Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1914)
- Date
- 1914-08-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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78. Jahrgang. Nr. 32 Berlin, 7. August I<>I4 Der Gemeindevote. Beilase zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums". Korrespondenzen und Nachrichten. LkUtschlsnd. &&& Berlin, 4. August. Das Landheim S ch w e l in , -ein j ü d i s che s L a über z i e h u n g s h e i m. Der Weg führte mich ins B e r g i s ch e Land. Bleibende Eindrücke sind der Gewinn. Zu den wertvollsten rechne ich die, welche die Bekanntschaft mit den: L a n d h e i m in mir hinterlassen hat, von dem ich sprechen will. Nicht weit von Barmen, diesem Zentrum des Schaffens, doch näher noch dem betriebsamen S ch w e l m, erhebt sich in idyllischer Ruhe der Steinhäuser Berg. Ein sanfter Ausstieg führt zur Höhe, hinein in den prächtigen Nadelwald. Nur wenige Siedlungen trägt der plateauartige Nucken, darunter an dem wohl schönsten Punkte, von dem aus der Blick entzückt über die Hügel und Täler und das Silberband der Wupper streift, unser Heim. Idealer Sinn, Opferfähigkeit und Opfer Willigkeit einerseits, praktischer Blick, Begreifen der Zeit und pädagogische Erfahrung andererseits haben sich hier zusammengetan, um vornehmlich der glaubensgenössischen Jugend zu dienen und zu helfen, die einer besonders wohlwollenden und wohlerwogenen Erziehung bedarf, der körperlich und geistig Schwachen. Es darf wohl gesagt werden, daß die Begründer der Anstalt, Herr Willi Mayer, Schwelm, und Herr Direktor Silberberg, Ahlem, Gutes gewollt und auch jetzt schon Schönes erreicht haben. Der ausgezeichnete, sehr lesenswerte Prospekt dieser Anstalt kennzeichnet ihre Absichten und Ziele, Methoden und Mittel, wie-auch die Zöglinge, denen ihre Arbeit gilt, viel besser, als ich es vermag. Darum will ich nur auf das Hinweisen, was mir als das Wesentlichste entgegentrat. Das ist: was sich in Ahlem so heilsam und segensreich erwiesen hat, ist, so will es mir scheinen, auf den Steinhäuser Berg unter Anpassung an die in Frage kommenden Verhältnisse mit Erfolg übertragen worden. Und so steht hier der zielsicher geleitete Umgang mit der Natur im Mittelpunkt der Erziehungstätigkeit. Die Zöglinge sollen in frischer Luft, in froher, freundlicher Beschäftigung mit dem Boden, den Bäumen und Blumen erstarken — und zwar nicht nur körperlich, sondern auch namentlich geistig. Tenn es handelt sich hier, wie bereits erwähnt, in erster Reihe um leiblich und seelisch schwache Knaben. Daher ist der gärtnerische Betrieb, der hier gepflegt wird, nicht Selbstzweck, sondern vor allem Heil- und Erziehungsmittel. Die unstet schweifenden Gedanken sollen auf ein bestimint.es, interessierendes, nicht zu hohes, sondern leicht erreichbares Ziel gelenkt werden. Ter kraft- und mutlose Wille soll durch Gelingen ermuntert und gefestigt werden zu neuem, wo möglich schwererem Tun. Der bei derartigen Kindern so leicht zur Herrschaft gelangende Hang und Trieb zu körperlich Schädlichem soll Zurückgedrängt und überwunden werden. Gleichem Zwecke dient der in angebrachten Grenzen betriebene Handfertigkeitsunterricht. Aber auch Unterricht im eigentlichen Sinne wird erteilt, mit der eindringlichen Anschaulichkeit, die geboten ltnb allein förderlich ist. Dabei hat das Landheim einen Vorzug, worauf wir Lehrer der Großstadt, die wir in stauberfüllten Räumen vor überfüllten Klassen stehen müssen, neidisch werden könnten: es kann seine Schule in einem reizenden, nach allen Seiten dem einströmenden Nadeldust offenen, von oben aber geschützten Bretterzelt halten, unbelästigt von jedem störenden Straßengeräusch. Die mit der pädagogischen, gärtnerischen und wirtschaftlichen Leitung Betrauten walten mit seinem Verständnis, tiefem Ernst und eifriger Hingebung ihres Amtes. In ihren Händen sind die Zöglinge in treuer Hut. Ich sah Zurzeit nur solche über 14 Jahre. Aber auch jüngere wären hier gut geborgen. Ein kleiner Kreis ist in schlichtem, aber wohnlichem Hause vereinigt zu einer Familie. Die Anstalt schmückt sich nicht bloß mit dem Namen eines Heims, sondern sie will es auch sein und i st es. Michael Ab r a h a m &&& Berlin, 4. August. Der bekannte Philanthrop und Millionär I a k o b S ch i f f in New Jork ist aus dem Kuratorium des Technikums in Haifa ausgetreten; ihm haben sich auch die anderen amerikanischen Kuratoren angeschlossen. Als Grund seines Austritts bezeichnete Herr Schiff die Haltung der Zionisten in dem durch sie heraufbeschworenen Sprachenkampse. Dadurch scheint die ganze Existenz des Technikums fraglich geworden zu sein. In der letzten Sitzung des Kuratoriums wurde die dadurch geschaffene Situation eingehend erörtert und sestgestellt, daß zur Eröffnung noch mindestens 300 000 Mark notwendig seien. Ter von zionistischer Seite gestellte Antrag, ein besonderes Sekretariat für das Technikum zu schaffen, wurde von der Majorität abgelehut. Sollte dieser Betrag nicht aufgebracht werden können, so wird diese so nützliche Institution endgültig aufgegeben werden. U. Hamburg, 31. Juli. Der I s r a e l i t i s ch e U n t e r - stützungsverein für Obdachlose hielt seine Generalversammlung unter Vorsitz des Herrn Rechtsanwalts Alexander ab. Aus dem vom Vorsitzenden für die beiden letzten Jahre erstatteten Bericht über die Tätigkeit des Vereins entnehmen wir folgendes: Sowohl die Auswanderung als auch die Zahl der Personen, die sich hier vorübergehend ausgehalten haben, um Arbeit zu suchen, war größer als in den vorangegangenen Jahren inid übertraf im Jahre 1913 noch wesentlich die des Jahres 1912. Während nun durch die größere Zahl der Auswanderer die Ausgaben in den Auswandererhallen aus verschiedenen Gründen wenig beeinflußt wurden, verursachte der stärkere Verkehr ini Dauiel-Wormser-Haus erheblich größere Kosten für Speisung und Reiseunterstühungen. Auffallend groß war auch die Zahl der Personen, die —- da nicht geeignet für die Auswandererhallen - mit Schisfskarten versehen, im „Wormser Haus" bis zum Abgang ihres Dampfers verpflegt werden mußten. In den Jahren 1912/13 wurden in den Auswandererhallen an 59 969 Personen 247 464 Portionen Mittagessen aus der rituellen Küche verabfolgt. Im „Daniel-Wormser-Haus" erhielten in den beiden Jahren 4401 Personen 10 709 mal Nachtlager, außerdem wurden 12 373 Portionen warmes Frühstück und 17153 Portionen Mittagessen und 16 999 Portionen Abendessen verabfolgt. Bekleidung erhielten in den Auswandererhallen 4910 Personen und im „Daniel-Wormser-Haus" 5310 Personen, wovon etwa die Hälfte in Hamburg ansässig war. 2366 Personen erhielten Reiseunterstützung und schließlich wurden aus dem Baronin-Hirsch-Krankenfonds 81 Personen 1985 Tage im jüdischen Krankenhaus verpflegt. Natürlich erfordert eine derartige reiche soziale Tätigkeit des Vereins auch entsprechend hohe Ausgaben, und so verursachte das „Daniel-Wormser-Haus" in den beiden Berichtsjahren eine Ausgabe von 23 535 Mark, während die Unkosten in den Auswandererhallen sich auf 5856 Mark beliefen. Für die Aufsicht auf den Schiffen wurden 10 702 Mark verausgabt und für Reiseunterstützungen usw. 8124 Mark. In beiden Jahren schloß die Rechnung mit einem kleinen Defizit ab. Nur dank einer Reihe größerer Spenden und Legate (N.-N.-Mcyer-Nachtaß 10 000 Mark, Adolph-Löwenthal-Testament 5000 Mark, Julius Koruheimer 2000 Mark u. a. m.), konnte der Verein den steigenden Anforderungen, die an ihn gestellt wurden, genügen. 2/D Kolberg, 31. Juli. Das j ü d i s ch e K u v h o sPital Hierselbst beging am Sonnabend, den 25. d. M., sein 40. Stiftungsfest durch einen Festgottesdienst in Verbindung mit dem Sabbatgottesdienst in der mit Blumen reich geschmückten Haussyuagoge vor einer überaus zahlreichen Gemeinde, die nicht bloß den Raum der Synagoge, sondern zum Teil auch die Halle und die Korridore ausfüllte. Der bedeutungsvolle Abschnitt in der Eutwickelungsgeschichte des Hauses lud unwillkürlich zu einem Rückblick auf die überaus segensreiche Wirksamkeit der Anstalt in deu ersten 40 Jahren ihres Bestehens ein, dem der Festredner, Rabbiner Dr. Baron, in feiner Predigt in warmherzigen Worten lebhaften Ausdruck verlieh. Im Anschluß an diese gottesdienstliche Feier fand am Sonntag (26.) ein Konzert hervorragender Künstler zum Besten der Anstalt in dem großen herrlichen Festsaale des Strandschlosses, der von der Badedirektion wie immer in den Vorjahren unentgeltlich zur Verfügung gestellt wurde, vor einem zahlreichen Auditorium statt, das sich aus Badegästen und Einheimischen zusammensetzte. Der instrumentale Teil des Konzerts wurde von den beiden aus früheren Jahren uns wohlbekannten Pianisten Mar Lenz in der ersten Abteilung und Olga Weltmann in der zweiten