Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1914)
- Date
- 1914-08-07
- Page
- Seite 380 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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380 gefunden hat, in unserer modernen Kultur theoretisch und praktisch zur vollen Geltung zu bringen. Damit ist noch lange nicht gesagt, daß in einer gleichmacherischen, darum langweilenden Uniformität, alle Eigenart der Individuen und Stämme aufgehoben werden soll. Hüten wir uns nur vor aller Einseitigkeit! Suchen wir das Nationale und das Universale, das Spezifische und das Allgemeine, das Jüdische und das Deutsche, das Europäische und das Menschliche in uns zu voller Harmonie zu vereinen. Lassen wir uns nicht verlocken von den Stimmen derer, die uns aus der Freiheit und Weite in die Enge eines wie immer gearteten nationalen Chauvinismus führen möchten. Bleiben wir Juden und Deutsche, die auf deutschem Böden jüdische und deutsche Kulturwerte zur Höhe reinen Menschentums aufgipfeln wollen. Die Zeit ist ernst, der Fragen sind viele, die Probleme sind brennend. Ja, wir sind „am Scheidewege"! Lnrk aus Amerika. Bon <3. ® e lt t j cf). Herr Redakteur! ^^^hr Artikel über die XXIV. Versammlung amerikanischer » Rabbiner in Nr. 21 Ihres geschätzten Blattes beweist, wie Sie selbst in einem Falle eingestehen, daß es schwer ist, aus der Ferne sich ein richtiges Urteil über Vorgänge zu bilden, zu deren Verständnis uns die Kenntnis des Milieus fehlt. Gestatten Sie mir daher einige kleine Berichtigungen. Der Titel von Simon R. Cohens Rede: „Without spot or Blemish" ist durch „Ohne Spott oder Tadel" unrichtig übersetzt. Es muß heißen: „Ohne Makel oder Fehl" und ist der Titel einer Predigt über Nr. XIX, 2. Die, wie sie mit Recht sagen, „für unsere Verhältnisie etwas merkwürdige" Beschlußfassung, von Heiratskandidaten eine ärztliche Bescheinigung ihrer Gesundheit zu verlangen, ist eine moderne amerikanische Marotte, ein Ausdruck, der kaum dem viel ausdrucksvolleren amerikanischen „sad" entspricht, eine Modetorheit, die aus der Bewegung der jetzt so populären Serualhygiene entsprang, und gleichzeitig mit der von Ihnen verurteilten frauenrechtlerischen Bewegung zusammenhängt, die, hier sicherlich nicht mit Unrecht, für den in die Ehe tretenden Mann dieselbe Moral verlangt, die für die Frau gilt. Die Resolution, welche erklärt, daß, obwohl höhere Löhne nicht unbedingt bessere Sittlichkeitsverhältnisse schaffen, daß aber solche Löhne der Arbeiterklasse eine größere Widerstandsfähigkeit gegen die Verführung zur Unsittlichkeit verleihen, haben Sie richtig aufgefaßt. Sie wundern sich aber, „ob solche Gegenstände überhaupt in eine Rabbinerkonferenz gehören". Das muß nun wieder vom amerikanischen Gesichtspunkt beurteilt werden. In Amerika ist die Predigt ein viel wichtigerer Bestandteil des Gottesdienstes und der Rabbiner — ebenso wie der protestantische Geistliche — ein viel wichtigerer Faktor im Gemeindeleben, als das in Europa wenigstens zu meiner Zeit der Fall war. Die Predigt sucht daher nach aktuellen Fragen als Themen. Die Ritualfrömmigkeit ist hierzulande, um mit Dickens zu sprechen, tot wie ein Sargnagel. Ich glaube zwar nicht, daß diese Verhältnisse in Westeuropa wesentlich anders liegen. Meine Anschauung beruht aus folgender Berechnung. Groß-Berlin zählt 150 000 jüdische Seelen. Angenommen, daß 40 000 im gewerblichen Leben tätig sind, und daß, wie mir neulich ein Mitglied des „Schomre Sabbatvereins" sagte, 1000 Personen den Sabbat geschäftlich feiern, so bedeutet das, daß 97,5 Prozent kein ritualmäßig korrektes Leben führen. Angenommen, daß mein Berichterstatter etwas schwarz sah, so ist es sicher, daß mehr als 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung Berlins und aller westeuropäischen Großstädte, vielleicht Frankfurt und Hamburg ausgenommen, in rituellen Dingen lax sind. Bei der größeren Achtung, welche in Europa dem Herkommen gezollt wird, ist es dem europäischen Rabbiner immer noch möglich, in allgemeinen Redewendungen von der idealen jüdischen Sabbatscier zu sprechen. Ich selbst hörte bei meinem letzten Besuche in Europa, einen anerkannten Prediger im elegischen Ton von der tiefen symbolischen Bedeutung der Zizith sprechen. Der Redner, nebenbei gesagt, ein Liberaler, drückte indirekt sein Bedauern aus, daß die schönen Symbole des altjüdischen Lebens geschwunden seien. So etwas ist auf der amerikanischen Kanzel — ich spreche natürlich nicht von den orthodoxen Einwanderern — einfach unmöglich. Man sucht nach aktuellen Fragen. Eine solche ist hier wie drüben die Arbeiterfrage. Wir haben aber eine viel zahlreichere jüdische Arbeiterklasse als irgendwo in Westeuropa. Um das zu illustrieren, brauche ich nur anzuführen, daß es in New York einen Verein jüdischer Schriftsetzer, in Philadelphia einen Verein jüdischer Bäcker und jüdischer Tapezierer gibt. Anläßlich eines Streiks erfuhr ich, daß in der New Yorker Krawattenindustrie nicht weniger als 5000 jüdische Mädchen beschäftigt sind. Das koschere Metzgergewerbe in New Jork beschäftigt 2500 jüdische Arbeiter. In der Bekleidungsindustrie Cincinnatis sind nach ziemlich genauer Schätzung 5000 bis 6000 jüdische Arbeiter tätig: In New York dürfte sich ihre Zahl auf nahezu 200 000 belaufen. Natürlich kommt es fortwährend zu Reibungen zwischen Kapital und Arbeit. Die Fabrikanten sind in weitaus den meisten Fällen führende Mitglieder der Reformgemeinden. Die Arbeiter hingegen Mitglieder der orthodoxen Gemeinden, außer daß sie ihre Kinder in die Religionsschulen der Reformgemeinden schicken. Der Rabbiner ist daher an der Lösung der Arbeiterfrage lebhaft interessiert. Oft wird auch seine Hilfe in der Beilegung von Arbeiterwirren in Anspruch genommen. Ob seine Autorität zur Lösung dieser wichtigsten Frage moderner Gesellschaft hinreicht, ist freilich ein anderes Problem, das jedoch seinen Wunsch, zu dieser Lösung beizutragen, nicht tangiert. Die Frage der „seerot kraternities", welche Sie allzuwörtlich mit „geheime Brüderschaften" übersetzen, kann ebenfalls nur aus der vollen Kenntnis des amerikanischen Lebens beantwortet werden. Diese „secret Iraternities" sind Studentenverbindungen, die sich mutatis mutandis den Korps der deutschen Universitäten an die Seite setzen lassen. Sie kennen zwar keinen Komment, Fechtboden und Frühschoppen, aber sie sind den jüdischen Studenten gegenüber ebenso exklusiv. Ihre Organisation ist nach dem Muster der hierzulande so verbreiteten geheimen Gesellschaften, Freimaurer, Pythiasritter, Odd Fellows, Forstleute usw. aufgebaut. Sie haben geheime Worte und Zeichen, zumeist oder vielleicht in allen Fällen, dem griechischen Alphabet entnommen. So gibt es eine Mi, ^i, Ypsilon, oder eine Beta, Chi, Omega Fraternity und was der Unsinn mehr sein mag. In diesen „Fraternities" finden sich natürlich die Millionärssöhne zusammen, welche, ebenso wie ihre Herren Väter sich gesellschaftlich von Juden sernhalten, während die Freimaurer- und ähnliche Gesellschaften hierzulande im Gegensatz zu den Verhältnissen in Deutschland die Juden nicht ausschließen. Ihre Verurteilung der Stellungnahme der Rabbiner zur Frage des Frauenstimmrechts erledigt sich durch die vorgehenden Bemerkungen. In Amerika betrachtet es eben der Rabbiner als sein Recht und als seine Pflicht, zu Fragen des öffentlichen Lebens, einerlei ob sie die Synagoge tangieren oder nicht, Stellung zu nehmen. Das Alte Testament im Christentum. u meinem in diesen Blättern (2. bis 23. Januar d. I.) erschienenen Aufsatz „Was haben die christlichen Theologen und Priester aus dem Judentum genommen?" fand ich eine Ergänzung in einer mir erst nach Erscheinen meines Auf-