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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-31 · Heft 31 (31.7.1914) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 31 (31.7.1914)
Date
1914-07-31
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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mann Hermann Nindskopf, ist nach kurzer Krankheit verstorben. Mit dem Verblichenen verliert die Gemeinde ihren schafsenssrendigsten Förderer, der 12 Jahre lang in unermüdlichem Eifer D die Angelegenheiten der Gemeinde verwaltet hat. In weiten Kreisen erfreute er sich der größten Beliebtheit. Als langjähriger Stadtverordneter sowie als Mitglied verschiedener städtischer Kommissionen hat er mit Eifer für das Wohl der Stadt gearbeitet. Sein Leichenzug gestaltete sich deshalb zu einer Kundgebung der Liebe und Verehrung. Bürgermeister, Beigeordnete und Stadtverordnete, zahlreiche Freunde und Bekannte nahmen an dem Begräbnis teil. Die Freiwillige Feuerwehr und der Turnverein schritten dem Zug voran. Am Grabe würdigte Lehrer und Prediger Katzenstein das segensreiche Wirken des Verblichenen im Anschluß an das Prophetenwort Micha 6, 8. Im Anschluß an die Beerdigung veranstaltete die Gemeinde eine ergreifende Trauerseier in der wirkungsvoll in Trauerschmuck ausgestatteten Synagoge. Das verdienstvolle Wirken des Verstorbenen wird in der Gemeinde dauernd fortleben. E. M. Eisenach, 24. Juli. Nach mehr als dreißigjähriger Wirksamkeit legte Frau Lydia Stiebel ihr Amt als „Vorsitzende des hiesigen israelitischen Frauenvereins" aus Gesundheitsrücksichten nieder. An ihre Stelle tritt die seitherige stellvertretende Vorsitzende, Frau Marta Weinstein, hier. Frau Lydia Stiebel, eine hochgebildete, geistreiche Dame, hat den Verein aus geringen Anfängen zu seiner heutigen Blüte gebracht, so daß er jetzt fast alle Frauen der hiesigen Gemeinde umfaßt. Sie hat es verstanden, dem Vereine immer neue Anregungen zu geben und Interesse für alle gemeinnützigen Bestrebungen zu erwecken. Ihr Scheiden aus dem Amte wird lebhaft bedauert. Als Anerkennung für die langjährigen Dienste, die Frau Stiebel dem Vereine geleistet hat, wurde ihr ein wertvolles Buch von dem Gesamtvorstand des Frauenvereins überreicht und zugleich der Dank des Vereins ausgesprochen. Auch im hiesigen allgemeinen Frauenbildungsverein, der sich aus Mitgliedern aller Konfessionen zusammensetzt, hat Frau Stiebel viele Jahre den Vorsitz geführt. Aus dem oben genannten Grunde legte Frau- Stiebel auch hier das Amr als Vorsitzende nieder, was allgemeines und lebhaftes Bedauern erweckt,- da Frau Stiebel sich auch in diesem Vereine sehr betätigt hat. EXD Alzey (Nheinhessen), 24. Juli. Am 15. d. M. waren es 25 Jahre, seitdem Herr A b r. Stern das Amt des Kantors und Lehrers in hiesiger Neligionsgemeinde bekleidet. Die Gemeinde hatte diese Gelegenheit gern wahrgenommen, um dem Jubilar Anerkennung zu bezeigen. Eine große Zahl von Gratulanten hatte sich eingesunden. Am Vormittag erschienen der grohherzogliche Rabbiner, Herr Dr. Lewit und der Gemeindevorstand. Herr Theodor Wolfs hatte im Namen des Vorstandes ein wertvolles Ehrengeschenk der Gemeinde überbracht unter freundlichen Lobesworten besonders des friedlichen Wirkens. Herr Rabbiner Dr. Lewit führte in längerer, herzlicher Ansprache aus, daß Herr Stern als Kantor und Lehrer segensreich gewirkt, wie er sich die Sympathie der Gemeinde und der christlichen Bevölkerung erworben, wie er die jungen, angehenden Lehrer vom hiesigen großherzoglichen Lehrerseminar für das Kantorat tüchtig vorbereite, so daß eine große Anzahl Lehrer, die nun in Amt und Würden sind, dankbar zu ihm aufblicken. Der Jubilar antwortete den Rednern mit verbindlichen, herzlichen Worten und dankte für das freundliche Entgegenkommen. Es bereite ihm eine große Befriedigung, daß der Vorstand die Pensions- und Reliktenversicherung geregelt und die Kosten gänzlich aus eigene Schultern genommen. — Auch der Synagogenchor, dessen Dirigent der Jubilar ist, hatte seine Glückwünsche mit einem Geschenk verbunden. Es waren viele Telegramme und Gratulationsbriefe von Kollegen, Freunden und früheren Schülern eingegangen. Der hessische Lehrerverein hatte „dem verdienstvollen Vorstandsmitglied und wackeren Mitkämpfer" telegraphisch die Glückwünsche übermittelt. Heidelberg, 24. Juli. Am 5. d. M. tagte hier unter dem Vorsitz des Bezirksrabbiners Herrn Dr. Pinkuß die Lehrerlonferenz aus den Bezirken Heidelberg, Ladenburg, und Sinsheim. Nach den herzlichen Begrüßungsworten des Herrn Vorsitzenden erledigten sich zwei Referenten ihrer Themen mit großer Meisterschaft. — Herr Rosenberger-Sinsheim sprach über die Genesis und den Aufbau des Schmone Gsreh nach dem bekannten Werke des Dozenten E l b o g e n - Berlin und wußte die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer durch eine Fülle, neuer Gesichtspunkte und durch die mit Bienenfleiß zusammengetragenen Belegstellen geistreich zu fesseln. Der Gang durch die Jahrtausende unseres Gebetes, die Etymologie der Begriffe Tefilo, Siddur, Machsor und seiner Paitanim — alles dieses entstand vor dom Auge der Zuhörer und kristallisierte sich zu der unumstößlichen Zugkraft unserer Gebete, aus denen wieder andere Bekenntnisse ihre Anleihen gemacht haben. — Herr Herz- Wollenberg behandelte die „Methodik beim biblischen Geschichtsunterricht nach Herbart-Zillerschen Grundsätzen" in interessanter, belehrender Weise und verstand es, dem Thema viele begehungswerte Wege vorzuzeichnen, deren Einschlagung große Erfolge verwirklichen werden. Der Vorsitzende dankte den Rednern für ihre vorzüglichen Arbeiten, deren Veröffentlichung von großem Interesse auch für die Allgemeinheit sei, und konstatierte aus dem großen Beifall das allseitige Einverständnis, das die erzielte Wirkung auf die Zuhörer bekundete, die auch von einer eigentlichen Diskussion Abstand nahmen. Bei dem angeschlossenen Mittagessen wurde manches geistreiche Wort gewechselt, das in der Hauptsache auch das schöne Verhältnis des Vorsitzenden zu seinen Lehrern erörterte. * Kutzland. Z. Petersburg, 24. Juli. Der russische Unterrichtsminister K a s s o, der trotz aller Enthüllungen über sein skandalöses Treiben noch immer an der Herrschaftskrippe sich befindet, kennt nur ein Mittel, um auf seinem Posten bleiben zu können: Er folgt strikte den Weisungen der „echten" Russen und selbst der Pogromagitatoren des Doppeladlers. Ein Grieche von Geburt, dem die Abstammung selbst an der Sprache anzumerken ist, ist er „echtrussischer" als die abstoßendsten „echten" Russen. In diesen Tagen hat er sich nicht gescheut, ein ausführliches, genau detailliertes Zirkular an seine Untergebenen zu schicken betreffs der Art, wie die Verlosung bei der Aufnahme von jüdischen Kindern in die Unterrichtsanstalten vorzunehmen sei. Es ist rin einzigartiges Denkmal russischer Kultur (?), das künftigen Generationen ohne lange Kommentare kaum noch verständlich sein wird. Sicher ist jedenfalls das Streben des Ministers, durch das Mittel der Verlosung auch noch die geringe Prozentnorm, die für die Aufnahme von jüdischen Kindern festgesetzt rst, zu kürzen. Indes die Aktion Kassos ist ja zum größten Teil nur noch eine genaue Festsetzung dessen, was bereits seit einigen Monaten der Fall ist, und bietet den Juden heute in Rußland kein solch aufregendes Novum. Wirklich aufregend hingegen ist die entsetzliche Kampagne, die augenblicklich in aller Stille gegen die Kiewer Juden geführt wird. So herrscht in Kiew seit iurzem jetzt eine unbeschreibliche Panik. Zehntausende von Juden erwarten tagtäglich den Ausweisungsbefehl, obschon sie auf Grund eines unanfechtbaren Gesetzes seit Jahrzehnten in Kiew ihr Domizil haben. Unheimlich geradezu ist die Situation der dortigen jüdischen Handwerkerschaft, die eine solche Katastrophe noch niemals durchgemacht hat. Schlimmer als die beiden blutigen Pogrome der Jahre 1881 und 1905 würde diese Massenausweisung, wenn sie zur Durchführung gelangt, auf das Wirtschaftsleben der Kiewer Juden wirken. Gibt es doch in Kiew kaum einen Handwerkszweig, zu dem nicht die Juden die stärksten Arbeitermassen stellen. Wer einmal in Kiew die Werkstätten der Schneider und der Schuster, der Tischler wie der-Uhrmacher, der Hufschmiede wie der Schlossermeister und alle die anderen sich angeschaut hat, der staunt geradezu über den Anterl der jüdischen Hände au diesen Arbeitszweigen. Und nun eine solche Katastrophe über diese gesamte Bevölkerungsschicht! — Von jeher war es Sitte der russischen Regierung, wenn sie aus verhängnisvollen reaktionären Gesichtspunkten neue Judenbeschränkungen einführte, ihre Brutalitäten mit dem Hinweis zu rechtfertigen, daß die Juden keine produktiven Arbeitermassen stellten. Längst ist diese Behauptung durch die Statistik derselben Regierung widerlegt worden, längst steht es fest, daß über ein Drittel der russischen Judenheit allein vom Handwerk lebt, und Kiew selbst war durch seine Handwerkermassen einer der schwersten Belege gegen die grundlosen Anschuldigungen der tendenziösen Reaktionäre. Durch ihren neuesten Schlag, mit dem die russische Regierung die unzweifelhaft produktiven Elemente des Kiewer Judentums treffen will, beweist sie aber selbst den Blindesten, wie wenig ernst es ihr um die von ihr in sämtlichen Kommissionssitzungen und Memoranden angegebenen antisemitischen Motive war, beweist sie, daß sie auch nicht einen Augenblick an die Wahrheit des Vorwurfs geglaubt hat. Sonst könnte sie doch nicht auf den wilden Gedanken kommen, viele Tausende von Handwerkern, die einzig und allein

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