Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang. Nr. 31 Allgemeine Berlin, 31. Juli 1914 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verlriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 329. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums», Berlin SW, Jerusalemer Straße <*6-99, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Iflthfrft* 3um 9. Ab. Von Dr. B.Celigkowitz, Köthen.— Die Woche. tflJljUll« __ Ggh. Oberregierungsrat Dr. D. Mayer. Von L. G. — Aus Julius Rodenbergs Kindheit. Von E. Gut, Frankfurt a. M. — Uebt richtige Wanderarmenfürsorge! — Feuilleton: Juda Halevis Zionide. Nebersetzt von Fuchs, Chemnitz. — Literarische Mitteilungen. -- Büchereinlauf. — Cprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur ^Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Aus der Prob. Posen. Pudcwitz, Rawitsch, Bad Salzbrunn, Liegnitz, Dresden, Bad Tölz, Steele, Eisenach, Alzey, Heidelberg, Petersburg. — Von Nah und Fern. Lum ll. pb. Von Dr. V Seligkoivitz, Köthen, nser modernes Geschlecht ist pietätlos, so wird von den Kanzeln herab gepredigt. Unsere Zeit ist so sehr von dem Gefühl ihrer Bedeutung und ihrer Vorzüge erfüllt, daß ihr darüber den Sinn für die Verbindung mit der Vorzeit, die Ehrfurcht vor ihren Ueberlieferungen und die Anhänglichkeit an den geschichtlichen Boden, auf dem Gott uns hat werden lassen, geschwunden ist. Man mag versuchen, sich diese Tatsache zu erklären und ihre Ursachen zu erforschen, aber man kann seine Augen nicht gegen die Gefahren verschließen, mit denen sie doch auch die edelsten und die höchsten Seiten des Lebens bedroht. Es ist wahr, unsere Zeit hat so viel Neues in ihr Denken, Sein und Wirken ausgenommen, daß unser Leben eine ganz andere Gestalt erhalten hat. Unser Wissen und Erkennen ist mit einer Fülle neuen Stoffes bereichert; wir haben uns eine Reihe neuer Anschauungen angeeignet, die unserem Geiste eine andere Richtung, unserem Denken eine neue Art und Weise gegeben haben. Aehnlich ist es auch auf dem Gebiete des äußeren Lebens. Der Verkehr unter den Völkern ist ein anderer geworden, dieser wirkt ein auf das besondere Leben der einzelnen Völker, aus die Kreise des bürgerlichen Lebens, auf den Zustand der ganzen bürgerlichen Gesellschaft. Es hat alles eine andere Art und Gestalt gewonnen als früher. Da muß denn vieles Alte fallen. Neues bildet sich und soll sich bilden; neue Aufgaben und Probleme erheben sich, neue Kräfte müssen aufgeboten werden, um sie zu lösen. Das ist unleugbar; es wäre töricht, das zu beklagen, und die „gute alte Zeit", wie man sie nennt, mit unfruchtbaren Wünschen herbeisehnen zu wollen. Jeder Zeit, jedem Geschlecht stellt Gott besondere Aufgaben; wir haben nicht das Recht, uns ihnen zu entziehen, sondern wir haben die Pflicht, sie zu erfüllen. Aber es wäre nicht bloß töricht, sondern auch verderblich und ein Unrecht, deshalb die Vorzeit geringschätzen, das Band mit ihr zerreißen, den geistigen und geschichtlichen Zusammenhang mit ihr abbrechen, die Gegenwart von der Ueberlieferung lösen zu wollen und dagegen aus das Neue, das unsere Zeit in sich trägt, stolz und eingebildet zu sein. Dieses Neue besteht nicht lediglich in besonderen Vorzügen, sondern vielmehr in neuen Ausgaben. Sich von dem geschichtlichen Boden loslösen, in dem die Wurzeln unseres geistigen Lebens ruhen, das heißt sich in die Luft stellen. Was der Stamm den Zweigen, die Wurzeln dem Stamm, das ist einer Gemeinschaft ihre Geschichte. Eine solche Gemeinschaft von ihrer Geschichte losreißen, heißt, sie von ihrer Wurzel trennen. Ihre Geschichte lehrt sie ihr Dasein begreifen, ihre Bestimmung verstehen, ihr Ziel erfassen und einzusehen, woher ihre Fehler und Mängel, woher ihre Leiden und Trübsale, woher auch ihre guten Eigenschaften und beglückenden Zustände rühren. Wir Israeliten aber dürfen uns am wenigsten von unserer Geschichte losreißen, denn mit ihr ist unsere ganze Religion verwachsen und unzertrennlich verbunden. Unsere Religion hat nicht eine Geschichte für sich und wir wieder eine Geschichte für uns, sondern unser ganzes Dasein und unsere Geschichte bilden zugleich die Grundlage unserer Religion. Woran knüpft sich aber Israels Geschichte selbst wieder an, als an das verlorene Land? Unsere Borfahren haben mit einer kleinen Unterbrechung über fünfzehn Jahrhunderte darin geweilt, darin Wohl und Weh erfahren; unsere Könige haben darin geherrscht; unsere Führer haben darin die glorreichsten Schlachten geschlagen — die glorreichsten, weil für die reinste und heiligste Sache — und mehr als das: alle jene heiligen Männer, „deren Wasser wir trinken", von deren Aussprüchen wir leben, unsere großen, nie genug zu schätzenden Propheten, sind dort gewandelt, haben dort gewirkt, gelitten, und die Fürsorge Gottes für sein Volk, obwohl sie nirgend ihm gemangelt, hat doch nirgend herrlicher als dort sich offenbart. Ferner ist jenes Land nicht bloß der fast alleinige Schauplatz der Schrift, sondern mit ihm sind auch unsere meisten Gesetze und Bräuche sowie selbst die Anfänge und Hauptanwendungen unserer Religion auf das innigste verwachsen. Nie auch kann daher jenes Land unserer geschichtlichen und religiösen Vergangenheit aushören, der Gegenstand unseres religiösen Interesses zu sein. Einem Irrtum jedoch möchten wir hier begegnen, der falschen Auffassung nämlich, die die Zerstörung Jerusalems und den Untergang des judäischen Reiches als den Grenzstein, den die Weltgeschichte dem Schalten und Walten des jüdischen Geistes gesetzt, und die Einäscherung des Tempels als das Ende t>er jüdischen Geschichte betrachtet. Freilich, wenn nur jene Völker eine Geschichte haben können, die innerhalb bestimmter Landesgrenzen einheitlich Zusammenleben, die, mit staatlicher Machtvollkommenheit ausgerüstet, einer nationalen Idee leben, dann müssen wir Juden es uns allerdings eingestehen, daß wir seit fast zweitausend Jahren eine Geschichte nicht mehr haben. Wenn aber die mit Heldenmut und Todesverachtung geführten Kämpfe und die mit den Waffen des Geistes errungenen Siege eines Volkes welthistorische Taten genannt werden müssen, dann wird jeder zugeben, daß unsere Geschichte seit der Zerstörung Jerusalems wohl eine eigen-