Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- Seite 368 (sequence 8)
- Language
- German
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368 dem Sitze der Provinzial oder Landeskasse, wohin die Ortskassen ihren größten Teil ihrer Einnahmen abführen, geschieht. Diese Einrichtung hat sich überall als äußerst segensreich bewährt, denn sie hat es ermöglicht, daß überall Sachverständige am Werk sind, die sich eine große Personalilnd Sachkenntnis angeeignet haben und daher am besten wissen, was mit jedem einzelnen anzufangen ist. Den Arbeitslustigen wie den Heimreisenden wird die große Wohltat zuteil, mit größter Schnelligkeit ans Ziel zu gelangen. Die Gaben an den einzelnen sind von Jahr zu Jahr gesteigert worden. Hören wir die Zahlenangaben, die der verdiente Leiter der Provinzialkasse Köln, Herr Bernhard Feilchenseld, aus der letzten Mitgliederversammlung der Deutschen Zentralstelle über die Erfahrungen an seiner Kasse vorgetragen hat. Diese sind maßgebend, weil Köln die erste Abfertigungsstelle ist, die sich eine Arbeitsstätte für die Prüfung der Wanderbettler zugelegt hat, und weil es das Aus- und Einfahrtstor für die Aus- und Rückwanderung nach den westeuropäischen Groß- und Hafenstädten ist. Bor dem Bestehen der Deutschen Zentralstelle, also noch vor Vier- Jahren, betrug die Zahl der ohne Reiseziel in Köln vorsprechenden Wanderarmen, meist Gewohnheitsbettler, 1500, sie ist in den Jahren unserer Wirksamkeit auf 1131, dann auf 836, nachher auf 735 zurückgegangen. Zu gleicher Zeit ist die Zahl der in der Kölner Wanderarbeitsstätte Beschäftigten von 123 auf 214, 495, 523 gestiegen und wird in diesem Jahr sicherlich 600 betragen! Ebenso erfreulich ist aber auch die Steigerung des durchschnittlichen Unterstützungsbetrages von 1 Mark bis 2 Mark auf 5,30 Mark, 8,50 Mark, 12,40 Mark und 14,50 Mark. Die Sprache dieser Zahlen ist beredt, sie muß unsere süddeutschen Glaubensgenossen überzeugen, daß sie gut tun, ja die Pflicht haben, sich in gleicher Weise zu organisieren und der Deutschen Zentralstelle sich anzuschließen: nicht uns, sondern den würdigen Wanderarmen zuliebe. Auf unserer Mitgliederversammlung wurde es von allen Seiten hervorgehoben, daß alle unsere Arbeit Stückwerk bleibt, wenn zahlreiche Gemeinden in den organisierten Gebieten sich von den zuständigen Provinzial- und Landeskassen sernzuhalten, namentlich aber wenn Süddeutschland sich unserem Segenswerk entzieht. Was nützt es, daß wir Tausende von Namen der zwecklos Reisenden -in unseren Meldelisten bekanntgeben, daß wir vor Bettelbriefstellern und betrügerischen Sammlern warnen, wenn diese in dem unorganisierten Süddeutschland einen Schlupfwinkel finden? Wie sollen wir zu der von der altbewährten uns angeschlossenen Zentralkasse Fürth-Nürnberg geplanten süddeutschen Arbeiterkolonie kommen, die namentlich für die Beschäftigung der in Norddeutschland nicht geduldeten Russen ein Bündnis ist, wenn keine Aussicht vorhanden ist, sie durch Zuweisung aus Süddeutschland zu besetzen? Und vor allem, wie soll, was der rührige Vorkämpfer der Organisation Herr Rabbiner Dr. Tänzer auf unserer Generalversammlung hervorgehoben hat, die Durchwanderung von Oesterreich nach Frankreich in geordnete Bahnen gelenkt werden? Das aber ist als brennendes Bedürfnis zu bezeichnen, sobald am 1. Juni d. I. die nach dem Muster der Deutschen Zentralstelle aufgebaute österreichische Schwesterorgauisation in Tätigkeit treten wird. — Hiermit sind wir bei dem Kern- und Brennpunkt der ganzen Frage, der Regulierung der Durchwanderung, nach den von den Zeitverhältnissen gebotenen Grundsätzen angelangt. Denn die Beseitigung der, wie gezeigt, nur aus falschem Verständnis der Forderungen des Judentums als Rest aus einer glücklich überwundenen Zeit überlebten Wanderbettelei im engeren Sinne sollte eigentlich kein Problem mehr für uns sein und wird, wenn unsere Vorschläge noch besser als bisher von jedem einzigen Glaubensgenossen beachtet werden, bald auf das unvermeidliche Maß Zurückgehen. — Das Trachten der Unterdrückten und Verelendeten in Rußland, Galizien und Rumänien, durch Auswanderung nach den Kulturländern sich selbst eine Stätte besserer Arbeitsgelegenheit und ihren Nachkommen eine gesicherte Heimstätte zu verschaffen, ist durchaus berechtigt. Freilich sind dafür die großen Organisationen des Hilssvereins und der Jca in außerordentlichem Maße tätig. Die uns zufallende Aufgabe besteht darin, ihr großes und gemeinnütziges Werk dadurch zu unterstützen, daß wir die Diskreditierung der Auswanderung durch diejenigen verhindern, die ohne nach diesen Organisationen zu fragen, sich aus die Reise begeben, ohne sich über die Möglichkeit des Fortkommens zu versichern, und die naturgemäß scheitern müssen. Diese Personen durchziehen unser Land auf Kosten ihrer letzten Spargroschen oder mit erbettelten Geldern. Ihr Verweilen in Frankreich, Belgien, Holland, England und in den skandinavischen Ländern ist nicht nur für den Wohltätigkeitsetat der dortigen Glaubensgenossen, sondern für deren Ansehen bei den Andersgläubigen bedrohlich und dauert nur kurze Zeit, weil neben den gesetzlichen Bestimmungen ihre eigene Unfähigkeit für die Durchführung des Daseinskampfes auf fremdsprachigem Kulturboden sie bald zur Rückwanderung zwingt. Diese Unvorsichtigen müssen den Hauptgegenstand unserer Fürsorge bilden. Zu Nutz und Frommen der uns angeschlossenen Provinzial- und Landeskassen wie auch dieser Durchwanderer ist ein von der Deutschen Zentralstelle vorbereitetes Druckheft bestimmt, das neben einem Noutenplan und den Fahrpreistabellen zwischen unseren Abfertigungsstellen und den'wichtigsten Orten des Auslandes als 'Anhang eine Zusammenstellung der für Deutschland und alle wichtigen Einwanderungsländer geltenden Vorschriften für Durch- und Einwanderung von Allsländern enthält. Dieses Schriftchen lvird vor vielem Schaden bewahren, denn die Uebertretung dieser Vorschriften hat nicht nur finanziellen Nachteil durch Vergeudung der Reisegelder, sondern auch empfindliche Strafen zur Folge. Der Segen unserer Organisation tritt auch in diesem Punkte deutlich zutage. Er würde aber unvollständig sein ohne die angeknüpfte Verbindung mit den Wohltätigkeitszentralen des Auslandes. Auch eine gesetzlich gestattete Weiterbeförderung hat nur Zweck, wenn vorher feststeht, daß die gesuchte Arbeitsgelegenheit am angestrebten Reiseziel vorhanden ist, daß die angeblichen Verwandten, zu denen die Reise unternommen wird, sich in der Tat am Platze befinden unb für die Ankömmlinge sorgen können und wollen. In diesem Zusanimenhange ist auch die sogenannte Agunesfrage zu behandeln: d. h. die Beförderung von Frauen, die ihren Männern nach fremden Ländern Nachreifen. Abgesehen von den in unserer Praxis keineswegs seltenen Fällen, daß es sich um betrügerische Vorspiegelungen handelt, daß eine Verabredung zwischen den Eheleuten zu dem Zweck besteht, die Sorge für die Familie anderen aufzubürden, oder daß der vergeblich gesuchte Ehemann gar nicht vorhanden ist, wird es sich darum handeln, vorher durch Erkundigung festzustellen, ob der vorausgereiste Ehemann sich am gesuchten Orte aufhält, ob er gewillt und imstande ist, für seine Familie zu sorgen. Leider sind die traurigen Fälle allzu häufig, daß die Frau und die Kinder verschmäht werden, daß bereits eine neue Ehe geschlossen ist. Darum ist uns von unseren russischen Freunden geraten worden, im Heimatlande eine Anskunftsstelle einzurichten, die die notwendigen Erkundigungen vor Antritt dieser kostspieligen, nutzlosen und zu den traurigsten Enttäuschungen führenden Reisen veranstaltet. Die Frage der eheverlassenen Frauen ist nur ein kleiner Abschnitt aus dem großen Kapitel, das den Titel führt: die unbedachte Auswanderung., Hier den Hebel zur Besserung anzusetzen, ist Sache der führenden Persönlichkeiten in den Heimatländern. Von weitreichenden segensvollen Wirkungen können die Ausführungen der russischen Herren und des Wiener Herrn auf dermehrerwähntenGeneralversammlung werden. Es machte einen tiefen Eindruck, wie sich die Herren aus Rußland bemühten, die Schmach der Bezeichnung „polnische Schnorrer" abzuwehren, der durch das Auftreten eines kleinen Bruchteils unwürdiger (sagen wir lieber irregeleiteter) Landsleute auf die russische Judenschaft gehäuft wird. Gewiß, so führten die warmherzigen Fürsprecher ihrer armen Landsleute aus, ist unsere politische und wirtschaftliche Lage tieftraurig und verschlimmert sich von Tag zu Tag durch neue, unsere Existenz untergrabende Regierungsmaßregeln. Die Auswanderung ist ein zwingendes Bedürfnis, sollen unsere Armen nicht umkommen und die Lage der weniger Bemittelten unhaltbar machen. Aber die Schnorrerei ist kein notwendiges Nebel, sie ist ein Mißbrauch, der den jüdischen Namen schändet. Wenn die jüdischen Großunternehmer dem Beispiel der Referenten, zu dem sie aufgerusen werden sollen, folgen, dann wird es eher an Arbeitern als an Arbeit fehlen. Günstig ist der Umstand, daß in Rußland den Juden die Sonntagsarbeit gestattet ist. Notwendig ist aber, daß jüdische Werkmeister zum Anlernen der ungeschulten jüdischen Arbeiter ins Land gezogen werden. Auch die Hilfe der russischen Frauenvereine ist anzurufen, um Fortbildungskurse, besonders Sprachunterricht, zu erteilen. So vorbereitet, werden die Glaubensgenossen zur Auswanderung ausgerüstet werden. Zur Aufklärung sind die Jargonzeitungen heranzuziehen, sie werden die