgewirkt hat, widmete er sich besonders der Ordnung des Stistungswesens, das während seiner Zeit einen großen Aufschwung genommen hat. Die unter seiner Präsidentschaft ins Leben gerufenen Humanitären Institutionen der israelitischen Kultusgemeinde haben im Jubilar oft den Urheber, immer aber den arbeitswilligen Förderer gefunden.