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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-24 · Heft 30 (24.7.1914) · p. Seite 358

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 30 (24.7.1914)
Date
1914-07-24
Page
Seite 358 (sequence 10)
Language
German
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cutic Besichtigung der Werkbundsausstellung, während die Konferenz ihre Berntungen fortsetzte. Tie Neubildung des Vorstandes erfolgte in der Weise, daß Dr. Caro (Köln) den Vorsitz übernahm, die Stellvertretung Dr. Hanover, das Lchriftsühreramt Tr. Samuel, die Kassenführung Dr. Kronheim. Es steht zur Beratung die Wahl eines Vertreters zum Schiedsgericht des Provinzialverbandes rheinischer Shnagogengemeinden. Eine eingehende Erörterung zeitigt folgenden Beschluß: Die Beteiligung an den vom D. I. G. B. und von den einzelnen Provinzialverbänden eingerichteten Schiedsgerichten für Streitigkeiten zwischen Gemeinden und deren Beamten soll von der Stellungnahme des N'abbinerverbandes in Deutschland und den provinziellen Nabbinerverbäuden zu dieser Frage abhängig gemacht werden. Im Falle der Beteiligung an den vom Provinzialverband rheinischer Shnagogengenieinden ans dem Gemeindetag vom 21. Juni begründeten Schiedsgericht wird lallt einstimmigen Beschlusses der Versammlung Rabbiner Tr. Rosenthnl (Köln) den Rheinischen Rabbinerverband vertreten. Es folgt ein Referat Eschelbacher (Düsseldorf) über die Schächtfrage. Referent gibt einen Einblick in die neuen Agitationsmethoden der Gegner und hält größte Wachsamkeit und energische Benutzung des Abwehrmaterials für geboten. Das letztere wird das „Bureau für Lchächtschutz" in Berlin (unter Leitung der Herren Struck und Rabbiner Dr. Munk) mit besten zu liefern in der Lage sein. Nur init Hilfe des neuesten Materials wird man zum Beispiel die Bestrebungen der Einschränkung der rituellen Schlachtungen auf einen bestimmten Prozentsatz (etwa der Bevolkeruugszisfer entsprechend) bekämpfen können. Referent hält die bekannte Nabbinererklärung, die das Schächten als religiöse Satzung bezeichnet, noch hellte für hinreichend wirksam: ist aber auch bereit, an der Abfassung einer neuen, zeitgemäßen Erklärung mitzuarbeiten. Diese würde nur als Erklärung der rheinischen Konferenz in allen erforderlichen Fällen in Rheinland ulld Westfalen zur Verwendung kommen, wo die gefährlichsten Agitationsherde zu sein scheinen. — In der Debatte lvird das dogmatische Moment der älteren Erklärung ausgeschaltet und nur die praktische Abwehrarbeit betont. Dr. Norden legt eine Schrift des Direktors Klein (Lennep) „Bilder von deutschell Schlachtuild Viehhösen" vor, die u. a. die äußeren Bedingungen aufzählt, die an das rituelle Schlachten zu stellen sind. Versammlung betont, daß sie diesen Forderungen vollkommen zustimmt. Der Wortlaut der besonderen Erklärung soll von Dr. Eschelbacher, Dr. Jacob, Dr. "Norden und Dr. Rosenthal sestgestellt werden. Es folgte ein Vortrag von Dr. Emil Cohn (Bonn): „Zur Methodik des hebräischen Unterrichts." Grundsätzlich müsse, so führt der Redner aus, der Unterricht im Gebetübersttzon ha Mittelpunkte der religiösen Unterweisuno ftohcn. Die hebräische Sprache ist das einmijim Band, das die Juden aller Länder umschlingt, das muß die Jugend wissen. Das geläufige hebräische Lesen soll durch das gute Hebräisch — hören — lernen gefördert werden. Zur Vermittelung elementarer grammatischer Kenntnisse bedient sich Redner einer kleinen Reihe von Merkblättern, gerade hinreichend, um das geisttötende, mechanische Einprägen der Uebersetzung zu überwinden. Bei fleißiger Behandlung von Gebetbuch und Machsor hält Redner den Pentateuch für entbehrlich. Der Vortrag bot so viel wertvolle methodische Winke und Anregungen, daß sich mit dem Danke des Vorsitzeilden der Wunsch verband, ähnliche Vorträge über die übrigen Fächer des Religionsunterrichts zu hören. In der Erörterung kamen noch verschiedene Fragen, zum Beispiel grammatische oder volkstümliche Betonung des Hebräischen; Einbeziehung des Pentateuch, der liturgische Gesang als Hilfsmittel u. a., zur Sprache. Des weiteren stand auf der Tagesordnung: Erlaß eines Sendschreibens über die Heilighaltung der hohen Feiertage an die jüdische Bevölkerung, insbesondere im rheinisch-westfälischen Industriegebiet. Das von Tr. Jacob verfaßte und vorgelesene Sendschreiben wurde von der Versammlung als äußerst würdig und zweckentsprechend erachtet und seine Drucklegung beschlossen. Die Versendung soll vor den hohen Festen mit Unterstützung der Gemeindebehörden geschehen, und übernehmen es die anwesenden Kölner Rabbiner, das Erforderliche in die Wege zu leiten. Ein wissenschaftlicher Vortrag von Dr. Jacob „Kommentar zu Mischpotim" muß wegen der vorgerückten Stunde ansfallen. Dagegen stellt Dr. Jacob seinen im Sonderdruck vorliegenden Aufsatz: „Ein Wort an unsere Akademiker", den Amtsgenossen behufs zweckmäßiger Verteilung zur Verfügung. Eine Anregung, gegen die jetzt beliebten auf den Sabbatnachmittag verlegten Schulwanderungen aus Gründen der Sabbatheiligung gemeinschaftlich vorzugehen, wird vorläufig zur Kenntnis genommen, um die Entwicklung der Angelegenheit äbzuwarten. Mit einem Rückblick auf die ganze ergebnisreiche Tagung schloß Dr. Caro die Sitzung, deren Teilnehmer nunmehr auch ihrerseits größtenteils der Werkbundausstellung zustrebten. Sir Geopferten. Novelle von Oskar Baum, Prag. Bchon bei der Geburt seines Kindes, in dem Augenblick, da er erfuhr, daß es ein Knabe war, stand es bei dem jungen Rechtsanwalt Richard Traumann fest, daß er sich und das Kind taufen lassen würde. ES erschien ihm ganz selbstverständlich, als eine Pflicht geradezu dem Kinde gegenüber. Zu seiner größten Verwunderung stieß er aber bei seiner Frau auf leidenschaftlichen und zähen Widerstand. Er erklärte ihr vergebens, welche Schwierigkeiten im beruflichen wie gesellschaftlichen Leben dem Knaben erspart würden, welche unschätzbaren Vorteile es ihm in jeder Beziehung bringen würde, und daß e8 doch nur ein veraltetes Vorurteil sei — sie ließ keinen Grund gelten. Es zeigte sich eben hierbei wieder, was er in seiner jungen Ehe sehr bald eingesehen hatte, daß er bei der Wahl seiner Braut von deren jugendlicher herber Frische und Schönheit zu sehr besangen gewesen war und nicht bedacht hatte, daß sie, auf einem Dorf unter einfachen Leuten ohne jede höhere Bildung ausgewachsen, eine richtige Landpomeranze, geistig nicht zu ihm paßte und seine großzügigen Bestrebungen, seinen Ehrgeiz nie ganz verstehen und nachfühlen würde. Doch er liebte sie auch mit ihren Schwächen, die sie ja niemals verborgen oder beschönigt hatte, und er war ein guter sanfter Mensch. Aber eben darum waffnete und panzerte er sich mit allen Gründen seiner überlegenen Weltkenntnis und Denkgewandtheit und war unbedingt entschlossen, in wichtigen Dingen niemals den rückständigen Ansichten seiner Frau irgendwelche Opfer zu bringen. So wartete er denn auch nur einige Jahre, während welcher ja seine Frau Zeit genug hatte, sich mit dem Gedanken auszusöhnen, und ließ den Knaben kurz vor seinem Schuleintritt in die katholische Kirche ausnehmen. Sie gewöhnte sich denn auch allmählich an die vollzogene Tatsache, duldete die Kruzifixe und Heiligenbilder in ihrer Wohnung, als sie eines Morgens die Mesusa vom Türpfosten entfernt fand, und ließ die regelmäßigen Besuche des Pfarrers über sich ergehen, der übrigens ein sehr lieber alter Herr war und es lächelnd übersah, wenn die junge Frau ihm, zumal anfangs, mit offener Feindseligkeit ohne Gruß begegnete, sich während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit, falls sie nicht Weggehen konnte, in der Küche aufhielt. Aber als sie einige Jahre nachher wieder guter Hoffnung war, kam eine unfaßbare beklemmende Unsicherheit in diese Verhältnisse; eine unbestimmte drohende Schwere lag auf den Gemütern, lind die Menschen wurden zerfahren, ratlos und ungeduldig gegeneinander. Dr. Traumann sah, daß seine Frau sich sehr krank fühlte; ihr immer so volles rotbackiges, fast derbes Gesicht sah unwahrscheinlich fremd, fast gespensterhast aus mit seinen schmalen blassen Wangen, den matten tiefliegenden Augen. Er bat, beschwor sie, einen Arzt zu Rate zu ziehen; aber sie war dazu nicht zu bewegen.

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