Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1914)
- Date
- 1914-08-07
- Page
- Seite 384 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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384 Literarische Mitteilungen. — Vorkämpfer deutscher Freiheit. Dokumente liberaler Vergangenheit. Herausgegeben vom Akademischen Freibund. München. Heft 38. Gabriel Rießer. Neben zur freiheitlichen Entwicklung. Bearbeitet von Georg I. Plotke. München 1913. Buchhandlung: ^ati^!^alverein G. m. b. H. Tie Schrift ist nicht ausschließlich jüdischen Inhalts, enthält vielmehr nur eine auf Juden bezügliche Nede, nämlich „Gegen Mohls Antrag zur Beschränkung der Nechte der Inden, 29. August 1848". Aber auch die übrigen: Auszug aus der Kaiserrede; Heber die Stellung der preußischen Negierung zum übrigen Deutschland; gegen die Beschränkung der Geschworenengerichte, sind sehr willkommen. In allen tritt Nießer, der Freiheitskämpfer, glänzend hervor. Die letzte uns besonders angehende Rede gegen Mohls Antrag: „Die jüdischen Volksgenossen unter Gewährleistung des aktiven und Passiven Wahlrechts zum Gegenstände besonderer Gesetzgebung zu machen", liest sich wie ein Plädoyer, das noch heute gehalten werden könnte. Dieselben Gründe, die noch jetzt geltend gemacht werden, sind bekämpft, dieselben Motive werden angeführt, so schlicht und doch gerecht, so wacker lind überzeugnngstreu, daß man sich zur lebhaften Bewunderung des vortrefflichen Kämpen hingezogen fühlt. Der Herausgeber hat dem von ihm gestalteten Terte eine kurze angemessene Vorrede vorangestellt, doch kann ich das, was in dieser Vorrede über Börne gesagt wird, nicht ohne Einschränkung durchgehen lassen. Daß er ihn „gallig" nennt, mag allenfalls gelten; daß er ihn „unküustlerisch" heißt, ist nur bedingt wahr; daß er ihn aber als „Verrinatyp" bezeichnet, kann leicht 311 Mißverständnissen führen. Man könnte diese Charakteristik auf Börne anwenden, wenn sie bloß den unerschrockenen Freiheitsmann bedeutete, aber Verrinn ist ein finsterer, lebensabgewandter, gänzlich einseitiger Alanin von dem man sich nicht vorstellen kann, daß er je Liebe gefühlt, daß er Humor verstanden und besessen habe, lind was wäre Börne ohne Freundschaft, ohne Liebe, ohne Humor? L. G. * — Werner v 0 n der S chulenburg: Judas, ein Epos. (Ohne Jahr, ohne Namen des Verlegers und Truckers.) 34 Seiten. Diese kleine Schrift ist nicht im Buchhandel erschienen, sondern von dem Verfasser brieflich vertrieben worden. Ich habe selbst die wenigen Blätter für recht teures Geld erstanden. Das Ganze (nur in 350 Exemplaren gedruckt) ist mehr anspruchsvoll als schön ausgestattet. Weder ein Verleger noch ein Drucker ist genannt. Diese geheimnisvolle Art des Vertriebes erklärt sich wohl aus der manchmal ungemein kräftigen Sprache der Dichtung (käufliche Frauenzimmer werden mit ihrem rechten Namen genannt und die Ausdrucksweise in Gesprächen und Anreden ist nicht selten von der Kraßheit des Naturalismus, als dieser noch in seiner Blüte stand), ferner aus ihrer Tendenz. Diese ist nicht etwa eine jaden-, man kann auch nicht sagen: eine christenfeindliche. Wenn ich den Dichter recht verstehe — denn einen Dichter darf man ihn wohl nennen trotz mancher Gespreiztheit und trotz vieler prosaischer Ankläuge, die aber mehr gewollt sind, als daß sie Zeugnisse poetischer Unfähigkeit ablegen so will er das Judentum gar nicht bekämpfen und nicht etwa Judas als jüdischen Typus oder als Typus des Judentums angreifen. Denn Judas ist kein Verräter, der sich durch Geld bestechen läßt, sondern der mit dem Meister eng verbundene Anhänger Jesu, der diesen nur menschlicher, weniger gvttähulich wünscht. Aus diesem Grunde macht er Anstrengungen, Jesus durch Magdalena verführen zu lassen und trauert über das Mißlingen dieses Planes. Später jedoch ist dem Verfasser Judas der Vertreter des Antichristentums oder mindestens des Antikatholizismus; am Schluß wird der Mönch von Wittenberg sein gewaltiger Enkel genannt, Kant, Goethe it. a. werden als seine Erben bezeichnet, der Schluß aber lautet: Ich bin! Aus verfaulten Hirnen steig' ich auf wie ein Kind, Immer fähig, mich zu formen, hoch über der Götter Hohn. Ich weiß, jetzt, daß die Menschen größer als die Götter sind. Und von Judas wird der Erbe kommen: der wahre Menschensohn. Soll Judas etwa das Hellenentum oder das eigentliche Menschentum im Gegensatz zu dein Religiösen bedeuten? oder macht sich der Verfasser über sich und die Poeten lustig? Es bleibt schade um ein schönes Talent, daß es alw vergeudet wird. L. G. * — Hedwig v. Olfers geb. v. Staegemann. Erblüht in der Romantik, gereift in selbstloser Liebe. Aus Briefen zusammengestellt. Zweiter Band. 1816—1891. Mit neun Bildern. Berlin 1914. Ernst Siegfried Mittler u. Sohn, Königliche Hofbuchhandlung. Preis: geheftet 10,50 Mark, gebunden 12 Mark. Der mit begeisterter Spannung erwartete zweite Band des Lebensbildes einer der trefflichsten Frauen des 19. Jahrhundert liegt nun vor uns. Man' kann auf dieses Buch nicht warm genug Hinweisen, das aus alten vergilbten Briefen, die, wo es erforderlich schien, durch verbindenden Text ergänzt, die Lebensgeschichte einer seltenen Frau wie die Geschichte ihres Zeitalters widerspiegelt. Wir begleiten Frau v. Olfers auf ihrer langen, reichgesegneten Erdenpilgerfahrt als Tochter, Braut, Gattin, Mutter, Witwe und Greisin init gleich lebhafter Anteilnahme. Selbst Dichterin, als junges Mädchen die Muse Wilhelm Müllers, in den engsten Beziehungen zu den Gliedern des preußischen Herrscherhauses unter fünf Königen ilnd drei Kaisern, zu hervorragenden Frauen, wie Prinzessin Elisa Radziwill und deren Mutter, Caroline v. Humboldt und ihrer Tochter Gabriele v. Bülow, zu zahlreichen Persönlichkeiten der literarischen und musikalischen Welt, den bedeutendsten Vertretern von Kunst und Wissenschaft, die zu den Mitgliedern ihres geselligen Freundeskreises zählten und sich in Verehrung um sie scharten. Für uns ist die Tatsache, daß Frau v. Olfers mit hervorragenden Juden in Berührung kam, von besonders hohem Interesse. In Neapel, wo sie ihre ersten Ehejahre verlebte, hörte sie im Nvthschildschen Hause den berühmten Sänger Lablache, und von ihrem Abschiedsbesuche dort schreibt sie am 18. Februar 1826: „er habe sie amüsiert, weil es solche lustige gute Frau sei." Schon 1819 hatte Frau Elisabeth v. Staegemann an ihre Tochter- Hedwig, die fern von Berlin weilte, geschrieben, sie habe im Beerschen Hause die Catalain gehört. Am 29. August 1827 schreibt Hedwig an ihren Gatten nach Rio de Janeiro: „Vorgestern war ich in einer Gesellschaft bei Beers; Meyerbeer und Alexander v. Humboldt erkundigten sich sehr angelegentlich nach Dir", und am 16. Juni 1828: „Vorgestern hatten wir ein Dejeuner bei Beers und außerordentlich schönen Gesang dazu. Einige ganz vortreffliche Kompositionen von Meyerbeer lösten, zu meiner Freude, Rossini ab. Im Sommer bin ich lieber bei Beers als im Winter, denn der Garten geht mir über den Salon." Frau Sara Levis Hamen, mit der schon der Freiherr v. Staegemann durch ihre Schwester Frau v. Arnstein bekannt war, begegnet uns ebenfalls. Das Haus, das die Familien Staegemann und Olfers lange Jahre bewohnten, stieß an Haus und Garten von Frau Levi, und in diesem hatte der Graf Uorck v. Wartenburg, der Schwiegersohn der Frau v. Olfers, mit seiner Familie für den Winter 1853/54 ein Quartier inne. Auch Fanny Lewald finden wir wiederholt erwähnt. Am 13. August 1889 schreibt Frau v. Olfers an ihre Tochter Hedwig: „Der Tod Fanny Lewalds ist mir doch recht zu Herzen gegangen. Ihr Geist hatte sich veredelt, wie es jedem ziemt, an dem überhaupt etwas gelegen," und am 10. September: „Unsere Abende werden mit Vorlesen ganz angenehm verlebt, in diesem Augenblick unserer seligen Lewald Briefe aus Rom." In ihrem letzten'Lebensjahrzehnt zählten Julius Rodenberg und seine Frau zum intimsten Umgangskreise von Frau v. Olfers, und die Nachbarschaft in der Margaretenstraße begünstigte den anregenden Verkehr außerordentlich. Das Werk, das den Ge-- schichtsforscher wie den Literar- und Kunsthistoriker gleichermaßen anziehen wird, ist jedoch in erster Reihe ein ungemein wertvolles Frauenbuch. Wir wünschen, daß es der deutschen Frauenwelt jüdischen Glaubens zu einer reichen Quelle höchsten Genusses werde und sie daraus lerne, das Glück demütig, das Unglück mutig zu ertragen. Regina Reißer. * — Babylonian Oil Magic in the Talmud and in the later Jewish Liter atu re. By Samuel Daiches, Ph. D. Lecturer in Biblical Exegesis and Talmudics at the Jews’ College. London 1913. Vorliegende Abhandlung untersucht drei Stellen aus dem talmudischen Schriftwerk und elf bisher unveröffentlichte kürzere Texte aus späterer Zeit, in denen allesamt vom Oel in seiner Verwendung als Zaubermittel die Rede ist. Besonderer Wert ist auf den Nachweis der Abhängigkeit dieser Texte von babylonischen Anschauungen gelegt. Die Abhandlung stellt einen interessanten wissenschaftlichen Beitrag zur Frage der Mystik im Judentum dar. L. G.