Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1914)
- Date
- 1914-08-07
- Page
- Seite 381 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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381 satzes bekanntgewordenen kleinen Sammlung von im Juli vorigen Jahres vor protestantischen Geistlichen in Cambridge gehaltenen Vorträgen, die unter dem Titel „Das Alte Testament in der christlichen Kirche" erschienen sind I. Der Verfasser, Dr. Mc. Neile, ist Protestantischer Theolog, und wenn mein Aussatz ihm bekannt wäre, würde er bei ihm wohl keine Zustimmung, aber auch keine Ablehnung finden! Denn „Ungefähr sagt das der Pfarrer auch, Nur mit ein bißchen andern Worten." Oder vielmehr, die Sache, um die es sich handelt, erscheint nun, von verschiedenen Seiten, wie durch das Stereoskop gesehen, plastischer als ein einfaches Bild. Die vier Vorträge sind betitelt: I. Das Alte Testament im Neuen, II. Das Alte Testament in der jungen Kirche, Hl. Das Alte Testament in neuerer Zeit und die Kritik, IV. Die Religion Israels. Der Verfasser weist die häufige Benutzung des Alten Testaments durch die Evangelisten, ja durch Jesus selbst nach. So sind viele seiner Sentenzen in der Rede auf dem Oelberg aus dem Alten Testament genommen. Seine letzten Worte „Helvi, heloi lama sabachthani" (Mein Gott, warum hast du mich verlassen) in Evangelium Markus XV 34 sind ein wörtliches Zitat aus Psalm XXII 2 und anderes. Und wie ich, findet auch der Verfasser, daß Paulus, die Evangelisten und manche Kirchenväter das Alte Testament nicht immer ehrlich zitiert, mitunter tendenziös entstellt oder ausgelegt haben, namentlich Paulus habe in den Briefen an die Korinther, Galater und Römer nach rabbinischer oder talmudischer Methode ausgelegt, so z. B. im Galaterbrief III 16 sagt er zur Stelle in Genesis XVII 19: „Es heißt nicht deine Samen in der vielfachen Zahl, sondern in der einfachen dein Samen, worunter Gott den einen Samen, den einen Mittler Christus verstanden hat." Und in demselben Brief IV 22: „Abraham hatte zwei Söhne, einen von der Magd und einen von der Freien, damit sind allegorisch die zwei Testamente gemeint: das eine von dem Berge Sinai ist Hagar, die zur Knechtschaft gebärt, denn Hagar heißt in Arabien der Berg Sinai (?), und ihre Kinder sind dienstbar, jene aber, die Freie, ist Jerusalem." Weitere von Neile angeführte falsche Auslegungen lasse ich hier weg. „Dies ist rabbinische Methode," sagt er, „aber Paulus mußte, um seine Gegner zu bekämpfen, sich ihrer Waffen bedienen, er war eben „alles, alles"." — Es mag dies ein gutes System sein, aber ein ehrliches und aufrichtiges ist es nicht. Das alte Gesetz, meint er, war eine Art Provisorium, ein ungenügendes Auskunftsmittel Gottes, dessen er sich bediente, bis die Juden dessen Unzulänglichkeit einsahen und etwas Besseres kam. Klingt das nicht wie ein Zweifel an der Allmacht Gottes? Aber man mag dabei an Lessings „Erziehung des Menschengeschlechts" denken. Vielleicht schlimmer als die falschen sind die typischen Auslegungen alttestamentarischer Stellen, von Stellen, von denen unser Autor Beispiele anführt. Allein, verfällt er nicht in denselben Fehler, wenn er sich mit Gottes Abbekannt zeigt (S. 31)? Ja, er steht sogar „die mächtige Hand der göttlichen Vorsehung" in der Verbreitung der griechischen Sprache seit der Zeit Alexanders des Großen, „gerade da man sie brauchte, um die frohe Botschaft zu verbreiten, nach der die Menschheit sich seit langem sehnte". h The old testament in' the Christian church, by A. H. Mc. Neile D. D. fellow and deass of Sidney Sussex College, Cambridge, London, Society kor promoting Christian knowledge, North. Solche einseitigen Anschauungen muß man, an MoliereS Vous etes orfevre, Monsieur Josse! denkend, dem Stande des Verfassers zuschreiben und um so eher anerkennen, wo er sonst gerecht wird und jüdische Verdienste anerkennt. Ich könnte als Beispiele dafür, außer seiner Anerkennung der Leistungen jüdischer Bibelkritiker, noch manches andere anführen, aber ich finde, daß meine Besprechung im Verhältnis zu seinem Merkchen zu umfangreich ausfallen würde, und mache daher Schluß. Dr. Marcus Landau. Lur Bvn N. Al. N a t h n u. stehen wieder einmal mitten in der Reisezeit. Zu vielen Tausenden ziehen alt und jung hinaus in die Bäder nnd Sommerfrischen, ins Gebirge und an die See, um in Gottes freier Natur Leib und Seele zu erfrischen und dann wieder neu gestärkt in das eigene Heim und zur Arbeit zurückzukehren. Und es ist ein schönes Zeichen unserer Zeit, das insbesondere einem jeden wahren Juden eine wahre Herzensfreude sein muß, daß sich auch hier wieder der soziale und humane Geist unserer Zeit in umfassender Weise dadurch betätigt, daß die Segnungen des Aufenthalts an Kurorten und der Benutzung heilkräftiger Onellen auch den ärmeren und minderbemittelten Volksschichten zugängig gemacht werden. Wir Juden müssen häufig zu Ereignissen und Zeitfragen unsere besondere Stellung einnehmen. Die Wahrheit dieses Satzes zeigt sich auch, wenn wir der Reisezeit und allem, was damit zusammenhängt, unsere Betrachtung widmen. Da sind es zunächst die jüdischen Hotels und die rituellen Restaurants, welche in diesen Tagen ihren immer noch nach Tausenden zählenden Besuchern einen unendlichen Unterhaltungsstoff bieten. Leider ist das, was man sich da einander erzählt, meistens wenig erfreulicher Natur. Es muß freilich dankbar anerkannt werden, daß auch auf diesem Gebiete sich manches gebessert hat, und wenn wir nicht, um den Anschein einer versteckten Anpreisung zu vermeiden, darauf verzichten müßten, hier Namen zu nennen, so könnten wir eine ganze Reihe jüdischer Hotels namhaft machen, welche es mit jedem anderen nichtrituellen Hotel recht wohl aufnehmen könnten. Immerhin aber muß doch zugestanden werden, daß diese Hotels sich noch immer in der Minderheit befinden, und es müßte einmal rücksichtslos auch öffentlich ausgesprochen werden, daß die meisten rituellen Hotels den berechtigten Ansprüchen der Jetztzeit weder hinsichtlich des Aufenthalts noch hinsichtlich der Verpflegung und Bedienung entsprechen. Es würde zu weit führen, wollte man all die unliebsamen Erlebnisse nnd Erfahrungen, die man in unseren jüdischen Hotels machen kann, hier erörtern. Es genügt vielmehr, sestzustellen, daß in dieser Beziehung noch unendlich vieles geleistet werden kann und gebessert werden muß. Hier wäre eine dankbare Ausgabe für den Verein zur Förderung der rituellen Speisehäuser, der sich nicht damit begnügen darf, nur für die leibliche Kost zu sorgen, sondern der es mich als seine vornehmste Aufgabe betrachten müßte, auf die jüdischen Gastwirte erzieherisch einzuwirken. Es ist eine halbe Maßnahme — darüber sollte man sich nicht täuschen —, wenn man sich damit begnügt, nur für das Kaschrus zu sorgen, und im übrigen sich um Sauberkeit und Reinlichkeit nicht kümmert. Gerade wenn man das rituelle Speisen zu fördern sucht, müßte man hierauf sein Augenmerk richten. Mit einigen mehr oder minder netten Anekdoten, die man sich schmunzelnd und mit der bei uns Juden leider so verbreiteten Selbstironie erzählt, ist die Sache nicht abgetan, sie ist vielmehr eine der größten Sorgfalt würdige Angelegenheit für jeden Juden, dem unsere ff Geschrieben den 20. Juli 1914. Die Red.