Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1914)
- Date
- 1914-07-24
- Page
- Seite 356 (sequence 8)
- Language
- German
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356 Denn die Kritik war ja gegen einen anderen Inhalt der überkommenen Religion gerichtet, nämlich gegen das Gesetz, welches damals vornehmlich das Opfergesetz war; das in Verfall gekommen war, so daß die Zerstörung des Tempels nur den äußeren Abschluß der inneren Katastrophe bildet. Um so tiefer sank die Antorität des Gesetzes; um so höher stieg die Hoffiiiiug, daß eine bessere Religion den Menschen erstehen könnte, ivenn sie das Gesetz erst begraben hätten. Und wie immer positiv die neue Religion sich ausrüsten mochte; ihrer literarischen Produktion ivar die naive Volkskraft entschwunden: sie mußte zur Kritik, zur Polemik sich ausreizen und entstammen. Auch dabei werden gewaltige Stilkräste erweckt und ursprüngliche Quellen des religiösen Bewußtseins ergießen sich; aber die Reinheit der Naivität kann da nicht vorhanden sein, wo Polemik zur inneren Triebkraft werden muß. Diesen schlichten Unterschied hat vielleicht nidjt einmal gründlich genug die Bibelforschung begriffen. Es ist daher kein Vorwurf, wenn die öffentliche Literatur von diesem Gesichtspunkte noch nicht allgemein geleitet wird. Wir denken hier an einen Artikel, der im „Zeitgeist" (Nummer 58) unter der Ueberschrift „Nosismus" erschienen ist und in dem Professor K. O. Erdinann, Dresden, die verschiedenen Stufen des Egoismus behandelt. Er legt ein gutes Wort für die engeren Gemeinschaften ein, daß sie nicht unter das Verdikt des Egoismus fallen sollen. Er kommt dabei zu einem sehr feinen Lichtblick: „Warum heißt eigentlich jeder Mitmensch in der biblischen Sprache der Nächste?" Sicherlich käme der extrem altruistische Gedanke viel reiner zum Ausdruck, wenn es hieße: „Liebe auch den Fernsten, wie dich selbst". Anstatt nun aber zu fragen, ob im hebräischen Urtexte des Alten Testaments das entsprechende Wort den Nächsten bedeutet, argumentiert der Verfasser unmittelbar aus seiner religiösen Ueberzeugung heraus. Im Neuen Testament ist ja das Gebot nur ein Zitat ans dem Alten, und da ist „nur der Volksgenosse, wahrscheinlich sogar nur der Familienangehörige gemeint". Und worauf stützt sich diese Annahme? Weil 3. Mos. 19, 18 von dem Gebot der Nächstenliebe es heißt: „Du sollst nicht rachgierig und uachtrügerisch sein gegenüber deinen Volksgenossen", „sondern (nicht: „aber"!) „liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Und diese Anmerkung wird begründet durch eine Exegese von Lukas 10, 25—87. Der Verfasser sucht sich -rlso oen ihm selbst in der deutschen iiobcesttzang fraglich gclovrdenen Nächsten niixjr aus dem Sprachgebrauchs des Alten Testaments zu erklären, sondern aus einem Zitat des Satzes im Neuen Testament. Und er versäumt auch, sich auch dort auf die anderen Stellen, besonders auf die Hanptstelle Matth. 22, 37, zu beziehen, an der ohne jede Spur der Polemik das Gebot einfach neben dem der Liebe zu Gott von Ehristus selbst zitiert wird. Es wäre übrigens schon Sache der philologischen Exegese, die Annahme zu prüfen und als ein träges Vorurteil zu erkennen, daß bei kopulativ verbundenen Sätzen das Subjekt des Folgesatzes genau dieselbe Bedeutung haben müßte, wie das deS Vordersatzes, daß nicht vielmehr eine Steigerung und Verallgemeinerung dabei eintreten könnte. Wenn der Vordersatz die „Söhne Deines Volkes" apostrophiert, so hat dies seinen verständlichen Grund gegenüber dem Laster der Rachsucht. Der Nachsatz dagegen erhebt sich im Gebote der Liebe zu einer Verallgemeinerung, die der Begriff der Liebe, der neue Begriff der Menschenliebe zur Entstehung bringt. Man unterdrückt die Neuheit der Menschenliebe, wenn man durch die Gleichsetzung des Mitmenschen mit dem Volksgenossen über die Steigerung hinwegsieht. Daß es sich aber um einen neuen Begriff bei der Menschenliebe hier handelt, das wird aus dem folgenden klar werden. Uebrigens sind solche Abschlüsse, die den Gedanken weiterführen, abrunden oder auch mit einem Spruchwort zusammenfassen, nicht selten in der Sprache der Bibel. Die Rücksicht auf den Sprachgebrauch erstreckt sich alsdann auch auf die verwandten Quellen. Die Bibelexegese des Alten Testaments erfordert erstlich an und für sich selbst, insbesondere aber bei einer Gegenüberstellung zum Neuen Testament unbedingt die gründliche Bezugnahme auf die zeitgenössische rabbinische Literatur, in der dieselbe^ Schriftgelehrten, welche angegriffen werden, in vergleichbarer Naivität noch sich aussprechen. Die Frage: Wer ist mein Nächster? wird im Talmud mehrfach behandelt und im Sinne des Monotheismus klar und lichtvoll gelöst. Der einzige Gott kann nicht zweierlei Menschen geschaffen haben. Den Schlußsatz dieses und ähnlicher Gebote: „Ich, der Ewige" deuten sie dahin: „Ich habe ihn erschaffen". Man würde bei solcher erweiterten Ouellenbenutzung auch erfahren, daß es sich bei diesen Fragen nicht um das „erste und vornehmste" Gebot handelt, sondern vielmehr um den „größten Inbegriff der Lehre"?) Uebrigens aber dürfte auch den Gesichtspunkt der inneren Kriterien die Literaturgeschichte sich nicht hinter den Scheffel stellen. Wenn einmal unbestreitbarerweise eine Religion den einzigen Gott verkündet hat, der in seinem Bilde den Menschen, nicht nur den Juden, erschaffen hat, und wenn aus diesem einzigen Gotte allgemach anerkannterweise die einige Menschheit hervorgeblüht ist, so dürfte doch wohl der sogenannte Nächste nicht durchaus und schlechthin den Volksgenossen zu bedeuten Haben, damit nur erst das Neue Testament daraus den Menschen überhaupt zu machen gehabt habe. Fordert die literaturgeschichtliche Schablone keine feineren Unterschiede? Oder fordert die Kulturansicht einer religiösen Differenz durchaus diese Gegensätze der Humanität? Wir wollen hier nicht die noch immer nur dem Juden obliegende Sisyphusarbeit wiederum auf uns laden, den Lesern die hundertmal bewiesene philologische Tatsache nochmals zu beweisen, daß klon im Alten Testament keineswegs nur den Volksgenossen bedeute, sondern den anderen (alter). Wir erinnern nur wieder an den Grundgedanken unserer Betrachtung. Sollte etwa das Alte Testament bei dem Gebrauche „einer und der andere" immer vorsichtig daran vorzudenken gehabt haben, daß einmal eine Religion aus ihr selbst hervorgehen wird, die ihr den Ursinn ihres Gottesglaubens streitig machen könnte? lieg, bedeutet den andern, und dieser ist freilich manchmal auch der andere Volksgenosse. Wie könnte es anders sein, da ja die Bibel nicht nur ein Religionsbuch ist, sondern auch ein nationales Geschichtswerk, und endlich auch ein Buch der Rechtssätze und der Staatslehre. Aber darum bedeutet Rea nicht überhaupt den Volksgenossen. Oder hat der Dekalog etwa das Verbot des falschen Zeugnisses nur dem Juden gegenüber gemeint? Oder das des Gelüstens nach deines anderen, deines Nächsten Haus, noch nach allem, was deinem Nächsten gehört, nur auf den Juden bezogen? Ist das etwa die Frucht von der bibelkritischen Annahme, daß der Dekalog im Zeitalter der Propheten geschrieben sei, daß man dem höchsten Erzeugnis dieses Zeitalters eine solche Frivolität zutrauen darf? Es genügt vielleicht, daß wir den Leser biten, den 15. Psalm zu lesen: „Wer wird aus den Berg des Ewigen steigen?" Unter allen den schlichten, aber entscheidenden Bedingungen für den Aufstieg zur sittlichen Höhe heißt es da: „Wer nichts Böses tut seinem Rea." Ist das auch nur der Nächste, also der Volksgenosse? Wer den Psalm liest, kann auf einen so häßlichen Widersinn nicht verfallen. Nun aber koinme ich zur Hauptsache. Der Verfasser hat richtig und scharf die wunde Stelle in dieser falschen deutschen Uebersetzuug des „Nächsten" getroffen. Wie mag nur Luther darauf gekommen sein? In der Septuaginta und der Vulgata ') Vgl. Güöemann, Nächstenliebe (Oesterreich. Wochenschrift 1891, S. 670).