Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1914)
- Date
- 1914-08-07
- Page
- Seite 383 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229156--70628-3282984- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
383 dieser Veranstaltungen wäre zweifellos ein erhöhtes Interesse für die Einzelvereine, so daß die für solche Vorträge aufgewendeten Kosten wieder den Einzelvereinen zugute kommen würden. Das wären einige Vorschläge, deren Befolgung nicht gar so schwer sein dürfte, von der wir aber eine Stärkung des jüdischen Empfindens und Bewußtseins für unsere Gesamtheit 'und einen reicheren Ertrag der Ferienzeit für den einzelnen mit Bestimmtheit glauben erwarten zu dürfen. «iSHEEfigöff r££l. Djr Geopferten. Novelle von Oskar Baum, Prag (Fortjetzuug statt Tchlust.) man hatte der Mutter anfangs verheimlichen wollen, daß das Kind tot war, aber es ging nicht, weil sie es zu sehr vorausgeahnt hatte. Man mußte ihr das Kind zeigen; sie drohte aus dem Bett zu springen und es zu holen. Eine wilde, wie wahnsinnige Erregung bemächtigte sich ihrer bei dem Anblick. Sie sah es für eine Strafe Gottes an. Sie fluchte sich, ihrem Mann und Gott und ließ sich durch nichts beruhigen. Sie hörte nicht, was man zu ihr sagte. Sie hielt die Lippen fest geschlossen, als man ihr Beruhigungsmittel geben wollte, und wehrte sich verzweifelt, als man ihr gewaltsam Injektionen beibrachte. Der Arzt begriff nicht, woher sie die Kraft nahm, und sah voraus, daß sein Können hier nicht viel nützen würde. Das Fieber kam und stieg und war nicht zu vertreiben. In der wachsenden Aufregung der folgenden Stunden hatte auch das Mädchen alle Hände voll zu tun. Niemand beachtete Kurt. Man vergaß völlig, daß er da war, und all die behutsame leise Hast im Kommen und Gehen erhöhte nur die Verwirrung und scheue Angst in seinem Gemüt. Noch ehe es Schlafenszeit wav, schlich er in sein Zimmer, kleidete sich aus und kauerte sich ins Bett, wo er jedes Wort und jedes Geräusch aus dem Schlafzimmer der Eltern nebenan hören konnte. Der Arzt war nun schon dreimal am Nachmittag dagewesen, und der Vater hatte, seit Kurt zu Hause war, noch keinen Augenblick das Schlafzimmer verlassen. Am meisten aber beunruhigte den Knaben die Erscheinung der ältlichen Frau, die seit gestern da in der Wohnung umherging. Sie war ja so ein gewöhnliches Weib wie die Bedienerin beinahe, und doch ging man so zuvorkommend und freundlich mit ihr um, befolgte immer genau und sogleich alle ihre Anordnungen, als wenn sie nun die wichtigste Person im Hause wäre. Was, wenn die Mutter wirklich starb? Eine Kälte durchrann Kurts Körper bei diesem Gedanken, und er vergrub seine zitternden Hände unter der Decke. Nun ja, es war doch möglich! Es starben ja so viele Menschen, die noch nicht sehr alt waren! Ein unerträglicher schmerzhafter Druck legte sich auf sein Herz, daß er nicht atmen konnte. Es war ihm, als käme eine unbekannte schreckliche Sache von allen Seiten auf ihn zu, und er mußte dasitzen und darauf warten. Aber es war kein dunkles Gefühl einer ewigen Trennung oder Verlassenheit, das Kinder in ahnungsvollen Augenblicken solcher Art manchmal erfaßt, nicht die unbestimmte allgemeine Furcht vor dem Tode, denn die kannte er gar nicht. Der Katechet hatte ihm immer so viel schöne und merkwürdige Dinge vom Jenseits erzählt, so vielversprechende phantastische Vergnügungen geschildert, daß ihm der Tod nut wie ein lockender dunkler, kleiner Weg erschien, hinter dem erst das wirkliche, das eigentliche Leben begann. Manchmal wurde er geradezu ungeduldig und wünschte sich, schdn bald dort zu sein. Er konnte nicht begreifen, warum die Leute immer so die Hände rangen und jammerten, wenn einer ihrer Lieben starb. Sie wußten doch, daß er es nun viel besser haben würde, und daß sie wieder mit ihm vereinigt fein würden, wenn sie einmal starben. Aber seine Mutter war ein Jüdin! Einmal schon hatte er ihr in gesunden Tagen gesagt: „Mutter, du wirst ja der ewigen Glückseligkeit nicht teilhaftig werden. Mutter, ich hätte Angst an deiner Stelle! Warum läßt du dich denn eigentlich nicht auch taufen?" Aber die Mutter hatte ihn damals so furchtbar traurig angesehen und ihn dann plötzlich wild zu sich emporgerissen und schluchzend an sich gepreßt und geküßt, daß er nie wieder von diesen Dingen begann. — Die Arme! Sie wollte gewiß gern Ehristin werden, aber es ging nicht. — Warum nur nicht? — Lange zerbrach er sich den Kopf darüber und.konnte die Ursache nicht erraten. Als er einmal schüchtern den Vater darüber fragte, wurde der sehr böse über seine „vorlauten Reden". Und der Pfarrer hatte ihn zur Antwort nur verlegen angesehen und von etwas anderem zu reden begonnen. Und wenn sie jetzt starb, war sie zu allen Höllenqualen der schlimmsten Sünder verdammt unten im Reich des Bösen. Hn! Er hielt den Gedanken nicht ans! Er preßte seine Wangen gegen die harte kalte Wand, daß sie schmerzten. Nebenan hörte er die Mutter mit entsetzlicher fremder Stimme abgerissene Sätze und halbe Worte hervorstoßen, deren Sinn er oft nicht verstand. Jetzt schrie und zankte sie. Jetzt klagte und flehte sie. Der Vater bemühte sich vergebens, sie zu trösten und zu beruhigen. Warum vergelidete er mit diesen leeren Reden die Zeit? Jetzt weinte er. Es klang so schrecklich, wenn der Vater weinte! Jetzt versprach er — ja, ja, Knrt hörte es ganz deutlich -- er versprach, wieder Jude zu werden. Wie konnte er das tun? Um Himmels willen! Warum holte er nicht den Pfarrer? Der konnte so gut und sanft reden. Vielleicht würde er sie doch bekehren! „Ach Gott, es ist ja zu spät!" schrie die Mutter, „du, du! — warum sagst du es jetzt? — Allmächtiger Gott, wenn ich nur sterben könnte!" Sie begann wieder zu schluchzen und ihre Stimme wurde heiser. Jetzt läutete es. Im Vorzimmer hörte man mehrere Männerstimmen. Diesmal ging sogar auch der Vater Nachsehen. «j „Herr Professor!" sagte er zu jemandem, und auch der Doktor war dabei. Nachdem sie eine Weile im Vorzimmer leise miteinander gesprochen hatten, gingen sie zusammen ins Schlafzimmer. Aber die Mutter schien sie nicht zu bemerken. Sie stöhnte und schrie weiter und ihre Stimme war nur an den Vater gerichtet. Die Herren redeten auch drin miteinander, fast als wenn sie nicht da wäre. Einmal versuchten sie, sie anzusprechen, erhielten aber keine Antwort. Nur als sic weggingen, schrie sie: „Richard, bleib' hier!" Aber er hörte es wohl nicht. Er begleitete gerade die Herren ins Vorzimmer, schloß die Tür hinter sich und sprach sehr erregt mit ihnen, fordernd, drohend beinahe. „Ich bleibe ja hier," sagte der Doktor, „ich werde ihr noch eine Injektion geben." „Nein, lieber Herr," sagte der Professor, „es wäre gewissenlos, Ihnen Hoffnungen 311 machen. Sie ist zu schwach, vor allem ihr Herz." „Richard, Richard!" jammerte inzwischen die Mutter in ihrem Bett, „lauf' mir nicht davon! Ich werde dich nicht mehr quälen. Ich bin ja schuld! Ich geb's ja zu! Ich habe doch vielleicht nicht alles getan, um dich znrückzuhalten. — Richard!" (Lchluß folgt.)