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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-31 · Heft 31 (31.7.1914) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 31 (31.7.1914)
Date
1914-07-31
Page
Seite 366 (sequence 6)
Language
German
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306 Durchzug durchs Rote Meer und zuletzt den Tempel Salomonis, auf dem die Herrlichkeit Gottes ruhte." Ein anderer Raum, den der Knabe ebenfalls nicht ohne geheimes Bangen betrat, war ein Gemach des Hinterhauses, in dem einst die Großeltern das Laubhüttenfest gefeiert hatten, sowie ein Winkel, in dem sich ein mit Brettern zugedecktes Bad oefand. Wiederholt erzählen uns die Erinnerungsblätter von den gemütvollen Freitagabenden bei Eltern unb Großeltern, vom Sederabend, vom Hüttenfest, den Ehanukkalichtern und dem heiligen Ernst der hohen Herbstfeiertage. Diese Feiertage und die damit verbundenen „kleinen, traulichen Interieurs" inachten einen nie verlöschenden Eindruck auf das empfängliche Gemüt des Knaben. Mit besonderer Zärtlichkeit schildert er uns seinen Großvater, den Vater seiner Mutter. Wir sehen ihn in seinem Schlafrock und einer weißen Zipfelmütze, die lange Tabakspfeife im Munde, die Schnupftabaksdose neben sich, vor seinen hebräischen Büchern sitzen und „lernen". Hat er sich auch nie zu der eigentlich talmudischen Literatur verstiegen, so hielt er sich um so lieber in den Vorhöfen auf, in denen die Bibelterte von einem Rankenwerk Poetischer Kommentare eingerahmt sind. Von den Zeremonien Pflegte er zu sagen, das sei nicht das Gesetz, sondern nur der Zaun um das Gesetz, und dann erzählte er gern die Geschichte von Hillel und dem Heiden. Wie alle Kinder, so liebte auch der kleine Rodenberg gemütvolle Geschichten. „Bis in mein zwölftes oder dreizehntes Fahr war es doch die biblische Geschichte, die meinem Empfinden den eigentlichen Inhalt gab: An diesen Erzählungen konnte ich mich nicht satt lesen. Sie verwandelten sich mir in Wirklichkeiten. Die Stimme Gottes glaubte ich darin zu vernehmen und ihn selber, dessen Namen nicht ausgesprochen werden darf, zu schauen in seiner Majestät, wie er gnädig war gegen die Frommen und Gerechten, furchtbar in seinem Zorn gegen die Uebertreter des Gesetzes. Die wichtigsten der heiligen Schriften des Alten Testaments habe ich in der Ursprache lesen gelernt, und unter meinen ersten dichterischen Versuchen finden sich metrische Uebersetzungen der Psalmen . . . Ich folgte den Hirten und Herden, ich stand mit Rahel am Brunnen, als sie kam, des Vaters Schafe zu tränken; ich weinte über Joseph, als seine Brüder ihn verkauften, und frohlockte, als sie vor ihm niederfielen auf ihr Antlitz. Die Zeitenferne von Jahrtausenden erfüllte mich mit einer unaussprechlichen Sehnsucht, und wenn an den Vorabenden des Samstages oder der Festtage die Großmutter ihre Hand auf mein Haupt legte mit dem Segensspruch: „Gott lasse dich werden wie Ephraim und Mauasse", dann war mir, als ob das leise Rauschen des Jordans diese Worte begleite." Auch die nachbiblischen Geschichten lernte Rodenberg in seiner Kindheit, wenn sie auch einen anderen Eindruck auf ihn machten. Er wird in die Studierstuben wundertätiger Rabbis geführt, die Gebilden aus Lehm oder Holz Leben einflößen. Er hört von kabbalistischen Zeichen und dämonischen Wesen. Man führt ihn in die uralten Synagogen und Friedhöfe von Prag unb Worms, um die die Sage, vielhundertjährigem Efeu gleich, ihre schwermütige Poesie gewoben hat. Hier ist ihm alles vom Zwielicht des Mittelalters eingehüllt, alles bewegt sich auf dem Zwischengebiet des Sichtbaren und Unsichtbaren. War auch der Religionsunterricht, den der Knabe gemeinsam mit seinen Geschwistern erhielt, durchaus orthodox und das Leben im Elternhause streng nach dem Gesetz geregelt, so waltete doch im Hause der Geist einer freieren Bildung. „Kein schöneres Bild haftet in meinem Gedächtnis als die Erscheinung meiner Mutter, wenn sie, in weißem Gewände, die Sabbatlampen segnete. Wer aber, so wie sie, Goethe gelesen, geliebt und verstanden hat, dessen Gesichtskreis konnte kein enger sein." Jeden Winter kam eine Schauspielertruppe durch das kleine hessische Landstädtchen. Hier sah der Knabe zum erstenmal in seinem Leben ein Schauspiel. Welchen Eindruck das zuvor - nie Geschaute auf den Knaben machte, geht wohl am besten daraus hervor, daß er anfing, mit unbeholfener Hand selbst Stücke zu schreiben, die er mit seinen Geschwistern aufführen wollte. „Sie waren kurz, immer nur wenige Seiten lang und meist biblischen Inhalts, manchmal auch dem Lesebuch entlehnt." Die Bibel und das Lesebuch! Was dem Kinde geistige Welt war, hat nicht aufgehört, dem Manne köstlicher Besitz zu sein. Julius Rodenberg, der Kreis, hat sich sein kindliches Gemüt bewahrt. Eine aus dem Innersten seines Herzens kommende Andacht für alles Ehrwürdige hat ihn durch sein Leben begleitet. Eine tiefe Liebe und ein ungewöhnlich feines Verständnis für unsere deutsche Sprache hat er wie selten einer besessen. Als der Hochbetagte an einem sonnigen Junimorgen die Heimat wieder einmal besuchte, da trat ihm ein Bild aus der frühesten Kindheit vor die Augen. Es war ihm, als ob er die Stimme seiner Mutter und seine eigenen Worte hörte, wenn sie ihn an einem langen Sommerabende nach Hause rief. „Nun ist der lange Sommertag des Lebens wirklich zu Ende, und es ist Abend geworden. Und abermals vernehme ich die Stimme, die mir ruft — es ist nichts Trauriges darin, es ist die Liebe der Mutter, die Liebe der Heimat, und wie einst das Kind, so antwortet heute der Greis mit dankbarem Blick auf das Elternhaus: Ich komme, ich komme." Aebt richtige Wsnderarmenkürlorge! Ein ernstes Mahnwort an die jüdischen Gemeinden und Private, it Nachdruck sei betont — „richtige" Fürsorge, denn Milde gegen den Fremdling braucht unseren Glaubensgenossen, Gott sei Dank, nicht erst empfohlen zu werden. Das Schristgebot, das uns den Fremdling zu lieben befiehlt, ist uns allen, welcher religiösen Richtung wir auch angehören, in Fleisch und Blut übergegangen: Wohltun bebeutct uns Pflichterfüllung (Mizwo), Nebnng der Gerechtigkeit (Zedoko). Die deutsche Judenheit übt die Zedoko an den Wanderarmen in vollem Maße, die halbe Million Mark, die nach Feststellung der Deutschen Zentralstelle für diese alljährlich aufgewendet wird, ist ein schönes Zeugnis für unsere Hilfsbereitschaft. Aber bringen wir auch Hilfe, üben wir alle Zedoko im Sinne von „Gerechtigkeit"? Ein gelinder Zweifel ist wohl gestattet angesichts derjenigen, die wahllos jedem Gesuche nachgeben und jedem Betrüger zum Opfer fallen, uneingedenk der Warnung unserer Alten: „Wer weder lahm noch blind ist und sich den Anschein es zu sein gibt, der stirbt nicht früher, als bis er es geworden ist", denn also heißt es: „Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit sollst du nachjagen, damit du lebest." Allerdings trösten sich solche Prüfungslosen Geber damit, es sei ja die Sache des Empfangenden, wenn er sein Gewissen mit einer Täuschung belastet, und es sei besser, zehn Unwürdige zu unterstützen, als einen Würdigen hilflos zu lassen. Edel gedacht! Aber auch richtig gehandelt? Pflegen wir auch sonst ohne Prüfung denjenigen, mit denen wir's am besten meinen, unseren Kindern, jeden Wunsch prüfungslos zu erfüllen? Schwache Eltern handeln so und versündigen sich an ihren Kindern, die durch falsche Nachgiebigkeit nicht gefördert, sondern geschädigt werden, und an den übrigen Mitmenschen, die gleichfalls unter den Folgen dieser falschen Erziehung zu leiden haben. Auch die Wanderarmen, aus traurigen Verhältnissen hervorgegangen, für die Anforderungen des Kulturlebens so wenig vorbereitet wie die Kinder, bedürfen unserer wohlüberlegten Fürsorge ebenso sehr, ja noch mehr als unserer Gabe. Ohnehin wird diese den Würdigen durch die Berücksichtigung derer, die, um es gelinde auszudrücken, zwecklos reisen und damit die Wohltätigkeitsgelder vergeuden, verkürzt. Unter den ca. 6000 Wanderarmen, die jährlich durch die der Deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge angeschlossenen Kassen befördert werden, sind im letzten Jahre bei nachsichtiger Beurteilung 1530 als Unterstütznngsunwürdige erkannt worden, weil sie sich als Arbeitsscheue oft schlimmsten Grades entpuppt haben, die nur den Eisenbahnfiskus

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