Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-08-07 · Heft 32 (7.8.1914) · p. Seite 382

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 32 (7.8.1914)
Date
1914-08-07
Page
Seite 382 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229156--70627-3282983
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

382 Speisegesetze mehr als Formelkram oder überlebter Brauch sind, und der sie vielmehr als ein religiöses Gebot betrachtet. — Aber auch über die Bewohner der jüdischen Hotels läßt sich mancherlei sagen. Auch hier muß einmal mit aller Offenheit - nur so kann man nämlich erzieherisch wirken — ausgesprochen werden, daß manches anders und besser nicht nur sein könnte, sondern auch sein müßte. Wir vergessen nur zu leicht, daß der jüdische Gastwirt mit ganz anderen Unkosten zu wirtschaften hat als der nichtjüdische Hotelbesitzer. Daß er demgemäß auch entsprechend höhere Preise nehmen muß, ist eine Selbstverständlichkeit, welcher sich niemand verschließen sollte, der eben aus religiösen Gründen in einem jüdischen Hotel seinen Aufenthalt nimmt. Auch gegenüber dem Hotelpersonal sollte kein jüdischer Gast die nun einmal übliche Verpflichtung versäumen und sich davor hüten, diesem das Trinkgeld, mit welchem das gesamte Hotelpersonal nun einmal rechnen muß, zu verkürzen oder gar zu entziehen. Es ist hier nicht der Ort, die Frage zll erörten, ob der allgemein übliche Weg der Entlohnung des Hotelpersonals durch die Gäste des Hotels richtig oder würdig ist. Vielmehr muß mit dem, was nun einmal üblich ist, gerechnet werden. Hier nun schaden die Besucher der jüdischen Hotels letzten Endes sich selbst am meisten dadurch, daß sie mit dem Trinkgeld manchmal etwas zci sparsam sind. Tie natürliche Folge davon ist, daß der jüdische Hvtelwirt nicht vollwertiges Hotelpersonal zu gewinnen vermag und sich mit minder guten Arbeitskräften begnügen mllß, so daß zuletzt doch wieder der jüdische Hotelgast den Schaden zll tragen hat. Gehen wir von diesen mehr internen Dingen zu dein öffentlichen Aliftreten der jüdischen Kurgäste in den Sommerfrischeil und Kurorten über. Hier müssen wir min zunächst lnit der peinlichsten Genauigkeit daraus achten, alles zu vermeiden, lvodurch wir unangenehm allfsallen könnten. Kurorte, an welchen wir Erholung nach einem Jahre voller Mühe und Arbeit oder Heilung von des Körpers Leiden suchen, sind nicht der Ort, an welchem es gilt, durch elegante Kleidung oder reichen Schmuck zu glänzen. Das sei vor allem unserer Frauenwelt gesagt; man kann schlicht und einfach und doch vornehm und sauber gekleidet sein. Auch jede Art von Aufdringlichkeit ist zu vermeiden. Findet sich Gelegenheit, um uichtjüdischen Klirgenossen näherzutreten, so ergreife man freudig diese Gelegenheit. Gerade hier, wo man, von geschäftlichen Sorgen frei, nnr als ein Mensch dem anderen gegenübertritt, ist es leicht und eine dankbare Aufgabe, dem Nichtjuden zu zeigen, daß auch wir Menschen sind, und ihn dahin zli belehren, daß wir doch viel besser sind, als vielfach leider noch unser Ruf. Es sind noch sehr häufig Unkenntnis lind Vorlirteil, was unsere christlichen Mitbürger von uns trennt. Ergreife man also dankbar und freudig jede Gelegenheit, die sich zur Anknüpfung von Bekanntschaften mit Nichtglaubensgenvssen bietet. Aber auch hier vergesse man nicht seine Zurückhaltung und die gebotene Würde. Daß wir es eben unserer Würde schuldig sind, antisemitische Hotels und Kurorte erst gar nicht aufzusuchen, braucht erfreulicherweise heute kaum noch gesagt zu werden; in dieser Beziehung haben die Bemühungen der jüdischen Zeitungen und des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, welche alljährlich um die Reisezeit eine Liste der Ortschaften und Hotels mit antisemitischem Charakter veröffentlichen, segensreich und erzieherisch gewirkt. Die wenigen Ferienwochen, welche den meisten von uns im Laufe des Jahres beschieden sind, sollen selbstverständlich in erster Reihe der Erholung, der Ausspannung und der Gewinnung neuer Kräfte dienen. Damit ist aber nicht gesagt, daß wir in dieser Zeit nur uns und unserem Wohlbefinden leben und uns widmen sollen. In der letzten Nummer der Zeitschrift „Liberales Judentum" hat ein Rabbiner einen ganz bemerkenswerten Vorschlag gemacht, der darauf abzielt, die in letzter Zeit leider zu leer gewordenen Synagogen wieder mit Betern zu füllen. Wie wäre es, wenn wir Juden es uns zur Pflicht machen, wenigstens während unserer Ferienzeit allsabbatlich das Gotteshaus des Kurortes zu besuchen, an dem wir uns gerade aufhalten? Im gewöhnlichen Leben pflegen wir als Entschuldigung dafür, daß wir dem Sabbatgottesdienst fernbleiben, anzuführen, daß unsere Berufstätigkeit und das geschäftliche Leben es uns nicht gestatten, dem mehrstündigen Sabbatgottesdienst beizuwohnen. Wir wollen es unerörtert lassen, wieviel Wahres an dieser Erklärung ist, und ob nicht vielmehr mangelndes Interesse ebenso sehr als berufliche Pflichten uns vom Gottesdienst sernhalten; darüber mögen die Rabbiner sich mit ihren Gemeindeangehörigen auseinandersetzen. Aber wenn nun einmal wirklich die Berufspflichten es sind, die uns die Teilnahme an dem religiösen Leben der Gemeinde so gut wie unmöglich machen, während der Ferienzeit fallen jedenfalls diese Gründe fort. In einer ganzen Reihe von Kurorten finden sich Gotteshäuser, in denen regelmäßiger Gottesdienst stattfindet, und eine größere Anzahl von Kurorten hat ja auch einen Rabbiner, so daß für religiöse Belehrung und Erbauung auch genügend gesorgt ist. Für die Orte aber, deren Gemeinden keine Redner haben, möchten wir hier allen Ernstes einen Vorschlag machen, dessen praktische Durchführbarkeit uns keinen Augenblick zweifelhaft ist. Die Rabbiner, welche sich an den Kurorten zur Erholung aufhalten, werden sich sicherlich bereitfinden lassen, an den Sabbaten in der Ortssynagoge zu predigen; der Verfasser dieser Zeilen kann sogar aus eigener Erfahrung berichten, einer solchen Predigt beigewohnt zu haben. Eines wäre allerdings hier Vorbedingung: daß alle religiösen Richtungen sich hierbei beteiligten, und daß kein Orthodoxer die Synagoge meide, weil in ihr ein liberaler Redner predigt, und ebenso wäre es Pflicht des liberalen Juden, der Predigt des orthodoxen Rabbiners beizuwohnen. Sache des Predigers hingegen wäre es, in seinen Predigten keinen Parteistandpunkt zu vertreten, sondern vielmehr das allgemein Jüdische zum Mittelpunkt seiner Betrachtungen zu machen. So könnte ein Doppeltes und Dreifaches erzielt werden: die Gotteshäuser würden sich mit Andächtigen füllen; viele fänden wenigstens an einigen Sabbaten des Jahres religiöse Erbauung und Belehrung, und nicht zuletzt wäre hier eine Gelegenheit, religiöse Gegensätze zu überbrücken und nicht das Trennende, sondern das Einigende zu betonen. Auch sonst könnte gerade die Ferienzeit dazu benutzt werden, unser Judentum zu vertiefen und unser Wissen vom Judentum zu bereichern. Wohl ein jeder hat das Bedürfnis, während der Ferienzeit ein Buch zur Hand zu nehmen. Da sollte man nun endlich einmal darauf verzichten, sich mit der Lektüre eines seichten Romans oder des neuesten Werkes eines gerade populären Tagesschriftstellers zu begnügen; ebenso wenig genügt es, wenn man täglich seine Tageszeitung oder einen Skandalroman aus Berlin W liest, in welchem solche Juden austreten, die wir weder für Typen des invdernen Juden erklären noch als nachahmenswert hinstellen können. Vielmehr sollten wir gerade in der Ferienzeit zu einem jüdischen Buche belehrender oder unterhaltender Natur greifen und so unserem Ferienausenthalt einen ganz bestimmten Inhalt geben, der unser Wissen bereichert und unser Innenleben verschönert. Auch daran wäre zu denken, ob es sich nicht ermöglichen ließe, an den Kurorten, an denen ja so mancherlei Vorträge, neben unterhaltenden auch belehrende, gehalten werden, Vorträge jüdischen Inhalts zu veranstalten, wie das beispielsweise in amerikanischen Kurorten gang und gäbe ist. Hier wäre eine besondere Aufgabe für den Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur, der so seine Tätigkeit in verdienstlicher Weise erweitern könnte. Der Erfolg

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.