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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-24 · Heft 30 (24.7.1914) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 30 (24.7.1914)
Date
1914-07-24
Page
Seite 354 (sequence 6)
Language
German
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354 kräftige Mann, der das Bild robuster Gesundheit darzustellen schien, war seit Jahren leidend. Was seine Familie, seine Nächsten verlieren, unter die ich mich seit einem Menschenalter mit Stolz und Freude zähle, das vermag ich, der ich diese ganze Zeit hindurch in echt brüderlicher Art mit ihm > zusammenlebte, ohne daß jemals auch nur ein Schatten unser inniges Verhältnis trübte, nicht auszudrücken. Aber was die Allgemeinheit und was das Judentum verliert, soll wenigstens angedeutet werden. Hermann Veit-Simon war einer der hervorragendsten Juristen, mit ungewöhnlichem Scharfsinn ausgestattet, voll reichen Wissens, gründlich und belesen, von ausdauerndstem Fleiß. Er war einer unserer meist beschäftigten, geachtetsten Anwälte, dem man die schwierigsten und verwickeltsten Dinge mit sicherem Vertrauen übergab. Dabei eine wissenschaftliche Kapazität von erstaunlicher Vielseitigkeit, der in Bank-, Bilanz-, Steuer- und Kolonial-Angelegenheiten als erste Autorität anerkannt wurde. Ein Mann erlesenen Geschmacks, ein Kenner der Kunst, der seine Reisen benutzte, um Kunststätten aufzusuchen und mit tiefem Verständnis zu durchwandern, der die ihm karg bemessene Muße zur Lektüre ernster wissenschaftlicher Werke aus den verschiedensten Gebieten verwandte, und der auch einmal im Goethe-Jahrbuch einen viel bemerkten, tief eindringenden Aufsatz schrieb. Zugleich ein Meister der Geselligkeit, der in seinem Hause die schönsten Feste zu veranstalten verstand und in den Kreisen der Freunde durch eine unnachahmliche Gabe der Unterhaltung, durch blendenden Geist, zündenden Humor, musikalische Begabung, schauspielerisches und dichterisches Talent die Versam,w>»ng zu betcOvii wußte. So gehörte er voll und ganz der Gegenwart an und wandte doch seinen Blick der Vergangenheit zu, denn er war geschichtlich geschult und bewandert, die Probleme, mit denen die Gegenwart ringt, durch ihre Entwicklung zu begreifen und aus der Vergangenheit zu lösen. Er versagte der Jugend, mit der er freudig verkehrte, nicht ihr Recht, gönnte ihr die Selbständigkeit des Empfindens, aber verlangte für die Reiferen das Recht des Mitsprechens und begehrte, daß sie nicht zurückgewiesen und beiseite geschoben werden dürsten. Die Pietät, die sonst selbstsicheren Männern so wenig eignet, war ein Grundzug seines Wesens. Sie betätigte sich u. a. dadurch, daß er seinem Familiennamen den Namen Beit beifügte, nicht bloß zur Erinnerung an den berühmten Großonkel, auf den er mit Recht stolz war, sondern zur Wahrung der Tradition in der Familie Veit, die zu den ersten Wiener 1671 nach Berlin eingewanderten Familien gehörte. Darum begründete er eine Veitsche Familienstiftung, die alljährlich einen Familientag abhielt, um den weitverzweigten Stamm der Verwandten zusammenzuhalten und die Erinnerung an die Vergangenheit zu beleben. Diese Pietät bekundete er aber auch der eignen Vergangenheit gegenüber: der Schule, die er besucht hatte, der Universität, auf der er ausgebildet worden war. Er feierte gern mit seinen Genossen die Gedenktage des Abgangs von dem Gymnasium. Bei der 40. Wiederkehr dieses Tages vereinigte er alle Ueberlebenden mit dem greisen Lehrer L. Bellermann, der den ergrauten dankbaren Schülern in der Prima eine Homerstunde gab, und versammelte Lehrer und Kameraden bei sich zu einem frohen Mahle. Innigste Verehrung weihte er seinem großen Universitätslehrer L. Goldschmidt, von dem er die bestimmende Richtung erhalten hatte, und mit dem er zeitlebens verbunden blieb. Er genoß des Meisters Anerkennung und Freundschaft und genoß die wehmütige Freude, die nachgelassenen Schriften des großen Forschers herausgeben zu dürfen. Aus der Förderung, die er von Lehrern und Meistern erlangt hatte, lernte er die Pflicht, für andere tätig zu sein. Nicht bloß für den engsten Kreis der Seinen, auch nicht nur für den weiten seiner Freunde, denen er zeitlebens unverbrüchliche Treue wahrte — eine große Schar, in der Christen und Juden fast gleichmäßig vertreten waren —, sondern auch für die vielen, die sich an ihn wendeten. Er war wohltätig und hilfsbereit. Er hat viele gefördert, manchen eine hohe Stellung verschafft. Solches tat er, nicht etwa um seinen gewaltigen Einfluß zu bekunden, sondern in dem Streben, den rechten Mann an den rechten Platz zu stellen, das wirkliche Verdienst zu ehren und zu würdigen. Und wie seine Lehrer und Meister in ihm den bedeutenden Schüler sahen, so lohnten ihm seine Schützlinge, die auch ihrerseits zu tüchtigen Männern emporwuchsen und sich schon jetzt in hervorragenden Stellungen befinden, mit innigem Dank, ja geradezu mit schwärmerischer Verehrung. Hermann Veit-Simon war ein wirklich gläubiger Jude, treu den Traditionen des Elternhauses; durch das Beispiel seines Großoheims Moritz Veit geleitet, hatte er sich einen Fonds kindlicher Gläubigkeit, festen Gottvertrauens gewahrt. Erwar—soweit es ihmfc in anstrengender Beruf gestattete —• ein treuer Besucher des Gotteshauses. Der Versöhnungstag besonders war ihm und seinem Hause ein Weihetag. Mehrere Jahrzehnte hindurch stellte er seine Kräfte in den Dienst allgemeiner jüdischer Angelegenheiten. Fünfzehn Jahre gehörte er dem Repräsentantenkollegium der Berliner Gemeinde an. Es gab kaum eine Sitzung, in der er nicht das Wort ergriff; er war es, der nicht bloß in schwierigen juristischen Angelegenheiten, sondern auch in allgemeinen Fragen durch seinen Rat, durchsseine wohlbegründeten Darlegungen den Ausschlag zu geben wußte. Er war vor vielen Jahren der Begründer des jüdisch-liberalen Vereins in Berlin, und wenn er sich auch später von diesem zurückzog, so hat er in dem allgemeinen liberalen Verband für jüdische Angelegenheiten auch weiter eine führende Rolle gespielt. Denn Begründer, Anreger und Führer war er in allen Vereinen und Institutionen, denen er angehörte: in dem Antizionistenkomitee, im Hilfsverein für jüdische Studierende, in der Zunzstiftung, im Kuratorium der Lehranstalt der Wissenschaft des Judentums. Auf seine Jni- Geh. Iustizrat Dr. Hermann Veit-Simon,

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