Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1914)
- Date
- 1914-07-24
- Page
- Seite 359 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229154--70594-3282948- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
•359 Er machte ihr flehentliche Vorstellungen und geriet in der Erregung seiner wachsenden Besorgnis in die bittersten Vorwürfe. Alles umsonst. Sie habe sich noch niemals von einem Arzt untersuchen lassen, sagte sie, er wisse es ja. Und übrigens könne ihr auch kein Arzt helfen; sie wisse sehr wohl, welche Ursache ihre Krankheit habe. Und als er in sie drang, ihn doch nicht mit solchen geheimnisvollen Andeutungen zu quälen, sondern lieber offen alles zu sagen, da brach sie in Schluchzen aus und flehte ihn an, ihr zu versprechen, daß er das Kind nicht taufen lassen würde, falls sie es lebendig zur Welt brächte. Er geriet in Raserei über diese abergläubische Borniertheit und sprach von da ab kein Wort mehr über diese Dinge. Er hoffte, daß ihr Befinden und auch die seelische Depression nur ihrem Zustand znzuschrciben sei und hielt, da er sich ja wehrlos sah, jede Vermutung einer anderen Möglichkeit gewaltsam von sich fern. Ihr Leiden wurde aber immer schlimmer. Dennoch wirtschaftete und arbeitete sie unermüdlich wie immer im Haushalt und ließ sich nicht die geringste Erleichterung gefallen; dabei wurde sie von Tag zu Tag schwächer, und man sah ihr an, daß sie Schmerzen litt. Manchmal vergaß sie tagelang zu essen oder es widerstand ihr so sehr, daß sie aus dem Zimmer gehen mußte, wenn andere aßen. Einmal, als sie aus einer Ohnmacht erwachte, bekam sie einen Weinkrampf, weil der kleine Kurt nicht zu Hause war. Sie schleppte sich trotz ihrer Schwäche zur Schule und war erst wieder ruhig, als sie ihn gesund und wohlbehalten sah. Sie machte sich Vorwürfe, ihn vernachlässigt zu haben, obgleich sie bei Tag und Nacht keinen anderen Gedanken kannte als ihn. Erst zuletzt, als diese beängstigende Ruhelosigkeit einer matten Erschlaffung wich, ließ sie es geschehen, daß der Arzt kam, und widersprach seinen Anordnungen nicht mehr. „Wie ist das nach dem Sterben?" fragte der kleine Kurt Traumann den Katecheten in der Religionsstunde, und alle Kinder sahen verwundert auf den Knaben, der es wagte, mitten im Vortrag des Geistlichen aufzustehen und ihn mit einer Frage zu unterbrechen, die überdies gar nicht zur Sache gehörte, und dadurch verriet, daß er nicht zugehört hatte. Jeden anderen hätte auch wohl ein Donnerwetter darüber belehrt, wie er sich hier zu benehmen habe, aber er war der erklärte Liebling des Katecheten. „Kommt man sogleich, wenn man stirbt, in die Hölle?" fragte Kurt und sah erwartungsvoll auf. „In den Himmel doch, mein Kind!" „Ja, ja, aber ich meine, wenn man „Ach, laß ^doch diese unfreundlichen Bilder", sagte >der Katechet stirnrunzelnd, da er bemerkte, daß Kurt wieder nicht die Seite aufgeschlagen hatte, die gerade durchgenommen wurde, sondern jene mit den bunten grellfarbigen Bildern, die die Qualen der Hölle darstellten. Was ist das für ein sonderbarer grausamer Instinkt in dem Kinde? dachte der Geistliche beunruhigt und nahm sich vor, den Knaben nächstens wieder mit sich nach Hause zu nehmen und ihm noch mehr von den schönen Dingen des himmlischen Lebens in den seligen Gefilden zu erzählen und ihm dazu passende Abbildungen zu zeigen, die auch recht bunt und farbig sein sollten, um ein Gegengewicht gegen diesen seltsamen Hang in dem Knaben zu schaffen. Kurt war an diesem Tage sehr zerstreut und unaufmerksam in der Schule, und da dies bei dem ehemals so eifrigen und ehrgeizigen Knaben in letzter Zeit öfters vorkam, glaubte der Lehrer nach mehreren fruchtlosen Verweisen mit einiger Strenge Vorgehen zu sollen und wollte ihn für eine Stunde nach dem Unterricht zurückbehalten. Da sei es, wie der Lehrer nachher oft erzählte, schon sehr auffallend gewesen, welche geradezu unnatürliche Wirkung die Ankündigung dieser doch gar nicht so seltenen Strafe auf den Knaben geübt habe, und man hätte schon daraus auf ungewöhnliche Vorgänge in dem Gemüt des Knaben schließen können. Die Augen groß und angstvoll auf den Lehrer gerichtet, schnellte er vom Sitz empor, wollte reden, öffnete den Mund, brachte aber keinen Laut hervor, und ein tränenloses Schluchzen schüttelte seinen Körper. Vergebens suchte ihn der Lehrer zu beruhigen und zum Reden zu bewegen. Endlich brachte er stotternd heraus, der Lehrer möge ihm gestatten, die Strafe ein anderes Mal abzubüßen. Seine Mutter sei krank; er wäre gern schon zu Hause. Er sah dabei verwirrt und verlegen drein. Wie sehr tat dem Lehrer später, wenn er an diese Szene zurttckdachte, der lange Prüfende Blick leid, mit dem er den Knaben ungläubig betrachtet hatte, der so beklommen und hilflos vor ihm dagestanden war. Kurt war ein seltsames Kind. Es erfüllte ihn mit Grauen, als er nach dem hastigen Eilen und Drängen durch die in diesen Tagen vor Weihnachten so belebten Gassen atemlos heimkam und die Treppe schon beleuchtet fand. Nie noch war das gewesen, wenn er nachmittags aus der Schule kam. Er dachte nicht daran, daß vielleicht durch den heftigen Schneefall draußen die Dunkelheit früher hereingebrochen war. Die Gaslichter auf den Treppenabsätzen erschienen ihm im Zwielicht von gespenstischer Feierlichkeit wie die umflorten Straßenlaternen jüngst beim Begräbnis des Bürgermeisters. Angstvoll wartete er vor der Tür, als er geläutet hatte. Es erschien ihm heute so endlos lang, ehe jemand öffnen kann „Wo ist die Mutter?" fragte er im Eintreten leise. Das Dienstmädchen sah ihn sonderbar an. „Da darf er jetzt nicht hinein," sagte sie, „komm er zu mir in die Küche! Ich muß ihm etwas erzählen." Und sie ließ ihn nicht los, wie sehr er sich auch sträubte, und zog ihn mit sich in die Küche. „Der Storch war hiergewesen", erzählte sie mit geheimnisvollem Flüstern, „und hat die Mama sehr ins Bein gebissen; und da darf jetzt kein Kind zu ihr hinein. Aber er hat nur ein totes Büblein gebracht, denk er einmal!" Kurt glaubte dem Gerede des Mädchens nicht. Sie erfand immer so dumme Geschichten, wenn sie ihn beschwichtigen wollte. Er wußte, doh die Mutter sehr, sehr krank sei; aber er machte sich über Ursache und Wesen dev Krankheit keine weiteren Gedanken. Ihn beherrschte nur die Furcht, daß die Mutter sterben könnte. Mit einer grausamen Reihe deutlicher Vorstellungen verfolgte ihn diese Furcht und hielt alle seine Empfindungen in ratloser Spannung eingezwängt. (Schnis; folgt.) Sprkchsggl. H 0 ch g e s ch ä tz t e R e d a k t i 0 n! Auf Seite 309 der Nummer 26 Ihrer geschätzten Zeitung sagt Herr Davidsohn: „Es geht uns vielfach mit der Musik . . . wie mit unseren Schulen, die ja doch nach der Ansicht unserer Gegner die Pflegestätte eines ungeregelten Unterrichts und sonstigen Chaos verkehrter Jugenderziehung bedeuten." Diesem etwas unverständlichen Satze fügt er unmittelbar eine Ehrenrettung unserer jüdischen Schule hinzu, indem er sagt: „Glücklicherweise haben staatliche Behörden oft genug, in letzter Zeit besonders, den ausgezeichneten Stand der noch vorhandenen jüdischen Volksschulen anerkannt." Gestatten Sie mir hierzu die Bemerkung, daß letzteres ganz überflüssig ist, gerade so, wie der vorhergehende Satz einer falschen Auffassung entspringt. Enthält nun der erste Satz keinen Angriff aus die jüdische Schule, so ist auch keine Verteidigung nötig, so gut sie auch gemeint sei. Zwar zum erstenmal öfsentlich, aber in meinem Leben wohl schon ein dutzendmal geriet ich in die Lage — nicht Christen gegenüber, mit denen ich in meiner 50 jährigen Amtstätigkeit viel und intim verkehrte, aber Juden gegenüber —, das hier gemeinte Zitat von dem