Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- Seite 371 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229155--70611-3282966- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Buch ist eine Sammlung von Plaudereien des berühmten Künstlers, der seine Persönlichkeit hervorhebt und, wie es in einem derartigen Bekenntnis durchaus berechtigt ist, seine Zu- und Abneigung recht deutlich' ausspricht. Er ist kein Moderner und wendet daher ziemlich starke Ausdrücke gegen Richtungen an, die ihm wenig oder gar nicht behagen. Auch manche andere kleine Satiren und polernische Aufsätze gegen Dinge, die mit dem Theater nicht zusammenhällgen, z. B. gegen das Strafporto, finden sich in dem unterhaltenden Buche. Für unsere Zwecke besonders interessant ist ein größerer Aufsatz: „Zur Inszenierung von Gutzkows Uriel Acosta", wo sehr viele beherzigenswerte Winke gegeben werden. Der genannte Aufsatz sowie viele andere sind voll von Anekdoten, die mitunter recht amüsant sind, z. D. die des Bankiers Speyer, der Gutzkow wegen seines Stückes sehr belobte und mit den Worten schloß: „Schade, daß es keine Oper ist." Ferner die eines adligen Herrn in Weimar, der Barnay wegen seiner Darstellung der Hauptrolle in Gutzkows Stück sehr pries, aber das Stück tadelte, weil ein vornehmer Dichter in einem ernsten Drama eine so faule und abgebrauchte Redensart gebrauchte, wie: „Alles schon dagewesen!" Auch eine andere über eine Vorstellung des „Uriel Aeosta" in Fürth ist interessant. Auf die Frage des Regisseurs nämlich, wie Barnah den Tisch des Rabbi Akiba dargestellt wünsche, hatte dieser geantwortet: „Ganz einfach, grüne Tischdecke, Tintenzeug, Gänsefeder, einige alte Bücher, — kurz, ganz wie ein Gerichtstisch." Tann fährt Baruay fort: .„An das letztere Wort klammert sich nun der gute Mann, und im vierten Akte erblickte ich zu meinem Entsetzen mitten auf dem Tisch der jüdischen Rabbiner ein sehr hübsches — Kruzifix." L. G. — S. I. B r a s u l - B r u s ch k o w s k i. Die Wahrheit über den Mord Juschtschinski und den Prozeß Beilis. Feuerreiter-Verlag. Verlin-Schöneberg, Kurt Schmeltzer und Robert Rosen. Preis 80 Pf. Tie kleine Schrift erinnert an vergangene Zeiten, die glücklicherweise vorüber sind, leider aber immer wiederkehren können. Es ist eine lehrreiche Geschichte, von einem genauen Kenner dargestellt. Sie bringt wohl nichts Unbekanntes, denn das meiste, was hier erwähnt worden ist, wurde in unserer Zeitung und in Tages- und Wochenblättern vielfach berichtet, aber es bleibt ein historisches Dokument von trauriger Bedeutung, das in bequemer Weise das zusammenstellt, ums man sonst in vielen Blättern mühsam Nachlesen muß. L. G. *#• — Ernst Sartorius. Uebersicht der neueren jüdischen Literatur aus jüdischer Feder für weitere Kreise. (Literarischer Handweiser Zunächst für alle Katholiken deutscher Zunge. 51. Jahrgang. 1913. Nr. 22—23.) Gern weisen wir auf diese ungemein fleißige Bibliographie hin, die um so willkommener ist, als sie sich in einem für katholische Leser bestimmten Blatt befindet. Der Verfasser, der unseren Freunden durch manchen Beitrag in unserer Zeitung bekannt ist, teilt seinen Stoff in Allgemeines, Talmudübersetzungen, Philo, Josephus, Kabbala, Apologetik, Polemik, Geschichte (allgemeine und spezielle), Rechtsverhältnisse usw. ein. Auch das Belletristische wird gewürdigt. Der Verfasser ist nicht bloß Bibliograph, sondern auch Rezensent, der aber gern anerkennt und nicht bloß zu tadeln versucht. Seine Zusammenstellung, die manchmal weit ausholt und neben dem Neueren vieles Alte zusammenstellt, ist auch für jüdische Leser sehr nützlich. L. G. * — Notess urleJddaisme Liberal (de 1 750a 1913) par Georges Rivals. Paris, Librairie Critique Emile Nourry, 14 Rue Notre-Dame de Lorette. 1913. Prix: 1 fr. 95. Das merkwürdigste an dieser Schrift ist, daß sie, eine Examensarbeit, von einem protestantischen Theologen herrührt und von einem Genfer Privatdozenten der Geschichte inspiriert worden ist. Allerdings hat auch der liberale Rabbiner in Paris, Louis Lövy, Materialien zu der Arbeit geliefert. Sie ist mit einer für einen Franzosen sehr achtungswerten Kenntnis der deutschen Quellen bearbeitet: unsere Zeitung.wird bezeichnet als „Fundgrube von unerschöpflichen! Reichtum für das moderne Judentum". Nach einer ziemlich langen Einleitung, die mit der Sache nicht viel zu tun hat, werden in sechs Kapiteln folgende Gegenstände behandelt: „Moses Mendelssohn; Die Aufklärer des 18. Jahrhunderts; Französische Revolution und die religiöse Befreiung der Juden; Das liberale Judentum im 19. Jahrhundert (Deutschland); Das liberale Judentum im 19. Jahrhundert 3/1 - lhauptsächlich Frankreich); Die Gegenwart (Vereinigte Staaten, England, Frankreich und Deutschland). Bei einem französisch geschriebenen Buche ist es natürlich, daß der Verfasser mit Vorliebe französische Verhältnisse berücksichtigt. Der der französischen Revolution gewidmete Abschnitt bietet für den Unterrichteten nicht viel Neues; dagegen sind die Mitteilungen über die französischen Neformbewegungen der Gegenwart von hohem Interesse. Die über Joseph Salvador, James Darmessteter, Zadok Kahn sind für den Zusammenhang wohl etwas zu ausführlich, auch mochte ich bezweifeln, daß sie sämtlich als Vertreter des Liberalismus zu gelten haben. Bei Zadok Kahn sagt es der Verfasser übrigens ausdrücklich und begründet die Behandlung des Genannten dadurch, daß er an der bedeutenden Erscheinung nicht schweigend vorübergehen wolle. Die Abschnitte über Deutschland enthalten für deutsche Leser natürlich nicht viel Neues, doch zeugen sie von einem lobenswerten Vertiefen in die betreffende Literatur. Besondere Fehler in der Darstellung sind mir nicht ausgefallen. Nur der Umstand, daß in einer Schrift über jüdischen Liberalismus der Salon der Henriette Herz eingehend gewürdigt ist, erscheint mir unzutreffend; denn abgesehen davon, daß die Teilnehmer an diesem Säton, wie der Verfasser selbst zeigt, meistenteils Christen waren, haben die Juden, die dort vorsprachen, mit dem liberalen Judentum nicht das geringste zu tun. Sehr bemerkenswert ist, daß in einer französischen Examensarbeit die „Richtlinien" behandelt, ja in einem Anhang sogar in französischer Uebersetzung gedruckt werden. Daraus folgen die Gegenerklärung der Orthodoxen und die Erwiderung der Hauptgemeinden. Die Berücksichtigung solcher neuester Aktenstücke in einer wissenschaftlichen Arbeit, die von einem Christen herrührt und zur Erlangung eines akademischen Grades einer Fakultät eingereicht wird, ist ein so merkwürdiges Faktum, daß es ausdrücklich hervorgehoben zu werden verdient. Jedenfalls verdient die Schrift auch in unseren Kreisen Beachtung. Sie bezeugt wohltuende Objektivität, geschmackvolle Darstellung und darf auch in Deutschland gebührende Beachtung finden, wenn sie auch freilich in der Darstellung der deutschen Bewegung nichts Neues enthält. So ist zum Beispiel die Biographie meines Vaters (S. 73 bis 77) doch recht äußerlich. Gerade das, was man erwarten würde, eine ausführliche Darlegung seiner Reformideen und seiner Bestrebungen, den Kultus zu erneuern, fehlt. . Es genügte hier nicht, die Urschrift und die Zeitschriften zu nennen, sondern eben zu zeigen, wie in diesen Werken, in den Ausgaben des Gebetbuchs, in den Abhandlungen, die sich darauf beziehen, in den Rabbi uerversammlungen und in Synoden der Kampf für die Reform geführt und begründet wurde. Daß Holdheim meist Holdeim gedruckt wird, soll nur erwähnt werden. Die Schrift ist keine hervorragende wissenschaftliche Leistung, aber als Versuch, die Bestrebungen und Kämpfe innerhalb des Judentums einem größeren wissenschaftlichen Publikum vorzuführen, überaus bemerkenswert. L. G. * — Braun, M. Geschichte der Juden und ihrer Literatur. 2. Teil, vom Abschluß des Talmud bis zur Vertreibung der Juden aus der Pyrenäischen Halbinsel, 3. Teil bis zur Gegenwart. 3. vermehrte und verbesserte Auflage. Breslau, M. u. H. Marcus, 1911 und 1913. Branns Geschichte liegt nun auch in der dritten Auflage abgeschlossen vor, ein schöner Erfolg, den sie ihrem inneren Werte zu verdanken hat. Es fehlt bekanntlich neuerdings nicht an Versuchen, den spröden Stoff der jüdischen .Geschichte und Literatur in populärer Weise für die Familie und den Unterricht zu bearbeiten; auch die besten lassen inhaltlich viel zu wünschen übrig. Hier vereinigt sich der erfahrene Pädagoge, der die richtige Auswahl zu treffen und die angemessene Darstelluugsweise zu finden weiß, mit dem anerkannten Forscher und Gelehrten, der aus dem Pollen schöpft, das Gebiet gründlich beherrscht, mit den neuesten Ergebnissen der wissenschaftlichen Arbeit vertraut ist, dessen Darstellung man sich daher ohne Bedenken anvertrauen darf. Das Buch will die praktische Aufgabe lösen, „die jüdische Jugend durch die Einsicht in den Entwickelungsgang des Judentums zu klarem Verständnis für das religiöse Leben der Gegenwart und zu überzeugungstreuem Festhalten am väterlichen Glauben zu erziehen." Das Werk schließt sich in seiner Einteilung und Auffassung im großen und ganzen an Graetz an, trägt aber der neuen Forschung überall Rechnung. Die Einteilung ist fast