Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1914)
- Date
- 1914-07-24
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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tiative sind in allen diesen Vereinen, auch in den Verwaltungskommissionen der jüdischen Gemeinde, an denen er sich betätigte, wichtige Maßregeln zurückzuführen. Die Lehranstalt der Wissenschaft des Judentums, in -deren Kuratorium -sein Vater jahrelang als Schatzmeister mit Erfolg gewirkt hatte, hat unter seiner zielbewußten, immer nur der Sache, nie seiner Person, gewidmeten Leitung einen ungeahnten Aufschwung genommen. Ihr galten vor-allem sein Eifer, seineTätigkeit und seine Liebe. Denn wo er wirkte, tat er es nicht bloß mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen. Treue und Liebe, Pietät und inniges Mitempfinden, die er vor allem seiner Familie und seinen Freunden weihte, begleiteten ihn in seinem Wirken aus humanitärem Gebiet, machten ihn zum treuen Sohne seiner Religion, zu einem echten Priester in seiner vielseitigen Tätigkeit. Er war ein Stolz seiner Berufsgenossen, seiner Mitarbeiter, seiner Freunde, seiner Familie; bei seinem so frühen unerwarteten Hinscheiden sind die Klage, die Trauer und die Bewunderung für den Trefflichen und Unermüdlichen tief und allgemein. Möge es dem kommenden Geschlecht nie an Männern fehlen, die ihm gleichen! * Hermann Beit-Simvn ist am 8. Mai 1856 in Berlin geboren. Er besuchte das Gymnasium zum Grauen Kloster, das er mit Glanz absolvierte und als priinus omnium verließ. Er bezog 1874 die Universität Heidelberg, um Jurisprudenz zu studieren, und setzte seine Studier: in Berlin fort. Er wurde 1877 Referendar, 1881 Assessor und ließ sich Ende des genannten Jahres irr Berlin als Rechtsanwalt nieder. Er heiratete irr demselben Jahre Hedwig geb. Stettiner, mit der er in glücklichster Ehe lebte. Einige Jahre lang war er Direktor der „Internationalen Bank", wendete sich dann aber der Advokatur wieder zu als Rechtsanwalt am Karnmergericht, wo er eine ausgebreitete Tätigkeit entfaltete. Daneben trat er vielfach als Schriftsteller auf. Sein Werk: „Die Bilanzen der Aktiengesellschaften", das in mehreren Auflagen erschienen und weitverbreitet ist, ist eine außerordentlich klare und in alle Schwierigkeiten der Materie eindringende Arbeit. Mit Kammergerichtsrat Kehßner gab er vor Jahren einen Kommentar zum Aktienrecht des Handelsgesetzbuchs heraus, der in der Bearbeitung des Stoffes vorbildlich geworden ist. Reben dem Aktienrecht beschäftigte er sich besonders mit steuerrechtlichen Fragen; noch in letzter Zeit gab ihm die Streitfrage über den Wehrbeitrag von Ausländern Gelegenheit, in der „Deutschen Juristenzeitung" gegenüber dem Standpunkt der Regierung die Unzulässigkeit der Erhebung des Wehrbeitrages von Ausländern, mit deren Staaten bestimmte Sonderabmachungen bestehen, zu betonen. Auch sonst ist Simon vielfach literarisch mit Aussätzen in Zeitschriften, wie mit großen Abhandlungen, noch kürzlich in der Festschrift für I. Rießer, hervorgetreten. Der Nächste". Bibelexegese und Literaturgeschichte. Von Professor Dr. Hermann Cohen, Berlin, ie Erklärung der Bibel ist durch die Religionsgeschichte, die jetzt durch die Ausgrabungen im Orient eine neue Bedeutung und Ausbreitung erlangt, selbst in ein neues Stadium getreten. Ohne Einschränkung freilich kann dieser neue Aufschwung nicht gerühmt werden, denn wie es bei dem Enthusiasmus für neue Errungenschaften, besonders in den Gebieten der Literatur und der Kunst, zu geschehen pflegt, tritt über der Bewunderung der neuen Stoffe gar leicht die innere Kritik zurück, und das Interesse an den Normen und Kriterien wird abgeschwächt. So wehrt sich mit Recht die Kathederwisscnschaft des alten Testaments gegen die Uebergriffe oder gar die Alleinherrschaft der Religionsgeschichte. Nicht im Chaos der Kulturanfänge ist das Kulturideal der Religion gelegen. Aus diesem Gesichtspunkte behauptet die alttestament- *) Mit Einwilligung des Verfassers ans dem „Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden" Nr. 14, Juni 1914, abgedruckt. liche Wissenschaft ihre Selbständigkeit gegenüber der Religionsgeschichte. Eines aber ist der Bibelwissenschast von der Religionsgeschichte über allen ängstlichen Zweifeln klargemacht worden: daß sie die Heilige Schrift als Gebilde einer nationalen Literatur unter allen Mitwirkungen der Zeitgeschichte sowie der internationalen geistigen und politischen Verbindungen aller Art auffassen und erforschen darf. So behandelt man jetzt das Alte Testament als eine Sammlung von Literaturprodukten, und seine einzelnen Bücher werden nach der Methode der Literaturgeschichte erforscht und erklärt. Aber die Mängel und Schwächen, die mehr oder weniger störend bei der Pflege der allgemeinen Literaturgeschichte fühlbar werden, zeigen sich auch hier. Das Interesse am Material in seiner Fülle und Mannigfaltigkeit schwächt die Scheidekraft für feinere Fragen der Qualität und deren intime Beziehungen. Daß es eine Aesthetik geben dürste, die für solche Probleme von der Literaturgeschichte zu konsultieren wäre, das wird verleugnet. Wer den Stoff beherrscht, bei dem ist die Kraft. Und das literarische Material selbst ist ein hinlängliches Problem. Es gibt für die Schaffenskraft, die in der Literaturwelt sich verwirklicht, keine Normen, die nicht in dieser selbst gelegen wären. Da die Literaturgeschichte die Prinzipien einer ästhetischen Methodik ablehnt, so wird daher auch der Segen ihrer Anwendungen zweideutig. Was ist damit geholfen, wenn die Schablonen der Literatur auf die Religionsgeschichte übertragen werden, wenn man nur Epos, Lyrik und Drama noch genauer an diesen Stoffen unterscheidet, als man dies zu tun in früheren unschuldigeren Zeiten immerhin auch gebildet genug gewesen war? Wissenschaftlich, im wahrhaft methodischen Sinne, kann die Bibelforschung nur dann erst werden, wenn sie die fundamentale Stildifferenz der beiden Testamente zu ihrem leitenden Gesichtspunkte macht. Das Alte Testament ist ein reines nationales Literaburprodukt. Es ist zwar keineswegs eine Robinsonade. Das Volk Israel ist von den ersten Anfängen an in seiner Umwelt gedacht. Abraham soll „zum Segen werden für alle Familien der Erde". Und der letzte Sinn der Religion, welche die Propheten dieses Volkes offenbaren, ist die Sendung Israels an die Menschheit. „Es ist zu gering, daß du mir Knecht seiest, die Stämme Israels a.»f^,«ich^n . . ., zum Lichte der Völker habe ich dich gegeben." Sv läßt sich Jejasn (-±o,o) w« seinem Gotte inspirieren. In solcher Schärfe hat kein Held der religiösen und der profanen Weltliteratur gegen den Nationalismus sein universelles Haupt erhoben, wie dieser Prophet des Exils. Und dennoch ragen die Völker nur wie ferne Spitzen ans dem Nebelmeer dieser alttestamentlichen Dichtungen hervor. Naiv, wie es in ihrem Bodengvunde alle Epen sind, so sprechen mehr oder minder klar oder dunkel, glänzend hell oder düster und versonnen alle Schriften des alten Bundes. Gemeinsam ist allen der Stilcharakter der Naivität, der vielleicht weniger im Gegensätze znm Sentimentalen besteht als in der Unbekümmertheit um alles, was sonst in der Welt vorgeht oder dagegen verlauten könnte. Hier spricht der Urgeist semes Volkes, für den es keine Vorbilder gibt, in seiner Selbstvffenbarung, der nur im Inhalt seiner Schöpfungen andere Menschen und andere Völker kennt. Das Neue Testament dagegen, wie sehr e8 immer zu der Botschaft an alle Völker ausreifen will, erwächst dennoch nicht naiv aus seinem Volke, sondern in der Reflexion und der Kritik über dasselbe. „Es ist euch gesagt ... ich aber sage euch." TaS ist das Grundschema der Evangelien. Die nationale Religion soll übertroffen werden. Und daß diese selbst sich übertrosfen hatte, indem sie den Messianismus der Weltreligion erschuf, das sollte, das mußte znrückgedrängt werden.