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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-08-07 · Heft 32 (7.8.1914) · p. Seite 375

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 32 (7.8.1914)
Date
1914-08-07
Page
Seite 375 (sequence 3)
Language
German
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375 Glaubensgenossen! Wir rufen Euch auf, über das Maß der Pflicht hinaus Eure Kräfte dem Baterlande zu widmen! Eilet freiwillig zu den Fahnen! Ihr alle — Männer und Frauen — stellt Euch durch persönliche Hilfeleistung jeder Art und durch Hergabe von Geld und Gut in den Dienst des Vaterlandes! Berlin, den 1. August 1914. Verband der Deutschen Juden. Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Mit großer Freude drucken wir diesen Aufruf ab. Er spricht in würdigster Weise die Gesinnung der deutschen Juden aus. Ein jeder kann sich betätigen: die Jünglinge und Männer, die zu den Waffen gerufen werden, Frauen und Jungfrauen, um der sozialen Hilssarbeit zu dienen und, sobald es nötig. Kranke und Verwundete zu pflegen. Auch wir Alten wollen es an uns nicht fehlen lassen. Und wenn es für uns nichts anderes zu tun gibt, so wollen wir ein Vorbild sein der Männlichkeit und Ruhe, wir Diener am Worte wollen nicht aufhören, zu mahnen zur Einheit, zur Entschlossenheit, zur Treue gegen das Vaterland. Allabendlich versammelt sich eine vieltausendköpfige Menge Unter den Linden und vor dem kaiserlichen Schloß. Am gestrigen Abend erschien der Kaiser an dem großen Fenster der ersten Etage über Portal IV und hielt ungefähr folgende Ansprache. Er danke für die Liebe und Treue, die ihm erwiesen werde. Wenn es zum Kampfe komme, höre jede Partei auf. Wir seien nur noch deutsche Brüder. In Friedenszeiten habe ihn ja wohl die eine oder die andere Partei angegriffen, das verzeihe er von ganzem Herzen. Wenn unser Nachbar uns den Frieden nicht gönne, dann hoffe und wünsche er, daß unser gutes deutsches Schwert siegreich aus dem Kampfe hervorgehe. 3. A u g u st. Die Russen haben ohne Kriegserklärung die preußische Grenze überschritten, wobei es zu den ersten kleinen Kämpfen kam. Daraufhin wurden dem russischen Gesandten in Berlin die Pässe zugestellt. Von Frankreich ist bisher nur eine ausweichende Antwort eingetrofsen. * 3. August, abends. Die Franzosen haben ohne Kriegserklärung die deutsche Grenze überschritten und in Deutschland aus Luftfahrzeugen an mehreren Stellen Bomben zu werfen versucht. Die Deutschen haben Alexandrowo, Kalisch, Czenstochau und Bendzin besetzt und Libau beschossen. * Außerordentlicher a l l g emeine r B e t t a g. Ich bin gezwungen, z u r A b wehr eines d u r ch nichts g e - rechtfertigten Angriffs das S ch w e r t z u ziehen und mit aller Deutschland zu Gebote stehenden Macht den K a m p s u m den B e st a n d des Reiches und unsere nationale Ehre zu führen. Ich habe Mich während Meiner Negierung ernstlich bemüht, das deutsche Volk vor Krieg zu bewahren und ihm den Friede!: zu erhalten. Auch jetzt ist es Mir Gewissenssache gewesen, wenn möglich den Ausbruch des Krieges zu verhüten; aber Meine Bemühungen sind vergeblich gewesen. Reinen Gewissens über den Ursprung des Krieges bin Ich der Gerechtigkeit unserer Sache vor Gott gewiß. Schwere Opfer an Gilt und Blut wird die dein deutschen Volke durch feindliche Herausforderung aufgedrungene Verteidigung des Vaterlandes fordern. Aber Ich weiß, daß Mein Volk auch in diesem Kampf mit der gleichen Treue, Einmütigkeit, Opferwilligkeit und Entschlossenheit zu Mir steht, wie es in früheren schweren Tagen zu Meinem in Gott ruhenden Großvater gestanden hat. Wie Ich von Jugend auf gelernt habe, auf Gott den Herrn meine Zuversicht zu setzen, so empfinde Ich in diesen ernsten Tagen das Bedürfnis, vor ihm Mich zu beugen und Seine Barmherzigkeit anzurufen. Ich fordere Mein Volk auf, mit Mir in gemeinsamer Andacht sich zu vereinigen und mit Mir a m 5. A u g u st e i n e n außerordentlichen a l l g e m e i n e n Bettag zu begehen. An allen gottesdienstlichen Stätten im Lande versammele sich an diesem Tage Mein Volk in ernster Feier zur Anrufung Gottes, daß er mit jtrt§ sei und unsere Waffen segne. Nach dem Gottesdienst möge dann, wie die dringende Not der Zeit es erfordert, ein jeder zu seiner Arbeit zurückkehren. Ich erwarte, daß alle zuständigen Stellen das zur Ausführung dieses Erlasses Erforderliche unverzüglich anordnen werden. Berlin im Schloß, den 2. August 1914. (gez.) Wilhelm. R. (grgez.) v. T r o t t z u S o l z. * Aufruf an dieBerliner Bürgerschaft. Der Magistrat von Berlin erläßt folgenden Aufruf: „B ürger-Berlins! Nach langen, gesegneten Friedensjahren sehen wir unsere Männer und Jünglinge wieder ins Feld rücken. Sie ziehen in einen Krieg, uns ausgezwungen durch h a ßerfüllte Feinde, gegen die wir in heiliger Notwehr stehen. Unser Volk ergreift die Wehr für deutsches Wesen und d e u t s ch e K u l t ur , für die Sicherheit des teuer erkämpften Reiches, für das Gleichgewicht in Europa. Nun gilt es, daß jeder sein Bestes gibt, nun ist die Zeit der Prüfung auf Mark und Kern gekommen. Zurück mit allem Denken an Geld und Gut, an Eitelkeit und Behagen. Wer jetzt, in der Stunde ernster Bedrohung des Reichsgebietes seinen Groschen aus den öffentlichen Kassen oder Geldinstituten in den eigenen Strumpf zu bringen sich abmüht, wer die Erregung dazu benutzt, um sich an den Lebensmittelpreisen zu bereichern, oder wer durch törichteVoreinkaufe den Preis treibt, der macht sich schwer verantwortlich vor seinen L a n d e s g e n o s s e n. Er ist schuldig, daß Deutsche in den Ruf kommen können, eine große Zeit durch Eigensucht und Kopflosigkeit zu entwürdigen. Das ist unsere Art nicht. Wir sind ein männlich treues Volk, das dem Rufe des Vaterlandes im Sturme folgt und sich mit Begeisterung um das Banner seines Kaisers schart. Berlin, die Reichshauptstadt, muh und wird in Opfermut u n d Selbstzucht v o r a n st e h e n. Ihr aber, Söhne Berlins, die Ihr kampffroh Euch dem Feinde entgegenwerft, nehmt mit Euch den heißen Wunsch Eurer Vaterstadt, daß Ihr unbeugsam in Tapferkeit bis ans Ende beharrt und durch Not und Schlacht steggekrönt heimkehrt. Berlin, den 3. August 1914. Der Magistrat der königlichen Haupt- und Residenzstadt. Wer m u t h." * Als erste Beiträge zur Unterstützung von Familien im Felde verwundeter oder erkrankter Krieger haben heute die jüdische Wohltätigkeitsgesellschaft M a g i n e Reim tausend Mark und die Miets unter st ützung a n st a t t der jüdischen Gemeinde fünfhundert Mark dem Oberbefehlshaber in den Marken Generaloberst von Kessel übersandt. * In einem Artikel der „Vossischen Zeitung" „Das Jubiläum des Luisenordens" wird erzählt, daß dieser Orden am 3. August 1814 gestiftet wurde. Er war zunächst für Frauen bestimmt, die sich im Kriege irgendwie ausgezeichnet hatten. Der erste Orden wurde von dem König seiner Schwägerin, der Prinzessin Wilhelm von Preußen, am 28. August 1814 übergeben; im Jahre 1816 wurde eine ganze Reihe von Frauen und Jungfrauen mit diesem Orden dekoriert. dann fährt der Artikel fort: „Bei der Einreichung der Vorschlagslisten im Januar 1816 erinnerte sich der König, daß zwei jüdische Frauen, die Medizinalrätin Hirsch in Königsberg und die Gattin des Bankiers Herz-Beer in Berlin, schon bei den ersten Vorschlägen zurückgestellt worden waren, und hatte darüber nachgedacht, wie wohl die Möglichkeit zu vermeiden

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