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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-24 · Heft 30 (24.7.1914) · p. Seite 352

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 30 (24.7.1914)
Date
1914-07-24
Page
Seite 352 (sequence 4)
Language
German
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352 Wurf Zu einem neuen Judenedikt vorgelegt werden soll. Es sind nämlich in der Iudenheit so viele verschiedene Richtuügen, daß die große Zahl der orthodoxen Juden es mit Bedauern sehen würde, wenn eine Revision des Judenedikts Zustande käme. Diese Kreise haben nicht nur einmal mündlich, sondern auch schriftlich unb durch Deputationen mich gebeten, ihre Ansichten und Gedanken hier kundzutnn, vor allem den, daß durchaus keine Einigkeit zwischen den verschiedenen Richtungen innerhalb der Iudenheit Zu erwarten ist; denn die Gegensätze sind viel zu groß, und wenn eine Revision des Judenedikts in der Weife, wie es geplant sei, stattfinden wird, so würde dieselbe nur zum Schaden der Orthodoxen dienen. Sie bedeutet eine Begünstigung der Neologen und bringt in die jüdische Konfession eine vollständige Zerrüttung. Namentlich haben die Orthodoxen außerordentlich große Bedenken gegen die geplante Zentralkasse. Diese soll ja dazu dienen, die minder leistungsfähigen Gemeinden in der Iudenheit zu unterstützen und ihnen die Mittel an die Hand geben zur Befriedigung ihrer Kultusbedürfnisse. Nun meinen gerade verschiedene orthodoxe Rabbiner, es würde den Neologen ein ganz gewaltiges Mittel in die Hand gegeben, um ihre Ansichten durchzusetzen und das orthodoxe Judentum immer mehr zurückzudrängen: denn es muß für diese Zentralkasse auch eine Verwaltung gewählt und ein Beirat aufgestellt werden. Dieser hat es dann in der Hand, über die einzelnen Kultusbedürfnisse zu entscheiden, die Mittel Zu gewähren oder sie Zu verweigern, und insofern würden sie dann einen großen Einfluß auf das Bekenntnis überhaupt üben und bei dem Ueberwiegen der großen städtischen Gemeinden würde dann das orthodoxe Judentum Schaden haben und immer mehr zurückgedrängt werden. Ebenso bestehen Bedenken auf dieser Seite gegen die Austritts- Möglichkeit. Es soll nämlich dem einzelnen, der nicht mehr mit der Richtung einer bestehenden Gemeinde übereinstimmt, die Möglichkeit gegeben werden, auszutreten und einer neuen Gemeinde sich anzuschließen. Es würden dann innerhalb ein und derselben Konfession verschieden denkende und verschieden gerichtete Gemeinden bestehen. Das halte ich allerdings auch für einen Widerspruch: denn eine Konfession kann nicht verschieden gerichtete Gemeinden in sich schließen. Ist man mit der Richtung, mit den Ansichten der bestehenden Konfession nicht mehr einverstanden, dann bleibt eben nichts anderes übrig, als aus der Konfession auszutreten, aber es kann nicht angehen, verschiedene Richtungen innerhalb ein und derselben Konfession als gleichberechtigt anzuerkennen. Ebenso bestehen drittens Bedenken gegen die geplante Verhältniswahl. Es soll bei dem Widerstreit der einzelnen Meinungen ermöglicht werden, daß der Kultusvorstand einer jüdischen Gemeinde durch die Verhältniswahl gewählt werde. Das würde nun zu außerordentlich großen Str.üiigkciieu innerhalb der Gemeinden führen. l§s müfrtt oas Gefüge der ganzen Gemeinde erschüttert werden, und wenn die eine Richtung obsiegt, ist es der anderen fast unmöglich, sich von einem Kultnsvorstande leiten Zu lassen, mit dessen Ansichten sie durchaus nicht übereinstimmt. Diese Bedenken bestimmen einen großen Teil des Judentums, namentlich die Rabbinate von Ansbach, Schwabach und Aschaffenbnrg und verschiedene andere zu der Bitte, es möge die Regierung davon nbsehen, das Judenedikt einer Revision Zu unterziehen. Das bisher bestehende überlieferte Judentum und seine Lehre fahre am besten unter dem bisherigen Zustand. Eine Revision in der geplanten Weise würde nur dazu dienen, den Neologen in der Judenschaft einen Vorteil zu geben und die orthodoxe Richtung immer mehr Zurückzudrängen. Ich wollte diese Ansichten verschiedener großer Kreise der Judenheit wieder vortragen, um dem Wunsche derselben Zu entsprechen, und füge hinzu, es ist auch meine eigene Ueberzeugung. Solange nicht innerhalb der Judenschaft eine Einigung stattfindet, wird es am besten sein, wenn der Staat das Judenedikt bestehen läßt, wie es bisher in Geltung war. Kultusminister Tr. v. K n i l l i n g : Tie Frage der Revision des Judenedikts erscheint injeder Landtagssession aus der Tagesordnung in dem Sinne, daß sie als dringend wünschenswert bezeichnet wird. Daß eine solche Revision nötig ist, darüber ist man sich allgemein in den Kreisen der Judenschast vollkommen klar. Wenn diese Revision bis heute noch nicht zustande gekommen ist, so sind daran vor allem die verschiedenen Richtungen der Iudenheit selbst schuld, die teilweise außerordentlich gegensätzlich sich gegenüberstehen. Das Kultusministerium hat den besten Willen, die Angelegenheit Zu fördern, und es finden zu diesem Zweck fortwährend Verhandlungen statt, die darauf abzieleu, so manche Mißverständnisse und nnzutressonde Voraussetzungen auszugleichen und aufklärend zu wirken. Erst in neuerer Zeit sind durch die Presse wieder verschiedene Artikel gegangen, die einer Stimmung der Beunruhigung gegenüber der kommenden Revision des Judenedikts Ausdruck gaben, bei denen es aber aus der Hand lag, daß dabei so manche unrichtige Auffassung mitspielte. Insbesondere haben meines Erachtens die orthodoxen Juden keinen Anlaß zu fürchten, daß ihnen durch eine Revision des Judenedikts zu wehe geschehe. Die Revision würde sich zürn Ziele setzen müssen, den verschiedenen Richtungen Rechnung zu tragen und dafür zu sorgen, daß ein Gewissenszwang sowohl gegenüber der einen wie der anderen Richtung vermieden wird. Meine Aufgabe erblicke ich darin, nach wie vor möglichst darauf hin zu arbeiten, daß wenigstens unter den Gruppen, die sich hier gegenüberstehen, eine annähernde Verständigung erfolgt. Denn es ist selbstverständlich ganz ausgeschlossen, daß dem Landtag ein Gesetzentwurf unterbreitet wird, von dem man sagen muß, daß mit ihm diejenigen, für die er bestimmt ist, in ihrer Mehrzahl oder wenigstens in großer Minderheit nicht einverstanden sind. Ob es gelingen wird, nach allen Erfahrungen einen Ausgleich der Geister herbeizuführen und damit deu Boden zu schaffen, daß der Entwurf eines neuen Judenedikts dem nächsten Landtag vorgelegt werden kann, muß erst die nächste Zeit zeigen. Ich kann nur den Wunsch anssprechen, daß die Nächstbeteiligten auch die Hand dazu bieten mögen, das; das Werk, das längst als dringlich erkannt ist, endlich einen Schritt vorwärts gebracht werden kann. * Einen anregenden Artikel veröffentlicht M. L i b e r in dem „Univers israelite“: „Der Kultus und die Zeremonien". Seine Grundidee ist, daß das Judentum nur dann gefestigt werden könne, wenn die Zeremonien wieder zu Ehren kommen, besonders, wenn der Sabbat und die Speisegesetze gehalten werden. Seine Ausführung gipfelt in den Worten: .,Le vrai fidele cest le pratiquant; der wahrhaft Gläubige ist der, der die Zeremonien hält." Gegen diese Ausführung müssen wir entschieden Verwahrung einlegen. Wohl stimmen wir mit dem Kollegen überein, daß das Haus mehr als bisher den religiösen Sinn stärken müßte: aber Religion ist Herzenssache, Gläubigkeit, nicht äußere Formel. Der wirkliche Jude ist der, der von der Wahrheit seines Glaubens durchdrungen ist, die Grundsätze seiner Religion hochhält und übt. Wer die Formen beobachten will, soll darin nicht gestört werden, aber das Wesen der Religion beruht nicht in den Zeremonien. * Im Verfolge unserer Meldungen aus Saloniki sei erwähnt, daß der „Bund griechischer Redakteure", dem kein Jude angehört, sich gegen jede antisemitische Gesinnung verwahrt und den Juden vorwirft, Gehässigkeiten denunziert zu haben, die gar nicht existieren. * Die „Kölnische Zeitung" bringt folgenden, ihr von jüdischer Seite zugegangenen Artikel: „Die Judenfrage in Rumänien." Seit dem Politischen und militärischen Auftreten Rumäniens im Jahre 1913 hat die Bevölkerung des Königreichs ein Machtgefühl ergriffen, das sich seither in allen Zweigen des öffentlichen Lebens betätigt, mögen sie dem Politischen, militärischen oder wirtschaftlichen Gebiet angehören. Die innere Ausstattung für das neue Gewand, das die Betätigung in der internationalen Politik geliefert hat, sollen die im großen Stil angelegten Reformen bringen, welche die neue Negierung durchzuführen im Begriffe ist. Nur eine Klasse der Bevölkerung, die der rumänischen Juden, steht trauernd beiseite. Es ist heute, da die Ziele der liberalen Reformpolitik in großen Zügen bekannt sind, fein Zweifel, daß den rumänischen Juden von all den Neuerungen des wirtschaftlichen und politischen Lebens, die in Aussicht stehen, nichts zugute kommen, daß für sie alles beim alten bleiben wird. Worin dieses Alte besteht, ist dem Ausland in großen Zügen bekannt. Es kennt aber kaum die Einzelheiten dieser bald

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