Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- Seite 363 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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363 mäßiges Vertrauen hegt, ist an der Arbeit. Kriegslust ist weder in Frankreich noch in Deutschland vorhanden. Und so darf man vielleicht mit einigem Vertrauen in die Zukunft blicken. In dem neuesten Hefte der „Mitteilungen des D. I. G. B." spricht sich Professor M. P h i l i p p s o n über die Stellung des Gem-eindebund8 zur Schulfrage (innerhalb einer Debatte) folgendermaßen aus: Die Lehrer selber haben verlangt, daß der Gemeindebund neutral in dieser Frage bleiben solle, und weil der Ausschuß auf diese Forderung der Lehrer eingegangen ist, deshalb ist er mit Schimpf und Schande überhäuft worden. Das ist das äußere Moment, das innere ist noch etwas anderes. Der Gemeindebund hat bei der Natur seiner Zusammensetzung nur die Fragen zu fördern, von denen er weiß, daß in ihnen die Mehrheit der deutschen Gemeinden einstimmig, ist in ihren Anschauungen und Forderungen. Wie nur gesehen haben, daß das Organisationsgesetz dem Widerstand einer großen Reihe von Gemeinden begegnet, haben wir es von der Tagesordnung verschwinden lassen, und ich fordere diejenigen auf, die beweisen wollen, daß wir das nicht aufrichtig.und ehrlich getan und irgendeinen Versuch gemacht haben, wieder an das Gesetz anzuknüpfen. Ebenso wissen wir, daß die Behandlung der jüdischen öffentlichen Volksschule nicht eine Einstimmigkeit oder Mehrheit innerhalb der deutschen jüdischen Gemeinden findet. Die Anschauungen sind derart geteilt, daß der Ausschuß geradezu eine Zerklüftung, einen inneren Kampf in der Mitte des deutschen Judentums Hervorrufen würde, wenn er Vorschlägen würde, diese Frage hier materiell zu behandeln und zu entscheiden. Im Ausschüsse selbst sind die Meinungen auch durchaus geteilt. Am so weniger haben wir Veranlassung, davon abzugehen; daß wir vielmehr nur erklären: die jüdische Gemeinde, die von altersher und seit Jahrtausenden autonom ist, möge selbst entscheiden, wie sie sich in dieser Frage betätigt. Da, wo das Bedürfnis nach der jüdischen Volksschule vorliegt, und wo sie begründet wird, wird sie setbstverstiindlich auch vom D. I. G. B. erhalten und gefördert. Das ist immer geschehen. Da aber, wo die Mehrheit der Eltern meint, daß das religiöse Bedürfnis ihrer Kinder anders befriedigt werden solle, wo die Meinung herrscht, man solle die Kinder mit andersgläubigen Kindern zusammen lassen, um die Teilung und Scheidung nicht schon in das jugendliche Alter hinein-zulegen, da soll man auch diesen Eltern ihr Recht lassen. Es ist das der einzig richtige Standpunkt. Wir fördern Bezirksrabbi na te nur da, wo die Mehrheit der Gemeinden des Bezirks es selber fordert. Sowie die Mehrheit der jüdischen Gemeinden fordern würde, daß wir die jüdischen Volksschulen fördern sollen, so würde der Ausschuß dieser Forderung entsprechen,-wenn auch der eine oder andere deshalb aus dem Ausschuß ausscheiden würde. Niemals wird der Gemeindebund einem Bezirk einen Rabbiner ausnötigen oder empfehlen. Es ist der freie Entschluß der Gemeinden, wen sie anstellen wollen. Darin liegt wahrlich kein Zwang. Daß wir den obligatorischen Religionsunterricht verteidigt haben, das ist ein so dringendes Bedürfnis für den Bestand und die Ehre unseres Religionsbekenntnisses, daß der Ausschuß wirklich seine elementare Pflicht und Aufgabe vergessen hätte, wenn er das nicht getan hätte. Ich bitte Sie, ergreifen Sie den Zankapfel nicht, den man wieder unter uns wirft, überlassen Sie den Gemeinden die Bestimmung, ob sie eine Volksschule haben wollen oder nicht, sie werden schon am besten wissen, was sie brauchen. Wo wir aber für eine notleidende Volksschule etwas tun können, da werden Sie unseren Ausschuß immer ans dem Platze finden, um die Volksschule zu verteidigen, auszubauen und zu retten. Das ist unser Standpunkt, und einen anderen können wir nickst einnehmen. (Beifall.) * Die „Nat.-Ztg." meldet folgendes: Eine Verschmelzung der jüdischen Studentenverbände. Zwei große jüdische Studentenverbände, die an allen Hochschulen Deutschlands ihre Korporationen haben, haben sich zu einem gemeinsamen Verbände zusammengeschloffen. Es sind dies der V. I. St. (Verein jüdischer Studenten) und des K. Z. V. (Kartell zionistischer Verbindungen). Die beiden Verbände, die zusammen in Deutschland über 1000 Mitglieder zählen, bilden jetzt gemeinsam den B. I. V. (Bund jüdischer Vereine). * Eine sehr befremdliche Nachricht wird von jüdischen Zeitungen mitgeteilt und von antisemitischen Blättern begierig aufgegriffen. Sie lautet: Verbot jüdischer Einwanderung nach dem Rhein - land. Berlin, 2t. Juli. Nach einer ministeriellen Anordnung soll auf Grund von Erhebungen, die über die Einwanderung galizischer und russischer Juden angestellt worden sind, in den Städten des rheinischen Industriebezirks zukünftig die Niederlassung von jüdischen Alttrödlern und Händlern nicht mehr gestattet werden. Bereits anwesende Juden sollen ausgewiesen lverden. # Der „Vorwärts" berichtet Nachstehendes über die Zeitungswelt des Londoner Ghettos: Nach New Uork ist London wohl die größte jüdische Stadt der Welt. Bon der Zahl der hier lebenden Israeliten kann man sich einen Begriff machen, wenn man hört, daß London vier jüdische Tageszeitungen, d>. h. Zeitungen besitzt, die in jiddischer Sprache, dem internationalen jüdischen Idiom, gedruckt werden. Die jüngste dieser Zeitungen ist erst ungefähr 14 Tage alt. Sie ist ein Abendblatt und hat sich bereits gut eingeführt. Die älteste jüdische Zeitung Londons ist der „Daily Iewish Expreß", die eine Auflage von 5500 Exemplaren hat. Die.größte Auflage nimmt das „Jüdische Journal" für sich in Anspruch, das seit ungefähr acht Jahren besteht. Diese beiden Blätter beherrschten bis vor einem halben Jahre die öffentliche Meinung vollständig. Da brachte ein unternehmender rumänischer Jude die „Jüdischen Times" heraus, die rasch einschlugen, und er ist es auch, der jetzt in den »Jüdischen Abendnachrichten" das erste Abendblatt in jiddischer Sprache geschaffen hat. Ferner gibt es noch eine jiddische Wochenzeitung, die den Titel führt: „Der Arbeiterfreund". Sie ist, wie sie in ihrem Untertitel angibt, ein anarchistisches Blatt. Die Zeitungen sind völlig in jiddischer Sprache geschrieben, und nur in dem Annoncenteil findet sich ab und zu ein englisches Wort. * Ueber „jüdische Kriegsfreiwillige" schreibt die „Franks. Ztg.": Wie schon bei früherer Gelegenheit, hat auch bei den letzten Reichs tagsdebatten über den systematischen Ausschluß von Juden aus dem Neserveofsizierkorps ein antisemitischer Abgeordneter die Angabe des Abgeordneten Müller-Meiningen, daß Juden als Kriegsfreiwillige auch an den Feldzügen in Südwestafrika und China teilgenommen haben, bezweifelt und bestimmte Zahlen- und NameumMrben verlangt. Diesem Wunsche des antisemitischen Zweiflers kann nunmehr, wie das „Hamburger Israelitische Familienblatt" mitteilt, entsprochen werden. Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" veröffentlicht in Nr. 86 der Mitteilungen ans dem „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund" eine Namensliste der bisher von ihm sestgestellten Juden, die als Freiwillige an der Expedition nach China und an den Kolonialkriegen (Herero-Feldzug) teilgenommen haben. Obwohl die Liste keinen Anspruch aus Vollständigkeit erhebt und insbesondere auch alle diejenigen jüdischen Soldaten außer Berechnung läßt, die sich als Freiwillige gemeldet haben, aber aus irgendeinem Grunde zurückgewiesen wurden, werden als Kriegsteilnehmer in China 40 Alaun, als Teilnehmer an den Afrikakriegen 39 .aufgeführt, von denen mehrere, so Leutnant Bendix, Opfer des Feldzuges blieben, andere dekoriert wurden, so unter anderen der Unteroffizier Abraham Gutmann mit dem bayerischen Militürverdienstkreuz zweiter Klasse. Chinawie Afrikakriegsfreiwillige jüdischen Glaubens rekrutierten sich aus allen Teilen Deutschlands. Da die Liste möglichst vervollständigt lverden soll, richtet der Deutsch-Israelitische Gemeindebund an seine Bundesgemeinden sowie an die 'staatlichen Behörden für jüdische Angelegenheiten nunmehr die Aufforderung, den „Zentralverein" bei diesem Vorhaben zu unterstützen. Der „N. I. K." entnehmen wir folgende Nachrichten: P o g r o m dro h u n ge n in Rn m ä n i e n. Der Verband der in Rumänien geborenen Juden hat an das Parlament von neuem eine Eingabe gerichtet, in welcher die Gleichberechtigung für die im Lande geborenen Juden gefordert wird. Ans diesen Schritt der rumänischen Juden antwortet nunmehr der Sekretär der rumänischen Kulturliga, Professor Bogan Duica, mit einer in allen rumänischen Zeitungen veröffentlichten, in überaus aufreizendem