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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-08-07 · Heft 32 (7.8.1914) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 32 (7.8.1914)
Date
1914-08-07
Page
Seite 374 (sequence 2)
Language
German
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374 Wort gegen das Judentum äußern und noch so großer Korrektheit sich gegen uns befleißigen. So schwer es in mancher Umgebung auch sein nr.ag,, unsere Selbstachtung, unser Stolz, unser sittliches Empfinden zwingen uns, jede Berührung mit ihnen zu meiden, jeder Beeinflussung durch sie aus dem Wege zu gehen. Wie die christlichen Bekenntnisse sich mit diesen Neuankömmlingen abfinden, ob sie in ihnen erwünschten Zuwachs erblicken oder unter ihnen zersetzende Elemente vermuten, ist ebensowenig unsere Angelegenheit wie die Frage, ob die alldeutschen, völkischen Kreise sie jemals als vollwertige Kesinml'ngsgenossen ansehen werden. Für die Gesamtheit des Judentums ist die Abschließung gegen sie als eine beständige Gefahr ebenso notwendig, wie jene solidarische Geschlossenheit der einzelnen Berufsgruppen, insbesondere aber der akademischen Gruppe erforderlich ist, bereit, mit trotzigem Milte das Höchste im Dienste des Vaterlandes, seiner Wohlfahrt lmd seiner Kultur zu leisten, einen Glaubenswechsel aber unter allen Umständen als eine unsittliche Zumutung abzulehnen. Dann würden viele Ungerechtigkeiten unterbleibe!;, die unter den deutschen Juden hinreichend Verbitterung erregen, dann würde aber auch jenes Martyrium manches Forschers unterbleiben, von dem die Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland zu berichten weiß. Wäre eine solche Wendung möglich und erreichbar unter uns, dann wäre auch die Verirrung nicht mehr denkbar, die in der Kindertaufe ihren bedenklichen Ausdruck findet. Innerer Zwiespalt und äußere Entfremdung werden da in das eigene Geschlecht hineingetragen, die noch im Tode das Andenken der Eltern mit den Peinvollen Gefühlen der Kinder behaften muß. Die Uebertreibung der Sorge um die Zukunft der Kinder hat damit ein Ergebnis geschaffen, das uns schaudern macht. Leichthaftigkeit und Uebermut werden oftmals die Schuld tragen an dem Entschluß, dem Judentum den Rücken zu kehren. Armut und Not werden der M i s s i o n die Handhabe bieten, die im Leben Gescheiterten zu bekehren. Aber es ist ein stolzes Selbstzeugnis des Judentums, wenn die „Mission unter Israel" bei reinsten Mitteln und Austragungen nur sehr geringe Erfolge zu verzeichnen vermag. Wir bedürfen ihrer Fangarme und Netze nicht, unsere Religion gewährt uns die einzigartige Befriedigung, deren wir im Leben wie im Sterben bedürfen. Um so nachhaltiger muß die religiöse Erziehung, muß das jüdische Haus, muß der zu Unrecht befeindete religiöse Liberalismus darauf hinwirken und Hinweisen, daß wir bei aller Freiheit der religiösen Anschauung und Auffassung, bei aller Achtung vor anderen Bekenntnissen wissen, was uns dauernd von ihnen scheidet, und sesthalten an der Größe und Eigenart des Judentums. Sir Woche. Berlin, den 4. August 1914. 1. 3t u fl u ft. Alle anderen Angelegenheiten treten hinter dem furchtbarsten Ereignisse zurück, das lange gefürchtet, nun zur schrecklichen Wirklichkeit zu werden droht: der Weltkrieg oder wenigstens ein säst allgenieiner europäischer Krieg scheint unvermeidlich. Zwar haben einzelne kleinere und mittlere Staaten: Spanien, Portugal, die Schweiz, Belgien und Holland ihre Neutralität erklärt; die Balkanstaaten: Rumänien, Bulgarien, Griechenland und auch die Türkei werden sich vermutlich still verhalten, aber der Konflikt zwischen Lesterreich-Ungarn und Serbien hat die leider vorauszusehenden Folgen gehabt. Rußland hat mit unheimlicher Schnelligkeit mobilisiert. Diese Mobilisierung richtete sich nicht nur gegen Oesterreich, sondern auch gegen Deutschland, obgleich der Kaiser von Rußland noch am 30. Juli die Vermittelung des deutschen Kaisers erbeten hatte. Diese fortgesetzten ersichtlich gegen Deutschland gerichteten Strömungen zwangen den Kaiser von Deutschland, am 31. Juli Deutschland als in Kriegszustand versetzt zu erklären und an demselben Tage ein Ultimatum an Rußland zu stellen, bei dem die Frist zur Beantwortung am 1. August abends abläuft. Erfolgt keine zufriedenstellende Antwort, so ist der Krieg unvermeidlich. Gleichzeitig hat die deutsche Regierung an Frankreich die Anfrage gestellt, wie sie sich bei einem Kriege zwischen Rußland und Deutschland zu verhalten gedenke, und es scheint, nicht bloß nach der maßlosen Sprache der französischen Presse, sondern nach dem Bundesverhältnis zwischen Frankreich und Rußland als absolut notwendig, daß Frankreich die Antwort erteilen wird: es stehe auf Rußlands.Seite. Die Folge davon würde höchstwahrscheinlich sein, daß Italien, auch dies seiner Bundespslichten eingedenk, sich mit Deutschland und Oesterreich gegen Frankreich und Rußland verbinden würde. So würde Frankreich mit zwei Gegnern: Deutschland und Italien, Rußland mit Oesterreich-Ungarn und Deutschland die Waffen messen müssen. Die Stellung Englands ist bisher unbestimmt. Die Franzosen und wahrscheinlich auch die Russen hoffen, daß England ihnen zu Hilfe eilt, doch ist noch eine schwache Hoffnung vorhanden, daß entsprechend dem bisherigen Verhalten der englischen Regierung sich England einstweilen in den Kampf nicht mischen wird. So stehen wir am Vorabend furchtbarer, unerhörter Ereignisse; vor einem Weltbrande, wie er noch niemals existiert hat, dessen Folgen die entsetzlichsten sein können. Die Deutschen können sich mit gutem Gewissen sagen, daß sie in keiner Weise den Krieg provoziert haben, sondern zu den Waffen greifen müssen, einerseits wegen der geschworenen Waffenbrüderschaft mit Oesterreich-Ungarn, anderseits genötigt durch die gegen Deutschland gerichteten Strömungen Rußlands. Wir alle, die wir uns in diesem großen Augenblick voll und ganz als Deutsche fühlen, hegen die heiligsten Wünsche für den Sieg der gerechten Sache. Alle Parteiunterschiede, alle kleinen Streitigkeiten müssen schweigen, nur ein Wunsch durchzittert alle Herzen, der, daß die Sache der Gerechtigkeit siegen möge. Wir müssen versuchen, in diesen drangvollen Zeiten die Ruhe zu bewahren, den Mut nicht zu verlieren, und uns geloben, unsere Pflicht gegen das Vaterland zu erfüllen. # 2. 9t u g u ft. Gestern hat der Kaiser, da die Antwort Rußlands auf das von der deutschen Regierung gestellte Ultimatum nicht eingetroffen ist, die Mobilmachung des Heeres und der Flotte angeordnet. In verschiedenen Synagogen flocht heute bei der Morgenandacht der Geistliche folgendes Gebet ein: „Meine Brüder und meine Schwestern! Schwere, bitterschwere Ereignisse drohen unserem Vaterlande, bedrohen vielleicht die gesamte Welt. Wie immer der einzelne unter uns von ihnen getroffen werde, wir wollen in unserer Gesamtheit treu zu unserem Lande stehen. Gerade wir Juden wollen zeigen, daß altes Heldenblut in uns lebt, und daß wir in Jahrtausenden nicht umsonst gelernt haben, Opfer zu bringen, j Bisher standen wir in unseres Landes Schutz und Schirm. Jetzt, da das Vaterland von uns geschirmt und geschützt werden muß, soll es auf uns bauen können. Dazu verleihe uns der allmächtige Gott seinen Segen und seinen Beistand! Amen." Die Unterzeichneten Verbände haben gestern folgenden Aufruf erlassen: An die deutschen Juden! In schicksalsernster Stunde ruft das Vaterland seine Söhne unter die Fahnen. Daß jeder deutsche Jude zu den Opfern an Gut und Blut bereit ist, die die Pflicht erheischt, ist selbstverständlich.

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