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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-31 · Heft 31 (31.7.1914) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 31 (31.7.1914)
Date
1914-07-31
Page
Seite 362 (sequence 2)
Language
German
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362 artige, aber eine um so reichhaltigere geworden. Die Eigennot Israels besteht darin, daß es zur E r füll n n 6 s e i u e r w e I thistörischen 2f i t fgabe nicht eines räumlich-abgegrenzten Landes bedarf. Israel war ein Volk, noch bevor es ein Land besaß. Denn nicht Palästina, sondern die Lehre, „die Mose uns geboten, ist das Erbe der Gemeinde Jakobs". Die heidnischen Völker des Altertums waren nur so lange stark, als sie, gleich dem Helden in der Sage, an der Scholle ihres heimatlichen Bodens hafteten. Kaum aber fingen sie an, sich von dieser Scholle zu entfernen, da siechten sie schon auf ewig hin. Und hätte Israel mit solcher Zähigkeit an dem Boden Palästinas gehangen, es wäre nimmermehr in einem anderen Lande zu einem neuen Leben erwacht. Aber das Judentum hing nicht an der Erde, sondern am Himmel, nicht am Zeitlichen, sondern am Ewigen; deshalb konnte dieses Judentum von keiner irdischen Macht vernichtet werden, und deshalb wird dieses Judentum leben, solange die Erde von Menschen bewohnt sein wird. Gerade mit der Zerstörung des Reichs und mit der Zerstörung des Volkes beginnt die eigentliche Geschichte des Judentums. Denn erst da begriff es, daß ein Volk, das eine religiöse Sendung hat, auf eine staatliche und politische Machtentfaltung verzichten müsse. Die nationale Selbständigkeit, die Israel durch die Begründung seines Staates errang, sie war nur Mittel zum Zweck; sie sollte ihm helfen, ungestört und ungehindert von fremden Einflüssen, in seine eigene Religion sich hineinzuleben. Kaum war das vollbracht, so fiel das Staatsleben wie eine Hülle ab, und es begann für das Judentum der eigentliche, wenn auch schwierige Teil seiner geschichtlichen Bestimmung; durch alle Reiche der Erde sollte es ziehen, mit dem göttlichen Auftrag: „Ihr seid meine Zeugen, und ich bin Gott." j Der Herzpunkt des jüdischen Volkes ist seine religiöse Idee, ünd so lange diese in ihrer Reinheit besteht, solange lebt in Wahrheit das jüdische Volk, das Judentum, solange hat es noch weiter seine Aufgabe zu erfüllen, der Träger und Verbreiter zu sein des Gedankens der Einheit Gottes und der Verbrüderung der Menschheit. Aushalten wollen wir deshalb, und sollen wir, wie Mose, nur aus der Ferne das Land der Verheißung sehen; darin soll uns der Prophet Jeremia ein Vorbild sein; je dunkler der Himmel ist, der über dem Buche dieses Propheten der Klage ausgebreitet ist, desto freundlicher und heller erscheint an ihm der Regenbogen des Friedens, den wir am Ausgange der großen Trauerreden erblicken. Bit Woche. Berlin, den 28. Juli 1914. ir machen wiederum sehr erregte Zeiten durch und unser Blatt, wenn auch kein politisches, hat die Pflicht, auf die Gefahren hinzuweisen, denen wir entgegengehen. Vor etwa drei Wochen wurde, wie unseren Lesern bekannt, in Serajewo ein Attentat auf den österreichischen Thronfolger und dessen Gemahlin verübt, dem beide fürstliche Personen zum Opfer fielen. Man meinte zunächst, es mit dem Bubenstreiche eines Fanatikers zu tun zu haben. Allmählich stellte sich heraus, daß diese Mordtat der Ausfluß groß-serbischer Bestrebungen war, und daß in Serbien die Agitation gegen Oesterreich systematisch genährt wird. Derartige Machinationen könnte ein Großstaat wie Oesterreich-Ungarn auch in dem Falle nicht ruhig mit ansehen, wenn sie nicht derartig scheußliche Taten im Gefolge hätten. Bei dem geschehenen Morde war ein Schritt Oesterreichs unvermeidlich. Dieser ist gm 23. Juli durch eine scharfe Note erfolgt, die Oesterreich- Ungarn an Serbien gerichtet hat. Oesterreich verlangt Genugtuung, die im wesentlichen in Unterdrückung der großserbischen Agitation und in offiziellen Erklärungen künftigen loyalen Verhaltens besteht. Die Antwort auf diese Note wurde auf den 25. Juli abends 6 Uhr verlangt. Daß in einem so kurzen Zeitraum eine erschöpfende Antwort nicht gegeben werden kann, ist klar. Ob Oesterreich das Schweigen oder die Bitte Serbiens um Verlängerung der Frist sofort mit einer Kriegserklärung oder mit dem Beginn des Krieges beantworten wird, war freilich zweifelhaft. Schon ein Krieg zwischen der Großmacht Oesterreich-Ungarn und dem serbischen Reiche, das in den letzten Jahren einen großen Aufschwung genommen und durch glückliche Kriegstaten zu einem starken Selbstbewußtsein gelangt ist, wäre ein trauriges Ereignis. Aber die Angelegenheit wird dadurch so gefährlich, daß ein allgemeiner europäischer Krieg sich leicht daraus entwickeln kann. Denn wie man weiß, sind Oesterreichs und Rußlands Verhältnisse äußerst gespannt, und, wie man allgemein annimmt, drängt Rußland auf einen Anlaß, seine Kräfte zu erproben. Es ist die allgemeine Ueberzeugung, daß Serbien seit lange durch Rußland Anregung und moralische Unterstützung empfangt, und es ist zu befürchten, daß Rußland diese Gelegenheit benutzt, um Serbien offen zu unterstützen und gegen Oesterreich loszuschlagen. Die enge Verbrüderung zwischen Rußland und Frankreich, die durch einen in den letzten Tagen erfolgten Besuch des Präsidenten der französischen Republik beim Kaiser von Rußland eine neue Stärkung erhalten hat, könnte, ja müßte die Folge haben, daß Frankreich sich auch bei diesem Anlaß als Verbündeter Rußlands einfindet. Aber die Sache würde für Deutschland zu einer furchtbaren Gefahr, wenn es feine Bundespflichten gegen Oesterreich in ähnlicher Weise auslegt, wie Frankreich die feinigen gegen Rußland. Es könnte daher leicht kommen, daß bei einer Offensive Rußlands gegen Oesterreich Deutschland sich mit seinem Verbündeten für solidarisch erklärte und Oesterreich zu Hilfe eilte. Dann wäre der schon seit Jahren befürchtete Weltkrieg entfacht, und wir' ständen an der Schwelle von unübersehbaren Ereignissen. Die Hoffnung Europas ist weniger auf die europäische Diplomatie im allgemeinen gerichtet, die in den letzten Jahren so gut wie völlig versagt hat, als vielmehr auf eine Intervention Englands. Daß dieses dritte Mitglied der Tripleentente keine Lust hat, mit Frankreich und Rußland gemeinsame Sache zu machen, ist aus den Vorgängen der letzten Wochen und Monate ziemlich gewiß. Die Hoffnung Europas beruht darauf, daß England Serbien zur Nachgiebigkeit rät oder wenigstens, wenn dies, wie man annehmen muß, kaum erreicht werden kann, Rußland von voreiligen Schritten zurückhält. Die nächsten Tage müssen die Entscheidung bringen. Noch ist eine schwache Hoffnung vorhanden, daß das entsetzliche Geschick eines blutigen Weltkrieges abgewendet wird; möge das Verantwortungsgefühl der großen Staaten stark genug sein, um den fürchterlichsten aller Kriege zu hindern. * Diese Betrachtung, am 25. geschrieben, ist durch die Ereignisse überholt. Am 25. nachmittags schien es, als wenn Serbien zum Nachgeben bereit sei, am Abend kurz vor 6 Uhr gab der serbische Premierminister dem österreichisch-ungarischen Gesandten ungenügende Erklärungen, darauf forderte dieser seine Pässe und reiste ab. Serbien beschloß die Mobilisierung seiner ganzen Armee; Oesterreich-Ungarn die von 12 Armeekorps. Der Krieg zwischen beiden Mächten muß beginnen. Hoffen wir, daß er lokalisiert bleibt. * Diese Hoffnung hat sich in der allerletzten Zeit bestärkt. Die europäische Diplomatie, zu der man ja freilich kein über-

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