Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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ihrem Berufe obliegen, zu entwurz-elu. Aus wohlinformierten Kreisen behauptet man allerdings, daß dieser Schritt aus Betreiben der winzigen, aber einflußreichen Gruppe des Kiewer Doppeladlers erfolgt ist. Eiugeschüchtert durch ihre Erpressungen und Drohungen, haben die Lokalbehördeu sich bereit gesunden, auf eigene Faust das Gesetz umznsLvßen und durch eine willkürliche Verfügung einen Modus zu finden, auf Grund dessen sie etwa bierzigtausend Seelen an den Wander- und Bettelstab zu bringen beabsichtigen. Seit den Moskauer Tagen zu Beginn der neunziger Jahre, seit jenen Austreibungen, die seinerzeit die gesamte europäische Kulturwelt empörl haben, ist eine derartige Massenausweisnng nicht erfolgt. Kiew selbst aber wird, wenn die Maßnahme verwirklicht werden sollte, zu einer Ruine werden, und es ist wohl kaum ein ähnlicher Fall aufzuweisen, daß Behörden ohne den geringsten Anlaß in solch frivoler Weise ihre Stadt zugrundezurichten versucht haben. Daß neben diesen Kiewer Massenausweisungen auch sonst in zahlreichen Gebieten Rußlands in gleichem Sinne gewütet wird, braucht nicht erst wiederholt zu werden. Ter allerjüngste Schauplatz für solche Ausweisungen sind die Kreise Nowgorod-Sewersk, Surasch, Mglin und Rowosybkow des Gouvernements Tschernigow, in denen gleichfalls Massenausweisllngen von Juden aus den Dörfern verfügt wurden. Handelt es sich hier auch nicht um eine solche Kalamität wie in Kielv, so ist auch in diesem Fall nicht gering die Zahl der Betroffenen, und nicht wenige sind darunter, die daselbst seit Jahrzehnten wohnen und seit Jahrzehnten Immobilien besitzen. Das sind die allerjüngsten Nachrichten, es vergeht aber auch kein Tag, an dem nicht eine Nachricht von einem ähnlichen Vorgehen dieses oder jenes Gouverneurs die Oesfentlichkeit beunruhigte. Die „echtrussische" Epidemie wütet eben am heftigsten gegenüber den schutzlosen Juden. Von jRaft und jfrrn. — Dem Direktor des Kaiser-Wilhelm-Jnstituts für experimentelle Therapie, Geheimen Medizinalrat Professor Tr. v. W a s s e r m a n n , ist das Dssizierskreuz der französischen Ehrenlegion verliehen worden. Herrn Ernst Wallach in Berlin ist der Kronenorden 3. Klasse verliehen worden. Ter Genannte ist unter anderem Mitglied des Vorstandes des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, des Vereins Genesungsheim in Lehnitz usw. — Am 24. d. M. starb in Berlin im 74. Lebensjahr, der Rentier Herz Berliner, Ehrenmitglied der jüdischen Gemeinde in Schneidemühl. Der Verstorbene hat eine lange Reihe von Jahren zuerst als Repräsentant, dann als Vorsitzender des Vorstandes in der Synagogengemeinde Schneidemühl ein reichgesegnetes Wirken entfaltet und an allen Besrrebungen zur Hebung des Judentums den regsten Anteil genommen. — Aus Laurahütte (Oberschlesien) wird uns geschrieben: Durch Kabinettsorder vom l7. Juni dieses Jahres ist dem Kaufmann Willy Reichm a n n die „Erinnerungsmedaille für Rettung aus Gefahr" verliehen worden. Herr Reichmann hat voriges Jahr eine junge Frau vor dein Tode des Ertrinkens im großen Hüttenteich gerettet und dabei seltene Unerschrockenheit und großen Akut bewiesen. — In der letzten Ttadtverordnetensitzung in Grone an der Brahe wurde das Magistratsmitglied Beigeordneter und Stadtältester, Ehrenbürger Eohn in sein Amt eingeführt. Gleichzeitig fand die feierliche Ueberreichung des künstlerisch ausgeführten Ehrendiploms als Ehrenbürger beziehungsweise Stadtältester statt. — Herr Kommerzienrat Ma nasse in Stettin erhielt den Kronenorden 3. Klasse. . Von zu rer lässiger Seite wird uns mitgeteilt, daß Dr. Salom o n, welcher nach Hamburg an das dortige Kolonialinstitut berufen wurde, längst getauft ist. —- Den hundertsten Geburtstag beging Herr M. Katze n st e i n in Gelsenkirchen. Zum 2. Rabbiner in Essen (Ruhr) wurde Dr. Paul L a z a r u s , Schüler des jüdisch - theologischen Seminars zu Breslau, gewählt. Aus Karlsruhe i. B. wird gemeldet: Herrn Landgerichtsdirektor Dr. Stein-Mannheim wurde das Kommandeurkreuz 2. Klasse, Herrn Geheimen Oberregierungsrat Dr. David Mayer, Vorsitzender des Oberrates der badischen Israeliten, das .Kommandeurkreuz 2. Klasse vom Zühringer Löwen verliehen. — Das Ritterkreuz 1. Klasse erhielt Landgerichtsrat Dr. Adolf Homb u r g e r. — Ferner wurden anläßlich des Geburtstages des Großherzogs Auszeichnungen verliehen an: Oberamtsrichter Dr. Otto Levis- Pforzheim, Oberamtsrichter Dr. Moritz Elsässer- Pforzheim, Professor Dr. Emil B l o ch-Freiburg i. B., Notar Dr. Max S ch w a r z s ch i l d - Karlsruhe, Notar Dr. Emil O v e n h e i m e r - Pforzheim, Rechtsanwalt Otto G u t m a n n - Karlsruhe, Mitglied des israelitischen Oberrates Dr. Theodor Kauf m a n n - Heidelberg das Ritterkreuz 1. Klasse; das Ritterkreuz 2. Klasse vom Zähringer Löwen an: Emil Carlebach-Heidelberg, Ernst Weil-Karlsruhe, Bankier Gustav D r e y f u s - Gernsbach; das Verdienstkreuz vom Zähringer Löwen an: Kaufmann Emil O e st r e i ch e r - Berlin, Vorsteher Ludwig Rothschild -Gailingen. Außerdem fanden noch viele andere Ernennungen und Auszeichnungen statt. — Die israelitische Kirchengemeinde in Hochberg (Württemberg) ist mit Genehmigung des Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens aufgelöst worden. — In der kleinen Gemeinde Hilbringen haben sämtliche 7 «Löhne der Witwe Ludwig Salomon des Kaisers Rock getragen. Der Jüngste wurde letztes Jahr entlassen. Dieser Fall beweist ebenfalls das Gegenteil von der Minderwertigkeit der Israeliten als Soldaten. — Die ungarischen Juden haben wieder einen traurigen Rekord geschlagen. Laut dem soeben erschienenen amtlichen Ausweis sind nämlich im Monat Mai in Ungarn zwischen Juden -und Christen 76 Mischehen geschlossen worden. Es ist dies die höchste Monatsziffer, welche Ungarn bisher auf diesem traurigen Gebiet aufzuweisen hat.— In Tarnow feierte der bekannte hebräische Schriftsteller M. D. Brandstütter seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar war einer der ersten, die ein modernes Hebräisch schrieben, und einer der Besten. Einige seiner Erzählungen sind ins Deutsche übertragen. — Aus Paris wird uns geschrieben: Der Professor an der Rechtsfakultüt in Lille Henry L e v y - Ullmann wurde zum Chef des Kabinetts des Ministers für öffentliche Arbeiten ernannt, und zu seinem Stellvertreter der Advokat am Appellationshofe Marcel Cae.n. Ernannt wurden ferner: M. Strauß zum Sous-Chef des Kabinetts des Kriegsministers, der Eskadronchef des zweiten Regiments der Gebirgsartillerie C a r e n c e zum Mitgliede des Oberstaatsrates des Kriegsministers, Universitätsdozent Albert M i l h a u d zum Chef des Kabinetts des Ministers für Arbeiten und soziale Fürsorge, M. Bloch zum Kabinettschef des Staatssekretärs des Innern. — Als Sir Julian G o l d s m i d, London, 1896 starb, hinterließ er außer zwei mit Juden verheirateten Töchtern (die eine mit Sir Charles Jessel verheiratet) eine unverheiratete Tochter. Diese Tochter trat durch den Einfluß ihrer katholischen Gouvernante zum Katholizismus über, wurde Nonne und übergab ihre großen Einnahmen ihrem Orden. Jetzt ist sie geisteskrank geworden, und es schwebt ein Prozeß zwischen dem Orden und der Familie, da der Orden auch jetzt noch das Einkommen seiner Nonne in Anspruch nimmt. — Aus Kiew wird gemeldet: Räuber drangen in die Villa des Millionärs Jacob Katz, streckten diesen sofort durch Schüsse nieder und erschossen dann nacheinander die Frau, ferner zwei Söhne und zwei Töchter. Sie richteten in dem Hause furchtbare Verwüstungen an. erbrachen alle Behältnisse und raubten zahlreiche Gegenstände. Nur der jüngere Sohn, der sich unter einem Teppich versteckt hatte, ist von der ganzen Familie am Leben geblieben. — Mr. A. Blu m aus New-Bork, der in Amerika Inhaber einer Fabrik zur Erzeugung künstlicher Zähne war, hat sich in Jaffa niedergelassen und geht daran, hier einen ähnlichen Betrieb einzurichten. Herr Blum hofft, in diesem Unternehmen Hunderte von jüdischen Arbeitern beschäftigen zu können. — Zwei andere amerikanische Juden, die Herren Levinson und Pollak, beabsichtigen in Jerusalem eine große Kleiderfabrik nach amerikanischem Muster zu gründen. — In den „Annales Africaines" erzählt ein Tourist, daß er im Hauptort der Oase Fignig, im Ksoursel-Ondaghir, Juden angetrosfen habe. Er lobt die Gastfreundschaft derselben und die Schönheit ihrer Frauen, unter denen viele wegen ihrer blonden Haare und blauen Augen ausfallen. Es ist den Juden bei Todesstrafe die Abschließung von Geldgeschäften verboten und ebenso ist ihnen der Erwerb von Gürten und Häusern untersagt. — In Montreal (Kanada) wurde kürzlich, wie die. „New Bork Times" berichtet, das jüdische Mitglied des städtischen Munizipiums B l u m e n t h a l zum Bürgermeister gewählt. Diese Wahl ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil bekanntlich der hauptsächlich aus Frankreich eingewanderte katholische Klerus in Kanada zum Teil mit Erfolg eine antisemitische Propaganda inauguriert hat. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 53. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnlander, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. k' \