Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1914)
- Date
- 1914-08-07
- Page
- Seite 379 (sequence 7)
- Language
- German
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379 Achad-haam, der Ostjude und Zionist, ist nun keiner von denen, die ihr Judentum und ihren Zionismus zusammenballen, in blinder Wut und leider oft genug auch in wüstem Geschimpfe, zu einem Kamps und Streit und Haß gegen die sogenannte „Assimilation". Niemals hat er die Assimilation geschmäht. Er sieht vielmehr in ihr, die nur richtig zu erfassen ist, eine an sich gesunde Bewegung. Er ist überzeugt, daß es die Aufgabe des Juden sei, die in ihm lebende nationale Eigenart zu vervollkommnen, und zwar nicht aus dem Wege jener Einseitigkeit, die immer wieder nur jüdische Werte in sich ausnehmen will. Vielmehr liegt nach ihm in dem Juden geradezu eine Kunst der Nachahmung, die ihn heißt, fremde Werte sich völlig zu eigen zu machen, um dann mit Hilfe so verstärkter Kräfte Neues zu schaffen und den anderen Konkurrenz zu bieten. Achad-haam fürchtet also nicht das Gespenst, mit dem der Zionist sonst sich und seine Gesinnungsgenossen zu schrecken Pflegt. Aber eine andere Furcht kennt er, die Furcht vor der Zersplitterung. Man kann nicht leugnen, daß hier ein Angstgefühl lebendig ist, mit dem der ernst denkende Jude zu rechnen hat und das gewiß geeignet ist, ihm Besorgnis einzuflößen. Es muß zugestanden werden, daß das heutige Judentum in Gefahr' ist, sich aufzulösen in eine Anzahl von Gruppen, so daß es damit wieder in einen Zustand geraten könnte, wie er den Ausgangspunkt der Geschichte seines in Stämme gespaltenen Volkes gebildet hat und der glücklich von ihm überwunden war. Gerade die Assimilation, die die Juden der verschiedenen Länder und verschiedenen Kulturmilieus in jeweils anders gearteter Richtung sich entwickeln heißt, könnte eine solche Gefahr herausvejchlvor^-n. -dui-um oej^uuuiuu, uem ualangt Achad-haam eine Zentralisation, und insofern ist er Zionist mit der ganzen Glut seiner Empfindung. Freilich ging er auch hier seine eigenen Wege. Wie sich schon aus den flüchtig angedeuteten Gedankengängen ergibt, ist seine „Zionsliebe" gerichtet zuerst und vor allem auf das Judentum. Die Not jüdischen Geisteslebens quält ihn im Innersten feines Herzens. Hier muß Hilfe geschaffen werden. Darum hofft und glaubt er, daß eine Bereinigung oder wenigstens Sammlung jüdischer Geisteskräfte in Palästina die erste und dringlichste Aufgabe unserer Renaissancebewegung in dieser Gegenwart sei. Palästina soll und muß der fruchttragende Boden jüdischer Geisteskultur werden. Dann erst, wenn diese Aufgabe erfüllt, oder aber zum mindesten hinter ihr zurückstehend, sei es die Notwendigkeit im alten Heimatlande, auch ein Heilmittel zu schassen für die Not des Volkes der Juden selbst. Wenn die Führer der modernen Judenheit aus den verschiedensten Lagern, vor allem auch aus den Kreisen des Zionismus sich mit Emigratwnspolitik oder anderen Wohlsahrtsbestrebungen, die die leibliche Not des Juden betreffen, wieder und wieder nach Kräften abmühen, wenn Herzl und seine Gesinnungsgenossen aus solchen und ähnlichen Beweggründen heraus den politischen Zionismus mit aller Energie zu fördern trachten, so wollte und will Achad-haam — gebrauchen wir das Wort — Kulturzionismus. Eben in Palästina, ihrer alten Heimat, soll die Kultur des jüdischen Geistes ihre Ps'leg-estätte finden. Dann wird sich ihr auch die materielle Kraft zugesellen, die imstande ist, der äußeren Not der Brüder zu wehren. Wahrhaftig ein langer Weg, der, wie zugegeben wird, Geduld erfordert im ursprünglichen Sinne dieses Wortes, daß noch vieles Leiden wird geduldet werden müssen, bis das Ziel der inneren und der äußeren Befreiung erreicht ist. Aber wieder geht Achad-haam hier zurück auf ursprüngliche, originale Erscheinungsformen des Judentums. Dem liegt ein ausgesprochener Sozialismus, d. h. völlige Hingabe der einzelnen an die Gesamtheit zugrunde. So hat auch heute und jetzt wieder diese alte jüdrsche Kraft im Opfermut des einzelnen für die Gesamtheit sich zu bewähren damit dann einmal das große Ziel erreicht wird. Und nun eine Idee oder vielmehr eine Forderung, die uns wiederum mit Sympathie für diesen Zionisten erfüllen muß. Er wünscht, daß nicht mit lautem Geräusch viel Aufhebens und Aufsehen gemacht werde von dem großen Kulturwerk, sondern still und bescheiden sei die Arbeit derer, die in wahrer „Zionsliebe" nicht aus wirtschaftlicher, sondern aus geistiger Not die Rückkehr nach Zion bereiten und eine Regeneration vor allen des Judentums, dann erst der Judenheit die Wege ebnen wollen. Dies in großen Umrissen die Grundgedanken eines Juden von tief ernster Gesinnung. Noch vieles ließe sich freilich von ihm selbst und von Ideen, die er geäußert, und von der Bedeutung, die er gewonnen hat, sagen. Unumstritten hat er beispielsweise für die Entwicklung der modernen hebräischen Prosa ganz Hervorragendes geleistet. Atanche Wahrheit, die zum mindesten aufnwrksame und eindringliche Untersuchung verdiente, hat er ausgesprochen. Ich erwähne als Beispiel seine Bemerkung, daß die „Wissenschaft des Judentums", von der ihr Altmeister Zunz und viele seiner Schüler geträumt, sie werde die innere Lebenskraft des modernen Judentums darstellen, wohl als ganz gutes Hausmittel, nicht aber als durchgreifende Medizin zu wirken imstande war und ist. Auch ist mit dankbarer Anerkennung der Kampf- Achad-haams zu begrüßen, den er gegen die Radikalen unter den ostjüdischen Literaten geführt hat, die eine „Umwertung aller Werte des Judentums, dabei ganz den Gedankengängen Nietzsches folgend, anbahnen wollten, ohne daß dabei der Meister unter den hebräischen Essahisten, den „Jungen" gegenübertretend, verkennt, was von der Lehre Nietzsches mit den Ideen des Judentums zu verbinden wäre. Und nun eine freilich nur kurze und flüchtige Kritik der Anschauung Achad-haams. Von welchem Standpunkt soll sie gegeben werden? Ich für meine Person denke natürlich zunächst an die Religion. Wie ich glaube, auch aus allgemeinen Gründen mit Recht in erster Reihe an sie. Denn Achad-haam, dem die „jüdische Kultur" der Brennpunkt seines Lebens ist, wird nicht leugnen können, daß wiederum im Brennpunkt dieser Kultur die Religion steht. Gewiß, die Religion in ihrer ganz spezifisch jüdischen Auffassung und Ausdrucksform.' Aber ist es nicht die höchst charakteristische Eigentümlichkeit jüdischer Religion nach ihrer prinzipiellen Entstehungsart und geschichtlichen Entwicklung, daß sie nicht ein Teilgebiet der Kultur ist und sein will, sondern diese ganz und gar bis in die äußersten Fasern zu durchströmen trachtet? Jüdische Kultur ohne Religion ist ein historischer Widersinn. Wer nun wie Achad-haam die jüdische Individualität mit den Kulturwerten auch anderer Gemeinschaften verbunden zu sehen wünscht, wird eben dann, wenn ihm als Menschen und als Juden wirklich die Religion den Sinn seines Lebens aufhellen soll, zu Anschauungen gelangen, die — ungefähr — in den Bahnen des liberalen Judentums oder der jüdischen Reform liegen mögen. Dabei ist natürlich der Raum gegeben und wird noch die Notwendigkeit bleiben für eine Fülle prinzipieller Auseinandersetzungen, geschweige denn von ins einzelne gehenden Meinungsverschiedenheiten. Und so verstehe ich Achad-haam nicht recht, warum gerade er mit solcher Verve gegen das sogenannte Missionsideal der Reform seinen Kampf führt. Gewiß es wäre, wie er sich ausdrückt, „ohne tiefinnigen metaphysischen Glauben nicht aufrecht zu halten". Aber gerade den will und sucht ja der liberale Jude, dessen Liberalismus nicht bloß in der Abschüttelung äußerer Formen besteht, dem es vielmehr ernst ist um einen Ausgleich und eine Verbindung jüdischer Religiosität mit den Strömungen modernen Kulturlebens. In diesem „tiefinnigen" Glauben wäre das von Achad-haam ersehnte, die Zersplitterung verhütende, in Wahrheit „geistige" Zentrum jüdischen Lebens gefunden, zugleich auch den vielen, von religiöser Sehnsucht getragenen Menschen der Gegenwart das anziehende Beispiel einer alten geschichtlichen Religion gegeben, die sich mit der Modernen im Einklang weiß. Wie schön wäre es, wenn ein tiefer Denker and ein stark empfindender Jude wie Achad-haam mithelfen würde, die Lösung dieser brennenden Probleme herbeizuführen! Daß seine eigenen Hoffnungen und Ideale für jenes — übrigens, so steht die Frage, orthodoxe oder Liberale? — jüdische Geisteszentrum sich erfüllen werden, glaube ich nicht. Er selbst gibt eine „tausendjährige" Wanderung bis zu seinem Ziele zu. Wie soll es möglich sein, dem Verlangen Achad-haams zu entsprechen, daß der Jude in lebendiger Arbeit Anteil nehme am Leben und Weben der Völker, mit denen er seine eigene Kultur verbinden soll, und trotzdem seine national-jüdische Charakteristik so lange bewahre, bis endlich einmal die verlangte große Vorarbeit in jenem jüdischen Geisteszentrum, in Palästina, geleistet ist? Oder soll schon die Existenz eines erst in der Entstehung begriffenen „geistigen Kulturzentrums" im fernen Palästina, sei es nun orthodox oder liberal, tatsächlich auf die Juden der ganzen Welt, sowohl die Orthodoxen wie die Liberalen, einen so tiefgreifenden, konservierenden Einfluß auszuüben imstande sein? Nein, selbst der Jude, der jede metaphysische Ueberzeugung aus seiner Weltanschauung zu streichen geneigt oder innerlich gezwungen ist, wandelt nicht gar so weit ab von den Bahnen, die auch Achad-haam vorgezeichnet, wenn er einen Typus edlen Europüertums oder, weiter gefaßt, reinen Menschentums schaffen hilft, das durchaus nicht mit dem billigen Schlagwort vom „verwaschenen Kosmopolitismus" abzutun ist. Es gilt das Allgemeinmenschliche, das der Jude zuerst entdeckt und in der ethischen Idee des Rechtsgedankens fundiert