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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-08-07 · Heft 32 (7.8.1914) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 32 (7.8.1914)
Date
1914-08-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 7. August 1914 78. Jahrgang. Nr. 32 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s«Prei5; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums^, Berlin SW, Jerusalemer Straße *6 *9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. TIfifttfllt* Randglossen. Von Stadtrabbiner Tr. S. Behrens in Göttingen. — Die Woche. — Sanitätsrat Dr. Wilhelm Stern. — Am Scheidewege. Von Dr. Arnold Lazarus. — Brief aus Amerika. Von G. Deutsch. — Das Alte Testament im Christentum. Von Dr. Marcus Landau. — Zur Reisezeit. Von N. Vt. Nathan — Feuilleton: Tie Geopferten. Novelle von Oskar Baum, Prag. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Hamburg, Kolberg, Leipzig, Hamm i. W., Dassel, Frankfurt a. M., Tübingen, Wien. — Von Nah und Fern. NanLglollen Von Stadtrabbiner Dr. S. Behrens in Güttingen I. Die Taufe. ie Taufe scheidet Juden und Christen. Dem einen ist sie ein geheiligtes Sakrament, die Grundlage seines Bekenntnisses und Glaubens, nur als solche scheidet sie völlig aus unserer Betrachtung, dem anderen ist sie das Eingangstor zu einem düstern und erschütternden Kapitel aus Vergangenheit und Gegenwart seiner Gemeinschaft. Von den Gefühlswerten einer versunkenen Epoche brauchen wir heute nicht zu handeln; dem Kulturmenschen im Rechtsstaat ist die alte Alternative fremd geworden: Taufe oder Tod: Exil. Eine jede birgt die Vernichtung wertvoller seelischer Kräfte in sich, nicht zu reden von den anderen Gütern, die der Habgier zum Opfer fielen. Das Auskunftsmittel des Mittelalters, das heiß umstritten war wegen seiner Berechtigung, das Marannentum, das das Christentum annahm in der Hoffnung, der Sturm werde vorübergehen, hat nicht minder aufgehört, den Gegenstand der Erörterung zu bilden. Nur Heuchelei könnte wagen, durch diesen Hinweis die L ü g e zu bemänteln, die mit dem Uebertritt zumeist sich vollzieht. Der Zwang ist gewichen, der freie Wille ist geblieben. Was treibt den Menschen, ein Bekenntnis zu ergreifen, das ihm wesensfremd bleiben muß? Warum soll die Untreue gegen die Gemeinschaft die Tragik mehren, die ohnehin herzbrechend groß ist? Nach einer hinreichenden psychologischen Erklärung dieser Erscheinung der Taufe wird man sicherlich vergebens ausschauen, denn nichts kann sie rechtfertigen. Nicht bloß das vielgenannte Uebergangszeitalter um die Wende des XIX. Jahrhunderts, als die europäische Kultur den Juden sich anschloß und im ersten- Ueberschwang gar viele geblendet waren von ihrem langentbehrten Licht, ist schuldig zu sprechen. Ununterbrochen eilt der Strom vorwärts und lehrt uns, daß eine Unsumme von Söhnen und Töchtern des Judentums uns durch die Taufe verloren gehen. Wir suchen sie längst nicht mehr ausschließlich auf den Höhen des Geistes und der Gesellschaft, die breiten Maßen des Erwerbslebens, zumal in den Großstädten, scheinen von der gleichen Welle erfaßt zu sein, die im Laufe des letzten Jahrhunderts so viele mit sich in die Tiefe gezogen hat. Um des Bekenntnisses willen leiden, verzichten, zurückstehen, entwuchsen sie dieser vornehmen sittlichen Pflicht, die einst ein Heldentum unter Juden in herberer Form erzog. In der Werkstatt, hinterm Ladentisch, im Hörsaal, im Laboratorium, in der stillen Werkstatt des Forschers ward die Furcht groß, die Feigheit und die Selbstzucht machen erfinderisch, und wir erfahren dann seltsame Gründe, die unsere Brüder zur Taufe bewegen. Wo aber blieb die Ehrfurcht, die Achtung und Liebe gegen die eigene Religion, wo die Einsicht, daß ein fremdes Bekenntnis nicht bloß mit den Lippen zu sprechen ist, sondern Einfühlung und Einleben in eine anders geartete Vorstellungswelt, in andere Traditionen erfordert, eine Voraussetzung, die dem Judentum nicht vollziehbar scheint? Daß man mit religiösen Einrichtungen kein frivoles Spiel treibe, daran haben Juden und Christen ein gleiches Interesse. Wie selten aber mag religiöser Ernst, eine tiefe Ueberzeugung das Motiv zu dem einschneidenden Schritt des Uebertritts abgeben. Wer gibt sich denn die Mühe, zuvor das Judentum noch einmal auf seinen Gehalt zu prüfen, wer hegt Verständnis dafür, daß es eine heiligende Macht des Lebens ist und mit seiner Tiefe und Weisheit Millionen beglückt, wer wird in Wahrheit die beiden Religionen gegeneinander abwägen, deren Bekenner einander achtend auf verschiedenen Wegen ihren Hochzielen zustreben mögen? In gar vielen Fällen ist doch hinter dem Entschluß verborgen der Kampf um die Existenz, die Sorge um die staatliche Macht, die die Kirche stillschweigend ausübt, der Druck, den doch nun einmal die Majorität auf die Minorität auch durch die Verschiedenartigkeit des Glaubens ausübt. Was uns im Wege des Gesetzes gesichert ward, wird uns auf dem Umwege der Verwaltung geweigert. Aemter, Ehren, Auszeichnungen fallen den Juden nur ausnahmsweise zu, nicht einmal immer nach Talent und Verdienst. Darunter leiden wir, dagegen sollten wir uns wehren. Aber dem Drucke weichen, ist schimpflich und schädigt unseren ehrenvollen Ruf. Der Aufrechten sind nur wenige, derer, die den Lockungen des „christlichen Staates" gefolgt sind, eine gar große Zahl. Sich selbst verleugnen und dann die Annehmlichkeiten einer besonders günstigen sozialen Position einheimsen, ist bequem und dünkt leider vielfach deren wissenschaftlichem Nachwuchs an deutschen Hochschulen ein erstrebenswertes Ziel. Wahrhaft betrübend sind die Angaben, die die Enqueten der letzten Jahre aus verschiedenen akademischen Berufsgruppen uns verraten haben, betrübend deshalb, weil die Abwendung vom Judentum der Achtung vor der Wissenschaft Eintrag tut, den Kampf um Gleichberechtigung und Anerkennung erschwert, und, wie Beispiele lehren, nicht selten uns in den Rücken fällt. Herrenlos sind diese Abgefallenen nicht, und Freundschaft ist es schwerlich, die sie an die einstigen Weggenossen bindet; ohne ein tief empfundenes Gefühl der Abneigung hätten sie uns nicht verlassen. Was man auch dagegen vorbringt, von ganz verschwindenden Ausnahmen abgesehen, sind es eitel Phrasen. Ihre Tat hat gegen uns entschieden, auch wenn sie nie ein

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