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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-24 · Heft 30 (24.7.1914) · p. Seite 351

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 30 (24.7.1914)
Date
1914-07-24
Page
Seite 351 (sequence 3)
Language
German
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351 weder Königstreue noch Pflichtbewußtsein, also auch nicht die volle Zugehörigkeit zum Offiziersstand; die leuchtenden Beispiele vieler freisinnigen Offiziere, von denen unter den Hunderten nur Major Beitzke und der General v.. Boyen hervorgehoben zu werden brauchen, mögen die Unrichtigkeit der Ansicht von der Unvereinbarkeit des Liberalismus und des Offizierstandcs beweisen. 6. Gänzlich falsch ist die letzte Behauptung, daß das Judentum den preußischen monarchischen Staat zertrümmern will und sich deshalb zum Führer der Sozialdemokratie aufgeworfen h a t. Unter den eigentlichen Führern der Sozialdemokratie finden sich sehr wenige Juden, wenn auch gar manche der Partei als solche angehören. Die überwiegende Mehrheit der preußischen Juden dagegen ersehnen nichts mehr und nichts heiliger, als eine Stärkung Preußens, als die Blüte Deutschlands. Woher der Herr General seine Kenntnis gezogen hat. vermag ich nicht zu sagen. Ich glaube aber im obigen dargetan zu haben, daß keine seiner Behauptungen irgendwie stichhaltig ist. Im geschlossenen Kuvert, ohne Begleitwort. ist mir ein auf gelbem Papier gedruckter „Aufruf für i> i e deutsche I u g e n t>" zugekormnen. Als Druckfirma wird genannt die Jmprimerie Jouot in Paris, unterschrieben ist der Aufruf „Berlin, Potsdamer Straße, Die Jugendwehr gegen den inneren Feind Deutschlands. A. v. Arnim, V o r st a n d". Der Aufruf enthält die unerhörtesten Beschimpfungen gegen das „Berliner Tageblatt" und seinen Verleger. Beschimpfungen, die gewiß ihre verdiente Bestrafung finden werden. Aber es enthält auch einzelne Stellen gegen die Juden überhaupt, die man nur mit tiefster Verachtung strafen kann. Der Verfasser des Flugblattes wagt es, folgenden Satz niederzuschreiben: „Wohin der treulose Jude kommt, wird die Kultur in einen Tanz um das goldene Kalb verwandelt und ein menschenhassender Kampf nur um den Besitz von Geld geführt. Solange man die Geschichte des Judentums kennt, hat dieses Volk niemals auch nur versucht, durch ehrliche Arbeit sich zu erhalten und emporzukommen. — Es ist immer Betrug, Ausbeutung der Not anderer und jede nur mögliche Gemeinheit gewesen, mit denen sich die Juden Geld und Macht zu erwerben suchten. Niemals hat das Judentum in ehrlichem, offenem Kampfe sich zu einem ehrlichen Volke emporzuraffen gesucht; immer hat es nur zu den niedrigsten gemeinsten Mitteln gegriffen, um seine Zwecke zu erreichen." Weiß der Verfasser wirklich nicht, daß die Juden, solange sie ein Volk bildeten, die fleißigsten Handwerker und Landarbeiter gewesen sind? Weiß er nicht, daß sie in den Kämpfen mit anderen Völkern sich als heroische Krieger bewährt haben? Weiß er nicht, daß die Juden nur durch die barbarischen Gesetze europäischer Völker zum Schacher und häufig auch zum Wucher gedrängt worden sind? Weiß er nicht, daß noch heute Millionen Juden in Rußland fleißige Handwerker und rüstige Arbeiter sind?! Aber der Verfasser geht weiter. Er wagt zu behaupten: „Der Jude will keine ehrliche Arbeit verrichten, deshalb gehört er nicht in den Rahmen des Volkes hinein." Mit tiefster sittlicher Empörung weisen wir diese durch nichts begründete Verleumdung zurück. Kennt der Verfasser nicht oder will er nicht kennen die Tausende und Abertausende von Juden in Deutschland, die, teils als Handwerks- und Landarbeiter, teils als Kaufleute. Rechtsanwälte. Aerzte, Künstler, Schriftsteller. Gelehrte zum Teil in höchsten Stellen, an Akademien und Universitäten in ernster, pflichterfüllter Arbeit ihre Tage zubringen? — Es ist eine unerhörte Schmach, daß diesen Hunderttausenden, die ebenso treu und ehrlich arbeiten wie die christlichen Deutschen, die Ehre abgeschnitten werden soll. Wenn aber dann der Verfasser geradezu folgende Vorschläge macht: „An euch, ihr Jünglinge, ist es, eure Liebe zum deutschen Vaterland dadurch zu beweisen, daß ihr keinerlei Gemeinschaft mit dem jüdischen Nachwuchs bildet. Brauchet eure Fäuste, wenn diese frechen Buben euer Deutschtum verhöhnen" und „wenn einmal sämtliche Schüler der höheren Schulen sich weigern werden, mit Jüdensprößlingen zusammenzusitzen. dann würde schon der ersth Schritt zur Befreiung Deutschlands vom inneren Feind getan sein", so kann man gegen solche Aufreizungen zur offenen Gewalt, zur Verletzung der Gesetze, unter denen wir leben, nur eine einzige Antwort geben: Uebergabe der Schrift an den Staatsanwalt. Man muß sich wahrlich schämen, in einer Zeit zu leben, in der einer, der sich einen Deutschen zu nennen wagt, sich erkühnt, derartige Vorschläge zu machen. Die Schule ist ein Staatsinstitut oder eine städtische Einrichtung, und jeder, der es unternimmt, einen Schüler aus religiösen Gründen von einer Schule auszuschließen, begeht ein Verbrechen gegen den Staat. Die Aufforderung „brauchet eure Fäuste" ist eine offene Aufruhrpredigt, die nicht mit Worten allein, sondern durch eine richterliche Strafe geahndet werden muß. # Eine antisemitische Andeutung findet sich auch in der Rede, die Herr Diedrich Hahn bei dem Feste des Bundes der Landwirte (12. Julis gehalten hat. Aber während sonst solche Reden von Ausfällen gegen die Juden strotzen, findet sich hier nur der einzige Passus: Großkapitalismus und Sozialdemokratie erkennen, daß sie ihre Ziele nur erreichen, wenn sie uns gelähmt haben. Die Regierungen wollen leider die Gefahr nicht erkennen. Das Judentum bedient sich der Sozialdemokratie, uw seine Wünsche zu verwirklichen. (Sehr richtig!) Auch der Liberalismus besteht meist nus Juden. Sv kurz er ist, so falsch ist er; zu seiner Widerlegung ist schon oben Genügendes beigebracht. # Eine erfreuliche Wendung gegen antisemitische Bestrebungen nahm eine allgemeine Studentenversammlung in Berlin, die zur Bildung -Ges offiziellen Ausschusses der Studentenschaft berufen worden war. Es wurvc ««.mich — die übrigen Beschlüsse liegen unserem Interesse fern — beschlossen: Auf Verlangen der jüdischen Kvrporntionsvertrcter — daß bei dem Eintreten für deutsch-nationale Frage» keine a n t i s e m i t i - s ch e n Tendenzen aufkominen dürfen. * Erfreulich wirkt auch folgende Mitteilung aus Dresden: Das hiesige Schöffengericht verurteilte den Herausgeber der a nti semitischen Zeitschrift „Der Hammer", Theodor Fritsch, Leipzig, und den Redakteur der kvuservatlv-antisemitischcn „Sächsischen Landeszeitniig", Hugo Mehcr i» Dresden, wegen Beleidigung des hiesigen Rabbiners Dr. Winter zu je 100 Mark Geldstrafe. Die Beleidigung knüpfte an einen Prozeß au, der gegen, Mcher wegen Schmähung der jüdischen Religion angestrengt worden war, in dem Dr. Winter nls Sachverständiger vernommen wnrde. * Freitag, 17. Juli 1914. Aus dem Bayerischen Landtag. In der 38. öffentlichen Sitzung der Kammer der Reichsräte. Beim „Etat der Ausgaben für kirchliche Zwecke" führt der Erzbischof von Bamberg Dr. v. H a n ck aus: Ich bin von einigen Deputationen der orthodoxen Judenschaft gebeten worden, bezüglich der Revision des Judenedikts auch ihre Ansicht hier knndzugeben. Ich weiß nicht, ob der Minister noch auf dem Standpunkt steht, den er in, Ausschüsse vertreten hat, daß ein Ent-

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