Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- Seite 369 (sequence 9)
- Language
- German
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369 jüdische Bevölkerung ausklären und vor der unvorbereiteten Auswanderung zu warnen haben, mit dem Hinweis daraus, daß sie in Deutschland sonst weder auf Vorwärtsnoch auf Rückbeförderung zu rechnen haben. Bezeichnend war noch die Mitteilung des einen der Herren, der an der Spitze einer Ortsgruppe der Auswanderungsorganisation steht, daß bei ihm noch niemals ein Auswanderer, wohl aber zahlreiche Rückwanderer, die von Deutschland kommen, vorgesprochen haben. Auch die Ausführungen des österreichischen Herrn über die anzustrebenden Verbesserungen der galizischen Verhältnisse gingen darauf hinaus, eine industrielle Beschäftigung im Lande zu schaffen, uitb zwar würde es sich in diesem rein agrarischen Gebiet um Maßnahmen zur Verarbeitung der Landesprodukte handeln. Er gab schließlich noch die Anregung, in einer Konferenz der jüdischen Vereinigungen eine gründliche Besprechung dieser schwierigen wirtschaftlichen Fragen zu veranstalten. — Der freundliche Leser, der diesen Ausführungen bis zu Ende gefolgt ist, sieht sich in der Lage desjenigen, der auf einer bekannten holprigen Fahrstraße über den gewohnten Markstein hinausgegangen ist. Allmählich hat sich der Weg gehoben, und schließlich sieht er sich auf einer Anhöhe und blickt vor sich ins weite Land, während der Ausgangspunkt seinem Rückblick fast entschwunden ist. Tie Sache mit den Wanderbettlern sah für ihn bisher so einfach aus: von Vaters Zeiten her ist man gewöhnt, die Schnorrerei als unvermeidliches Nebel anzusehen, und nach Väterbrauch findet man sich damit ab, daß man sich mit einer Gabe loskauft und das (wie wir gesehen haben, unverdiente) Hochgefühl eintauscht, eine Pflicht der Gerechtigkeit ausgeübt zu haben. Jetzt sieht sich die Sache anders an. Von allen Sachverständigen und Berufenen, besonders von den Landsleuten der Wanderarmen, wird die Bettelei als eine nicht notwendige Schändung des jüdischen Namens erklärt. Die Hilflosen sollen nicht zu reisen brauchen, für sie ist in der Heimat (mit unserer Hilfe) zu sorgen. Die Arbeitsfähigen sollen keine Bettelfährten machen wie jener Mann von der russischen Grenze, von dem llns berichtet wurde, daß er zu Hause ein Haus und größeren Wohlstand habe als die Spender. Den zu uns Kommenden soll in den Arbeiterkolonien und Werkstätten Arbeit angeboten werden gemäß dem Worte des weisen Spruchdichters: „Der du von deiner Hände Arbeit lebst, heil dir und wohl dir!" Die Arbeitsscheuen sollen heimbefördert und durch Meldung ihrer Namen und die Aufmerksamkeit des Grenzbureaus und der Abfertigungsstellen ohne Härte die Rückkehr erschwert werden, weil sie bei den „dummen Aschkenaß" ihre Rechnung nicht mehr finden. Aber auch die Arbeitsuchenden sollen vor dem Unternehmen leichtfertiger Reisen ernstlich gewarnt, sie sollen zu Hause vorbereitet werden, damit die Tätigkeit der Auswanderungsvereine später von Erfolg sei. Durch ihre bessere Schulung werden sie dann im Auslande leichter Fuß fassen und ihren Zurückgebliebenen Angehörigen eine Hilfe sein. Diese Ausführungen eines großen, segensvollen Hilssplanes können naturgemäß nicht ins einzelne gehen. Es sind selbstverständlich viele spezielle Fragen, die schon dem einzelnen aus seiner Praxis ausstoßen werden. Aber daran braucht niemand zu zweifeln, daß man an den großen Abfertigungsstellen diese Erfahrungen längst gemacht hat und in gemeinsamen Beratungen auf Abhilfe bedacht ist. Der Leser hat sich kaum noch zu fragen, welche Rolle ihm selbst bei dem großen Hilfswerke Zufällt. Es gilt die Erfüllung einerkleinen, großen Bitte: Vertrauen zu der Organisation zu haben, die Wertvolles erreicht hat und unvergleichlich Größeres anstrebt. Der einzelne, der sich der Erkenntnis nicht verschließen kann, daß er sich einer großen Verantwortung aussetzt, wenn er sich dem großen Ganzen entzieht und dessen Fortschritt, wenn auch in bester Absicht, stört, soll sich das Opfer auferlegen, Matan bseisser zu üben, gemäß der sittlichen Forderung unserer größten religiösen Führer, und aus den den Empfänger erniedrigenden persönlichen Dank zu verzichten. Der beste Dank, der darin besteht, wirklich ilnd andauernd zu helfen, bleibt ihm gesichert. „Ganz Israel bürgt füreinander." Dieser Spruch soll auf einem großen Gebiete verwirklicht werden. Auch der deutsche Dichter meint dasselbe, wenn er uns aussordert: Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes Werden, als dienendes Glied schließ' an ein Ganzes dich an. * Der Vorstand und Beirat der Deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfttrsorge. tfu&a hglkvis Liomde. lieber seht von Fuchs, Ehenmitz. Zion, fragst dir nicht mehr nach dem Wohl der gefesselten Kinder, Die doch nur sorgen um dich, sie, deiner Herden Nest? Hör' uns von West nnb Ost, von Norden und Süden dich grüßen, Die wir in aller Welt ferne dir sind und doch nah! Der Gefangene der Sehnsucht entbietet dir seine Tränen — Ach, könnten sie dein Land tränken wie Hermons Tau! Meine Klagen um dich sind wie Nachtigallenseufzer; doch träum' ich. Wie sich einst wandelt dein Weh — dann rauscht wie Harfen mein Sang! — Bvth-El, P'niel. Moch'nalm — wie innig seufzet die Seele Nach den Stätten, wo einst Gott traf der heilige Ahn! Dort war der Herr noch der Menschen Gast, ihr Freund und ihr Nachbar; Himmelspforten erschloß segnend dein Schöpfer für dich. Gottes Herrlichkeit strahlte allein das Glück in die Herzen; — Sonne und Sterne und Mond brauchten zu leuchten dir nicht. Du warst Königspalast, warst Gottesthron; — ach, wie sitzen Sklavenseelen jetzt dort, wo deine Helden gethront! Aber am meisten möchte das Herz sich an Stätten ergießen, Wo sich Gottes Geist selbst auf die Erwählten ergoß: Wer läßt die Plätze mich schauen — von Ort zu Ort möcht' ich wandern! - Wo sich geoffenbart Sehern, Propheten der Gott! Wer gibt mir Flügel! Ueberallhin wollt' ich fliegen und tragen In deine Trümmer, mein Land, in deine Trümmer, mein Herz! Stürzen wollt' ich aufs Antlitz, aus deinen Boden cs pressen, Küssen wollt' ich den Staub, herzen, ach, jeden Stein! Und wenn ich gar dann stünde ans meiner Urväter Gräbern - Wie wär' in Hebron ich heiliger Schauer voll! Könnt' ich durchziehn deine Wälder, auf Karmel und Gilead stehen. Könnt' ich erschauern auf dir, heil'ges Gebirg' Abarim; Hör und Nebv, euch Bergen, wo Mose und Aaron gestorben. Diese zwei Leuchten der Welt, diese zwei Lehrer des Lichts! Lebensodem sind deine Lüfte, Myrrhenbalsam Ist deines Bodens Staub, süß wie Honig dein Strom: Lebenserquickung sollte mir sein, dort barfuß zu wallen Ueber die Trümmer, die einst waren des Tempels Palast, Ueber die Stätte der heiligen Lade, die nun uns entrückt ist. Wo die Engel gethront, schirmend den heiligsten Raum! Reißen möcht' ich das Haar der Gelübde, die Krone vom Haupt mir, Fluchend der Zeit, die entweiht Heil'ge in unreinem Land! Wie kann Essen und Trinken mir munden, solange ich sehn muß, Wie der Hunde Gekläff über den Leu triumphiert! Wie kann laben das Licht des Tages die Augen, die sehen Tote Adler umkrächzt von schlimmer Rabenbrnt Gier! Gott, halt' ein, ein wenig nur ein mit dem Bocher der Leiden: Voll ist von Galle der Mund längst und von Leiden das Herz!