Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1914)
- Date
- 1914-08-07
- Page
- Seite 378 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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378 Leben erschweren zu wollen; er wird ihnen um seiner selbst willen vielmehr darin nachzueifern suchen, wirtschaftliche Zwecke auch ohne politische Hilfsmittel zu erreichen. Die Behauptung, daß der Deutsche im freien wirtschaftlichen Wettbewerbe mit den Juden deswegen nicht bestehen könne, weil dieser sich unredlicher Mittel bediene, die anzuwenden der deutschen Sittlichkeit widerstrebten, ist albern. Aller Anfang ist unmoralisch und charakterlos wie die Wurzel einer Pflanze, deren Wachstum lauter Anpassung an äußere Umstände ist. Die Voraussetzung jeglicher Moral und Charatterhastigkeit ist ein Kraftüberschuß. Will man also Deutschtum und Judentum im Wirtschaftsleben moralisch werten, so darf man weniger fragen, wie deutscher und wie jüdischer Wohlstand entsteht, sondern vielmehr wie solcher wirkt. Ausschlaggebend ist hier der stärkere Wille, das über den notdürftigen Lebensunterhalt Erworbene in kulturwürdiger Weise zu verwenden. Dann aber braucht das Judentum einen Vergleich nicht zu scheuen. Und wenn man den Juden bei uns nachsagt, daß sie als Verbraucher von Kulturgütern Minderwertiges förderten, weil sie das Bessere nicht zu schätzen wüßten, 'so müßte es um so schlimmer für das wohlhabende Deutschtum fein, daß es von seinen angeblich besseren Zähigkeiten, Kulturwerte zu würdigen, so wenig Gebrauch macht, indem es solche so wenig verbraucht. Es gibt aus allen diesen Gründen keine moralische Rechtfertigung für irgendwelche Politische Zurücksetzung der Juden in Deutschland. Ssmtstsrat Dr. Wilhelm Stern, Arzt in Berlin und bekannter philosophischer Schriftsteller, vollendet am ll. August sein 70. Lebensjahr. Er ist in Sandberg (Provinz Posen) geboren. Sein Vater war der inStrelno bis in ein hohes Alter tätige Rabbiner Joachim Stern. Von ihm übertrug sich auf den Sohn die Hochschätzung der Literatur des Judentums und seines sittlichen Gehaltes. Wilhelm Stern bestand das Abiturientenexamen als Extraneus am Elisabeth-Gymnasium in Breslau. Dann widmete er sich in Breslau und Berlin dem Studium der Medizin und Philosophie. Im Jahre 1869 bestand er das medizinische Doktorexamen an der Universität Berlin und im Jahre 1870 das medizinische Staatsexamen gleichfalls in Berlin. Schriftstellerisch hat er sich fast ausschließlich ans dem Felde der Philosophie betätigt, und zwar hauptsächlich ans den Gebieten der Ethik, Psychologie und Rechtsphilosophie. Sein allgemeiner philosophischer Standpunkt ist der kritische Positivisinus. Er verwirft jede Art von Metaphysik und gründet die Ethik unabhängig von allen religiösen und metaphysischen Voraussetzungen auf Entwicklung und Erfahrung. Zu bemerken ist hierbei, daß Wilhelm Stern keineswegs die Religion an sich verwirft, sie vielmehr nnr als etwas von der Wissenschaft zu Trennendes aufsaßt. Er hat folgende Schriften verfaßt: „lieber tiefe Lage der Niere", Berlin 1869, „Kritische Grundlegung der Ethik als positive Wissenschaft", Berlin 1897 (Hauptwerk), „Die allgemeinen Prinzipien der Ethik aus naturwissenschaftlicher Basis", Berlin 1901, „Das Wesen des Mitleids", Berlin 1903, „Meine Auffassung der Willensfreiheit" (im „Bericht über den vierten internationalen Kongreß für Psychologie"), Paris 1901, „Ueber die Methode des Hochschulunterrichts in der Ethik" (in der „Berliner Hochschulzeitung"), Berlin 1901, „lieber den Begriff der Handlung" (in den „Philosophischen Aufsätzen", herausgegeben von der „Philosophischen Gesellschaft" zu Berlin zur.Feier ihres sechzigjährigen Bestehens), Berlin 1904. pm Scheidewege. Aus den K. C.-Blättern abgedruckt. Von Dr. Arnold Lazarus. ^Uchad-Haam — unter diesem Pseudonym verbirgt sich der Lon- ^\ doner Direktor der Filiale, die eine große russische Teefirma dort unterhält. Uscher Ginsberg ist der bürgerliche Name dieses bald sechzigjährigen Mannes, der in Rußland geboren, streng chasfidischen Kreisen entstammend,, sich in seiner Jugend die umfassendsten Kenntnisse der jüdischen Retigionstiteratur erworben, dann als Autodidakt auch weitreichendes Wissen aus dem Geistesschatz der europäischen Kulturvölker sich angeeignet hat. So ausgerüstet, gab er mehrere Jahre hindurch die bedeutende hebräische Monatsschrift „Haschiloach" heraus, bis er sich schließlich dom Berus des Kaufmanns zugewandt hat, ohne freilich seine wesentlich hebräische schriftstellerische Tätigkeit etwa ganz aufzugebeu. Eine Sammlung seiner Essays und Abhandlungen hat der „Jüdische Verlag" unter dem Titel „Am Scheidewege" nunmehr, d. i. 1913, in Zweiter Auflage herausgegeben. Professor Israel Friedländer aus New?)ork war es, der diese Abhandlungen in ein schönes lesbares Deutsch übertragen und das Buch mit Vorrede und anregender Einleitung versehen hat. Warum wir uns mit diesem Buch beschäftigen sollen oder, so will ich vielmehr sagen, müssend Weil uns in Achadhaam unstreitig der geistvollste Kops unter den Zionisten der Gegenwart begegnet. Gewiß verdient neben ihm Theodor Herzl auch die Verehrung und Bewunderung seiner Gegner, gerade wegen seines reinen unumstrittenen Idealismus, mit dem er sich der Sache des Judentums gewidmet hat. Aber es läßt sich doch nicht leugnen, daß Herzl, in seiner Erziehung bekanntlich dem Judentum als solchem entrückt, vielmehr ausschließlich von den Elementen westeuropäischer Geisteskultur erfüllt, eben weil er erst im reifen Mannesalter sich den jüdischen Geisteswerten zugewandt, nur dieses unaustilgbaren Mangels willen nicht als so ganz kompetenter Beurteiler des Judentums zu gelten hat. Umgekehrt ist hingegen, wie wir sahen, der Weg Achad-Haams, eines Mannes gleichfalls von ernstester Gesinnung, aufrechter Denkungsart, der aus dem Drang seiner Ueberzeugung heraus urteilt und spricht und weder durch Zustimmung noch Gegnerschaft in seiner Meinung sich beirren läßt. Mit einem Wort eine überaus sympathische Persönlichkeit, die in sich eine wundervolle Mischung von Kräften des Ostjudentums und westeuropäischen Kulturelementen vereinigt. Und gerade die erwähnte Tatsache, daß er die starken Seelemnächte des Chassidismus ikraft seiner Herkunft und Erziehung in sich -aufgesogen, gab ihm die Möglichkeit, über den nüchternen Rationalismus, in dem der Jude Westeuropas immer noch besangen ist, hinauszugehen und nicht nur aus der Kenntnis der Tatsachen und ihrer intellektuellen Wertung, sondern aus einem gehaltvollen Fühlen heraus seine Anschauung zu gestalten. Sanitätsrat Dr. Wilhelm Stern.