Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- Seite 370 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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370 Denk' ich dein, Jerusalem, wird mir der Wein selbst zur Wermut; Denk' ich, Samaria, dein, schmeck' ich die Hefe wie du. Zion, du Schönste, o schling' um uns wieder das Band deiner Liebe: Noch bindet Liebe das Herz deiner Getreuen an dich! Siehe, sie jubeln, bist du im Glück; sie weinen und jammern, Als wär's eigner Schmerz, denken sie deines Ruins. Ans der Gefangenschaft schmachten itnb seufzen nach dir sie und beugen. Wo sie auch sind, im Gebet nach deinen Toren das Haupt.— Wie die Herde, die weit zerstreut über Berge und Täler, Doch nicht die Hürde vergißt, die ihren Schwall einst beschützt. Könnten wir fassen den Saum deines Kleides nur! Hätten wir Kraft nur, Zu dir zu wallen am Fest, Palmen hertragend vor dir! Können sich Babel, Aegypten in all ihrer Macht dir vergleichen? Ihre Wahnweisheit und Kunst deinem göttlichen Licht? Wen können sie neben deine Propheten und Weisen hinstellen, Neben der Psalmsänger Schar, neben Gesalbte des Herrn? Aller heidnischen Reiche Glanz erbleicht, sie verschwinden; — Deine Geweihten bestehn, ewiglich schimmert dein Schatz! Denn Gott selbst ersehnt zum Wohnsitz dich. Darum selig, Wer deine Hallen bewohnt, immer der Gottheit ist nah! Selig, wer hoffen darf zu schauen — selig, wer schau'n darf. Wie deine Sonne aufgeht, siegend die Wolken durchbricht; Wer erlebt deiner Freude Freuden mtb darf jubelnd rufen, Wenn du jung wieder wirst, kraftvoll und glücklich wie einst! Litrrarilchr Mitteilungen. — R e l i g i o n s ges p r ä ch , gehalten a m K u r s ü r st - l i ch e n H 0 f e z u H a n n 0 v e r 1 7 0 4. Nach einer hebräischen Handschrift herausgegeben und übersetzt von Prof. Dr. A. Berliner. Alls Veranlassung von Aron Hirsch. Berlin. Louis Lamm, 1914. Herr Aron Hirsch läßt in dieser sehr würdig allsgestatteten Publikation durch den ausgezeichneten Gelehrten A. Berliner eine Handschrift veröffentlichen, die 1721 in dem Hanse eines seiner Urahnen, des Gumprich Ha-Levy in Göttingen, geschrieben worden ist. Sie enthält im wesentlichen ein öffentliches Religionsgespräch, das zn Hannover in Gegenwart des Kurfürsten Georg I., des späteren Königs von England, und mancher anderer Fürsten lrnd Fürstinnen gehalten worden ist. Das Gespräch ist deswegen besonders interessant, weil es das einzige uns aus Deutschland erhaltene Beispiel eines offiziellen Religionsgespräches ist. Der Vertreter des Judentums ist Joseph Stadthagen, bisher nur bekannt als Berfasser eines halachischhagadischen Werkes, der aber schon früher mehrfach solche Religionst ärmere ausgeführt hatte, der Vertreter des Christentums ein jiidischer Apostat, dessen Name nicht genannt wird. Das Gespräch dauerte SK Stunden. Der Christ bemühte sich nachzuweisen, daß in einzelnen jüdischen Schriften Christus als Mittler angedeutet, daß in einer anderen Schrift die Beschneidung als eine von Moses abznschaffende Institution bezeichnet sei. Hauptsächlich, daß Jesaias, Kapitel 02, sich auf Christus beziehe. Die Antworten des Juden sind zwar interessant, aber nicht gerade übermäßig treffend. Viel interessanter sind die Beteiligung des Kurfürsten an dem Gespräch, der aus eine Bemerkung des Christen einmal ausruft: „Dann haben die Juden niemals nötig, sich taufen zu lassen", und eine Bemerkung der Knrfürstin, die am Schluß der Disputation den Christen mit folgenden Worten anredet: „Ihr habt doch nir bewiesen." Gerade diese Worte, die zeigen, daß es bei unserer Unterredung sich nicht um eine jener Scheindisputationen handelt, in denen die Juden von vornherein verurteilt waren, sondern um eine freie Aussprache, in der die hochgeborenen Zuschauer, wenn sie auch nicht gerade auf die Seite der Juden traten, doch sie als gleichberechtigte Partei duldeten, machen diese Veröffentlichung höchst wertvoll. Wir müssen dein wackeren Mäzen Dank sagen, daß er uns diese bisher wenig bekannte Quelle erschloß ilnd ihn beglückwünschen, daß er einen trefflichen Herausgeber dafür fand. L G # Dr. M. Pines-Hecht. Die Geschichte der jüdisch- . d e n t s ch e n L i t e r a t u r. Nach dem französischen Original bearbeitet von Georg Hecht. Leipzig. Verlag von Gustav Engel. 1913. Was ich über dieses Buch denke, habe ich in einem Hauptartikel, Jahrg. 1911 Mr. 48 ausführlich gesagt und begründet. Ich muß gestehen, daß ich den Wert des Buches nicht so hoch einschätze, daß ich eine Uebersetzung für notwendig halte. Der gebildete jüdische Leser in Deutschland - denn für diesen hauptsächlich ist das Buch bestimmt — ebenso jeder christliche Gelehrte, der sich über den Stoff unterrichten will, versteht doch so viel Französisch, daß er das Original lesen kann; für die Paar jüdischen Elementarlehrer, die wenig oder gar kein Französisch verstehen, erübrigt sich die Uebersetzung. Dem Herausgeber hat es nicht gefallen, seine Veränderungen im einzelnen anzugeben. Nachdem er in einem drei Seiten starken Nachwort'als Ziel des Buches ausgesprochen, der jüdisch-deutschen Literatur die Berechtigung zu gewähren, die sie verdient, bemerkt er, „dieses Ziel entschuldigt und erklärt die zahlreichen Veränderungen des deutschen Buches gegenüber der französischen Originalausgabe, die als the e ihre Svnderberechtigung hat". Nun wird kein billig Denkender verlangen, daß ich die 250 Seiten des deutschen Buches mit dem dicken französischen Werke im einzelnen vergleiche, um das herauszubringen, was der Verfasser geändert hat. So kann ich nur sagen, daß man das deutsche Buch im ganzen ohne Mühe liest, doch wird man nie das Gefühl los, daß nmn es mit keinem Originalwerk. sondern mit einer Uebersetzung zu tlm hat. Freilich läßt sich nicht leugnen, daß recht viele stellen undeutsch sind, z. B. S. 168: „Bei der Arbeit in der Werkstatt fühlt er, wie sich ihm das ganze menschliche Bewußtsein verliert." Seite 185: „Die eine Anreihung an Episoden und Beschreibnngen sind, die also nicht in sich zusammengehalten werden." Seite j -W): „Eine Redensart, die einen Sinn hat, wenn man von einer sehr j glücklichen Sache spricht, die die Begier der anderen Menschen erregt nnd die dem Besitzer durch eine solche Beschwörung sich erhalten möchte." Seite 233: „Perez schrieb eine Reihe von Aufsätzen, die in irgendeiner Weise immer besonders sind." Solche Auswüchse müßte ein Uebersetzer zu vermeiden suchen. L. G. * Neu-Killeberg, der „Killeberger", zweiter Teil. Bon Siegfried Mühsam. Leipzig. M. W. Kaufmann. 1913. Diese Fortsetzung eines in unseren Blättern freundlich besprochenen Buches teilt das Schicksal mit ähnlichen Unternehmungen. Es sticht sehr zu seinem Nachteil von dem Anfang ab. Die Handlung ist dünn, der Witz noch dünner. Einzelne Personen, z. B. die allzu kräftige Frau Efscher und ihr leichtsinniger, skandalsuchender, nur im Hause kleinlauter Mann, sind ganz gut gezeichnet. Die Heiratsgeschichte der drei Töchter, je einer der Frau Amorette und des Herrn Efscher aus erster Ehe und einer gemeinsamen, sind nicht lustig genug, obwohl die freiwilligen Schadchonem ganz nett dargestellt sind. Der Stolz der Killeberger auf ihren kleinen Wohnort, die Geschichte eines angeblichen Rabbiners, der eigentlich Pferdehändler und längst getauft ist - letzteres stellt sich freilich erst bei seinem Tode heraus, sind ganz amüsant. Nur schade, daß das Büchlein von einer unseligen Tendenz erfüllt ist, nämlich der: alle Juden, fast ohne Ausnahme, zu trefflichen Menschen und die meisten Christen, namentlich die antisemitisch angehauchten, zu Schurken zn stempeln. Zum mindesten, wenn sie nicht gerade Frevler sind, sind sie schwächliche Individuen, die, wenn sie sich zum Guten entwickeln, dies nur mit Hilfe von Juden erlangen können. Eine solche Tendenz ist, zumal sie den wirklichen Verhältnissen gar nicht entspricht, durchaus zu verwerfen. Der Verfasser erzählt nicht schlecht, erfindet nicht übel, versteht aber die Kunst der Komposition recht wenig. Es bleibt im ganzen bei einzelnen Szenen, die nicht fest genug zusammengefügt und nicht künstlerisch genug zu einem Ganzen verwebt sind L- G. * — Ludwig Barnay. lieber Theater und anderes. Berlin 1913. Otto Elsner, Verlagsgesellschaft m. b. H.